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Günter Amendt - Die Legende vom LSD
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Amendt, Günter:
Die Legende vom LSD

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(Bücher frei Haus)

Von Jürgen Weber

LSD sei das „spirituelle Pendant zur Wasserstoffbombe“ hatte Timothy Leary, der Drogenpapst der Sechziger einst gesagt. Er benutzte die Droge, die der Schweizer Albert Hofmann in einem fehlgelaufenen Experiment zufällig entdeckte, als Sakrament, gemeint war sie aber eigentlich als Medikament. In einem stets unterhaltsamen und mit vielen Details und Hintergrundinformationen angereicherten Bilderbogen erklärt uns der Soziologe Günter Amendt auf dieser CD die Geschichte des LSD und nimmt dabei vor allerhand Mythisierung Abstand. Günter Amendt ist vor allem ein Aufklärer, er glaubt an die Information und das Credo Learys „Just say KNOW!“, das er dem Credo Nancy Reagans „Just say NO!“ entgegenstellte. Nichtsdestotrotz kritisiert Amendt Leary auch, aber er macht das sehr profund und argumentativ, ohne Polemik oder hämische Untertöne.

Die Ursprünge der LSD-Forschungen liegen in den Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges. Wie konnten zivilisierte Völker, wie das der Deutschen und Österreicher, zu autoritätshörigen Maschinen ausgebildet werden? Diese Frage stellten sich nach dem Sieg der Alliierten in Europa nicht nur amerikanische Soziologen. Die Deutschen sollten einer Art „Reeducation“ unterzogen werden, um Ähnliches wie den Nationalsozialismus künftig zu verhindern. Doch die Idee selbst, die auf diversen Macy-Konferenzen geboren wurde, nämlich, einen „antiautoritären Menschen in Serie“ herzustellen, widerspricht der eigentlichen und gut gemeinten Intention. Dennoch kommt die Motivation zur Erforschung psychischer Botenstoffe, die den Menschen ent-programmieren sollten, aus der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges und wurden später auch für die Aufarbeitung des Vietnam-Traumas ausgewertet und angewandt.

Günter Amendt bezieht zumeist auf Timothy Leary, erzählt, wie dieser von den Weathermen aus dem Gefängnis befreit wurde, bei den Black Panther untertauchte und sich später über Wien nach Afghanistan absetzte, um schließlich nach erneuter Auslieferung und Internierung in die USA in der Schweiz politisches Asyl zu finden. 1996 starb er dort an Krebs, für viele wurde er danach zu einem „Messias und Märtyrer der psychodelischen Bewegung“ (Playboy) und manche verstrickten sich sogar zu dem Urteil, dass es ohne Leary und LSD die Sechziger nicht gegeben hätte (Tom Robbins). Timothy Leary wurde übrigens 1920 in Springfield/MA geboren, wer sich also immer schon die Frage nach dem genauen Staat, wo die in Lysergsäurediethylamid-getauchte Fernsehserie „The Simpsons“ eigentlich zu Hause ist, gestellt hat, wird hier mit einem befriedigten Grinsen und gezücktem Bleistift eine der kniffligsten Fragen des 20. Jahrhunderts auf seiner Agenda abhacken können.

Albert Hofmann, der eigentliche Erfinder des LSD, dem wir auch die Beschreibung des ersten LSD-Trips der Welt verdanken, wurde noch viel älter als Leary, über 100 Jahre und geistig fit verabschiedete er sich erst vor kurzem, am 29. April 2008 in Burg im Leimental, von der Welt. Was die Lektüre oder das Hörbuch (das Buch wird vom Autor selbst gelesen) von Günter Amendt nun besonders interessant macht, ist die unverhohlene Kritik an dem Teppichverkäufer Timothy Leary. Dieser habe von Marshall „the-media-is-the-message“ McLuhan gelernt, wie man ein Produkt anpreisen und verkaufen kann:„Lächle immer und erscheine als glücklicher, ausgeglichener Mensch, zürne nie und betone stets das göttliche Element deines Produkts“. Ähnlich einem Teppichverkäufer eines x-beliebigen Basars habe sich Leary auf eine Reise um die Welt gemacht, um die Erfindung Hofmans zu propagieren. Doch was Leary dabei in verantwortungsloser Weise verschwieg, war sein eigenes Einstiegsalter. Er hatte es quasi unter den Teppich gekehrt, dass er LSD erst mit 39 Jahren zum ersten Mal genommen hatte und wie Amendt nicht müde wird zu betonen, ist das nicht nur ein Versäumnis, sondern fast ein geradezu unverantwortliches Verbrechen. LSD sei eine Droge für Erwachsene, sagt Amendt, und Leary verkaufte (im Sinne von anpreisen) die Droge an Kinder... Besonders seltsam erscheint Amendt auch die Tatsache, dass SANDOZ, die Schweizer Firma, die LSD erzeugt hatte, gleichzeitig auch das Entlaubungsmittel Agent Orange, das in Vietnam auf verheerende Weise eingesetzt wurde, „erfunden“ hatte. Günter Amendt formuliert den verschwörerischen Gedanken nicht aus, er lässt stattdessen Bob Dylan sprechen, der sich gegen diese Droge stets verwahrt hatte, und meinte: „Danach wurde irgendwie alles irrelevant“. LSD also als counterinsurgency-Strategie des Geheimdienstes, um die rebellierenden Studenten unter Kontrolle zu bekommen? Amendt zeigt auch die Gemeinsamkeiten zwischen Psychosekten und Timothy Leary auf, das arrogante elitäre Gehabe und das Ersatzreligiöse hatten ihn immer schon gestört. Und überhaupt: Konnte man durch das Einnehmen einer Pille einen Lernprozess, der stets mit viel Arbeit verbunden war, so ganz einfach ersetzen? Mitnichten.

Immer wieder weist Günter Amendt auch auf die Verstrickungen von Geheimdiensten in der Anwendung von LSD hin und illustriert dies am Beispiel des sog. Unibombers Kaczynski. Dieser sei nämlich ein Proband der Droge gewesen sein, als diese noch vom US-Geheimdienst an Soldaten und anderen „Freiwilligen“ ausgetestet wurde. Seine spätere Professur in Harvard und die sich erst viel später manifestierende Paranoia, die schließlich zu den Attentaten führte, könnte also eine Langzeitfolge dieser Drogenexperimente sein, wie Amendt dem Leser zu bedenken gibt. Die Aktualität von LSD weist Amendt schließlich nach, wenn er von den bevorstehenden medikamentösen Behandlungen der Irak-Soldaten spricht. LSD sei billig herzustellen und könne den Soldaten als Ersatz für eine psychologische Betreuung eine rasche Bewältigung ihrer Traumata bieten. Die tickenden Zeitbomben natürlich nicht miteinberechnet...

Günter Amendt hatte eine Mineralöllehre gemacht, war Adorno-Student, Soziologe und hat auch eigene Erfahrung mit LSD gemacht. Dabei unterschied er zwischen Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung, denn Drogen könnten nur das sinnlich erfahrbar machen, was einem vorher schon analytisch klar war. Er warnt deswegen davor, Drogenerfahrungen ohne das dazugehörige Setting oder einen „Schäfer“ (shepard, Begleiter) zu machen. Günter Amendt überzeugt vor allem durch seine Ehrlichkeit und wie er ohne falsche Scham mit Ent-Tabuisierung für Aufklärung sorgt. Dies hat der Autor auch schon in mehreren anderen Büchern zu vielen anderen Themen unter Beweis gestellt. Günter Amendt wurde 1939 geboren, arbeitete eine Weile auch als Therapeut und Publizist und ist sowohl als Sexualaufklärer als auch Bob-Dylan-Interpret seit mehr als 30 Jahren jedem aufgeklärten Bundesbürger ein Begriff.

2008
Zweitausendeins
www.Zweitausendeins.de
MP3 300 Minuten
ISBN: 978-3-861508700
12,90.-€

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2008-12-05)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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