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Rezensionen


 
Joel Agee - Zwölf Jahre
Buchinformation
Agee, Joel - Zwölf Jahre bestellen
Agee, Joel:
Zwölf Jahre

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(Bücher frei Haus)

Wie kommt ein Ami, der kein Diplomat ist, dazu, in der Sowjetischen Besatzungszone, die bald DDR genannt werden sollte, zu leben? Es ist so selten wie einfach: Der Ami ist ein Kind von acht Jahren, heißt Joel, und seine Eltern sind feuerrot-glühende Kommunisten - wenn natürlich auch nicht schon immer gewesen: der Stiefvater Bodo Uhse war bis 1930 noch Mitglied der NSDAP. Aber was ist schon so ein Zeltwechsel von einem totalitären Lager in das andere? Gravierender ist doch der Schritt aus der Heimat (Mutter) bzw. dem Exil (Vater): heraus aus der kapitalistischen, "abstrakten" Freiheit in das Reich der kommunistischen Notwendigkeiten, des Du-darfst-nicht-Du-musst-sonst-wirst-Du-vernichtet.

Aber: "Wir waren von Anfang an gut versorgt" - so weiss Joel Agee in seinem Buch "Zwölf Jahre" von seiner zweiten Heimat zu berichten. Der Vater gilt als verdienter alter Kommunist, ist ein bekannter Romanschriftsteller, der den "Stil" des Sozialistischen Realismus pflegt, zeitweilig sitzt er für die SED sogar als Abgeordneter in der Volkskammer, den Urlaub verbringt man in Ahrenshoop an der Ostsee, wo die Funktionäre im Sandstrand übereinander stolpern: Mit einem Wort, das auch Joel benutzt: Vater Uhse ist ein richtiger Bonze.

Joels Kindheit und Jugend in Ostdeutschland erstreckt sich über die Jahre 1948 bis 1960. Es ist eine Zeit, in der das Regime noch nicht ganz ausgereift und perfektioniert ist, in der es noch zahlreiche Brücken in die kulturvollere Vergangenheit wie Bücher von verfemten Autoren (Musil, Whitman, Nietzsche, Freud) gibt. Ein Glück für Joel: Wie jeder lebensfrohe Mensch ist er nicht für den grauen Stumpfsinn der Jungen Pioniere, FDJ und Werktätigen im volkseigenen Betrieb geschaffen. Er flieht die Realität, lebt in Träumen und Büchern, übt sich in Aufzeichnungen und verschiedenen Künsten, sucht nach dem, was er vielleicht werden könnte, weil doch jeder etwas wird, werden ... muss. Nur was? Er ist wie Ulrich aus Musils "Mann ohne Eigenschaften" - seiner liebsten Lektüre - der zögert, "... aus sich etwas zu machen; ein Charakter, ein Beruf, eine feste Wesensart, das sind für ihn Vorstellungen, in denen sich schon das Gerippe durchzeichnet, das zuletzt von ihm übrigbleiben soll".

Nicht nur die Schule, die sporadischen Erfolge, die Faulheit, das Sitzenbleiben zeichnet Joels frühen Weg, es ist auch bald das Entdecken der eigenen Sexualität: Liebeleien Betastungen Küsse Ejakulationen, flüchtiges Spiel, nichts festes, nur fortwährend mit sich herumgetragenes Unbefriedigtsein, zwingende Schüchternheit. Es ist sehr ehrlich freizügig geschildert, eher aus der Sicht des Erlebenden als aus der des das Erlebte später Betrachtenden - die Tagebuchaufzeichnungen werden Joel bei der Erreichung des fühlbaren Authentizitätsgrades geholfen haben. Und doch ist es natürlich eine Erzählung voller dichterischer Freiheiten, wie das Vorwort zugibt und es kaum anders sein kann.

Selbst für Bonzen konnte das Leben in der DDR problembeladen sein; menschliche Probleme gibt es ja freilich - systemunabhängig - wo es Menschen gibt: Joels sechs Jahre jüngerer Bruder Stefan hat quälende Krankheiten, Asthma, Bodo neigt zu Alkohol und Fremdgang, der Mutter Alma fällt es immer schwerer, letzteres zu ertragen. Und so kommt das Buch zu seinem Happy End: Alma, Stefan und Joel verlassen die Arbeiter- und Bauernhölle ohne den Vater in Richtung USA. Das Leben selbst geht teilweise weniger fröhlich weiter, bzw. zu Ende: Bodo stirbt drei Jahre später, Stefan nimmt sich mit 27 das Leben. Aber das sind wiederum andere Geschichten.

[*] Diese Rezension schrieb: Arne-Wigand Baganz (2010-01-14)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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