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Fatih Akin - Im Clinch - Die Geschichte meiner Filme
Buchinformation
Akin, Fatih - Im Clinch - Die Geschichte meiner Filme bestellen
Akin, Fatih:
Im Clinch - Die
Geschichte meiner Filme

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(Bücher frei Haus)

Ein Heimatfilm sei es gewesen, so Fatih Akin über seinen letzten Spielfilm „Soul Kitchen“ (2009). Diesen Film sei er seiner Heimatstadt Hamburg schuldig gewesen, denn es sei die einzige Stadt, in der er all die Dinge des Alltags mache, wie etwa mit den Öffis fahren und wo er den kürzesten Weg von A nach B kenne. So kann man „Heimat“ natürlich auch definieren, eben das, was man gewohnt ist. „Das Leichte ist bekanntlich besonders schwierig“ und so wollte Akin damals „einfach nur so zwischendurch“ eine kleine Komödie drehen, bevor er seine Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“ abschließen würde. Aber dann wurde „Soul Kitchen“ doch ziemlich aufwendig und zu den Filmfestspielen von Cannes, wo Akin 2007 für „Auf der anderen Seite“ den Prix du scenario verliehen bekommen hatte, nicht mehr fertig. Dabei hatten sie in Cannes quasi schon auf seinen Film gewartet. Denn Fatih Akin war nicht erst seit „Gegen die Wand“ (2004) - wofür er in Berlin den Goldenen Bären gewonnen hatte - ein internationaler Star. Auch „Crossing the Bridge“, „Im Juli“, u. a. waren große Erfolge für die der deutsch-türkische Regisseur viele weitere Preise bekam.

Zufälle gibt`s…
Der unerwartete Überraschungserfolg von „Soul Kitchen“ bestätigte dann seine Erfahrung, dass ein Film einfach einen guten Schnitt haben müsse. Die „Ansichtskarte aus Hamburg“, wie er ihn selbst nennt, bestach aber natürlich vor allem auch durch drei der besten deutschen Schauspieler, um die die Geschichte und die Frauenrollen herum konstruiert wurden: allen voran Birol Ünel, der in einer Nebenrolle als Koch Shayn „verheizt“ wurde, Moritz Bleibtreu (Ilias) als Bruder von Adam Bousdoukos (Zinos), der schon in „Kurz und Schmerzlos“ (1997 R: Akin) eine wichtige Rolle gespielt hatte. Und noch ein übrigens: der Mann, der Zinos auf eine so unkonventionelle Weise seinen Bandscheibenvorfall wieder einrichtet, den gibt es wirklich! Er heißt Ugur Yücel und spielt auch in Akins Episode in „New York, I love you“ eine Rolle. Wer glaubt diese Heilmethode sei reine Fiktion, irrt sich. Auch Akin selbst wurde mit dieser Technik geheilt, allerdings nicht von Ugur. Es gab dann auch einen Preis für den Film: in Venedig bekamt „Soul Kitchen“ den Spezialpreis der Biennale von Ang Lee verliehen. In Deutschland sahen knapp 1,5 Millionen den Film, und so wurde die kleine leichte Komödie der größte Erfolg Fatih Akins bisher. (Im Vergleich dazu: Gegen die Wand sahen im ersten Jahr des Erscheinens 777.000 deutsche Zuseher.)

„Durch Beobachtung, Meditation und Inspiration“
Die Formel fürs Filmemachen hat sich Fatih Akin übrigens von Fidel Castro abgeschaut. Dieser sage in Oliver Stones „comandante“, dass die Revolution in Kuba auf diese Art und Weise bewerkstelligt wurde. Das gelte eben auch fürs Filme machen meint Akin, denn er bereite sich sehr gut vor, mache sich auch körperlich fit, esse und trinke weniger. Für seine Filme tut er einfach alles. Jeder davon ist natürlich auch ein Kampf mit sich selbst, wie beim Boxen, so Akin, was wohl auch den Buchtitel hinlänglich erklären dürfte. Oder wie Kung Fu, denn auch Bruce Lee gehört zu Fatih Akins Vorbildern, da er ein authentischer Mensch gewesen sei. Er habe gesagt, wenn man Wasser in ein Glas oder eine Flasche füllt, nehme es die jeweilige Form an. Diese Kunst würde Akin gerne mit seinen Filmen auch beherrschen. Film sei eine Form von Kampfkunst. Wohl ein Kampf für das Gute: „Kunst und Kultur können helfen den Kontinent zu vereinen und die Nationen zu versöhnen, nachdem in den vergangenen Jahrhunderten so viel Blut vergossen worden ist.“, so Akin.

Produktionsfirma mit Herz: Corazón
„Abgesehen davon, dass wir die Welt verändern wollen, haben wir keine politischen Ziele. Künstlerisch sind wir vielleicht etwas größenwahnsinnig, sonst versuchen wir bescheiden zu bleiben.“, sagt Fatih Akin über seine Produktionsfirma „Corazón“, die seit einigen Jahren auch anderen Filmemachern ermöglicht groß rauszukommen. Özgür Yildrim ist ein Beispiel dafür, sein Filmdebut „Chiko“ wurde 2008 von Corazón international produziert. Auch Bleibtreu spielt bei diesem Film mit, Corazón vermittelt also wohl auch Schauspieler nicht nur Budgets. Auf jeden Fall ist auch dieses Produkt von Corazón mit Preisen überschüttet worden, mal sehen, ob es mit „Blutsbrüder“ ähnlich verläuft. Sein eigenes nächstes Spielfilmprojekt, das in den Rahmen der anfangs angesprochen Trilogie fallen dürfte, beschäftigt sich tatsächlich mit einem „Teufel“, denn Yilmaz Güney stellte das für viele Leute war, die ihn kannten. „Er war Macho, Waffenfetischist, Frauenheld, Maoist, Intellektueller, Poet – und Filmemacher.“ (Für „Yol – Der Weg“ hatte er 1982 übrigens die Goldene Palme in Cannes gewonnen.) Mit diesen Worten fasst Akin das Leben eines der bekanntesten Türken zusammen, der auch noch Kommunist war und dem die Regierung sogar einen Mord anlastete, der ihn ins Gefängnis brachte, aus dem er leicht flüchten hätte können. Aber im Knast sei es weitaus sicherer gewesen, meint Akin, deswegen sei er wohl auch dort geblieben. „Der Knast gehörte ihm“, so Akin in einem Interview im Mai 2011.

Die Kunst und die Liebe
Das Grunddilemma in dem sich viele der Protagonisten von Akins Filmen befinden, ist die Entscheidung zwischen der Liebe und der Kunst. Das trifft wohl nicht nur auf Yilmaz Güney zu, dem seine politischen Einstellungen und die Liebe zur Kunst zum Verhängnis wurden. „Die Liebe zur Kunst ist die Liebe zu sich selbst – Narzissmus.“, dessen ist sich auch Fatih Akin bewusst und muss darüber oft mit seiner Frau streiten. Da gebe es manchmal schon richtig Zoff, aber am Ende habe sie immer Recht. Natürlich unterstütze sie ihn sehr in seiner Arbeit, aber er hat wohl einfach zu viele Ideen im Kopf. Da gibt es noch das Projekt eines Filmes über Ahmet Öner, ein Dokumentation über den „Müll im Garten Eden“ und diverse Angebote aus Hollywood. Und eigentlich wollte Fatih Akin ja auch immer schon einmal einen großen Western drehen. Der Mann hat sein Potential wohl noch lange nicht ausgeschöpft und hoffentlich kommen noch viele Filme von ihm, auch wieder über die Liebe, den Tod und den Teufel auf den Markt. Denn kein Regisseur macht es mit so viel Gefühl und Authentizität. Das scheint auch durch diese erste autorisierte Interview-Biographie durch, die auch einige „Bonustracks“ spielt, wie etwa eine Bibliographie, Kindheitsfotos, ein Register, Interviews mit Freunden und Weggenossen, Hintergründe und vieles mehr. 2011 bekam Fatih Akin einen Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin.

Fatih Akin
Im Clinch - Die Geschichte meiner Filme
Rowohlt
Hardcover, 256 S.
16.09.2011
24,95 €
978-3-498-00669-3

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2012-01-27)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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