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Rezensionen


 
Dario Argento - Die Halunken
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Argento, Dario:
Die Halunken

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(Bücher frei Haus)

Eine andere Art der Abrechnung mit den 68ern stellt der Film „Le cinque giornate” (1973) mit Adriano Celentano von Dario Argento dar. Auch wenn es vordergründig um den Aufstand der Mailänder gegen die Österreicher geht (1848) sind doch deutliche Anspielungen gegen die 68er oder zumindest die auf sie nachfolgenden K-Grüppchen auszumachen. (Bitte sehen Sie dazu auch die Rezension zu Angelika Ebbinghaus auf dieser Buchseite) In den beiden mitgelieferten Trailern des Films heißt es ironisch-lakonisch warnend: „La rivoluzione è una grande festa populare: la gente scende nelle strade, si incontra, si abbraccia e qualche volta muore.“ (Die Revolution ist ein großes Volksfest: die Leute kommen auf die Straße, treffen sich, umarmen sich und manchmal stirbt man auch.) Dass es bei der Revolution nicht ganz ohne Sterben geht, zeigt auch dieser Film, eine „rabenschwarze Politcomedy“, wie das Booklet verspricht.
 
Aber kommen wir zuerst zum Inhalt des Films, bevor wir uns mit der Interpretation desselben beschäftigen. Der Protagonist Cainazzo, meisterhaft dargestellt von einem jungen, muskulösen und vollhaarigen Adriano Celentano, wird quasi aufs Versehen aus dem Gefängnis befreit. Er ist wie einer von vielen damals ein Dieb von Beruf und schlägt sich mehr schlecht als recht durch das Leben. Die Revolution bedeutet ihm gar nichts, denn davon versteht er nichts, um aber in den Revolutionswirren nicht erschossen zu werden, nimmt er auf Rat seiner Diebesfreunde eine italienische Fahne zur Hand und schreitet durch die Gassen Mailands auf der Suche nach seinem Freund Zampino. Als die Menschen die Fahne sehen, folgen sie Cainazzo magisch angezogen ohne dass es dieser merkt und er geht schnurstracks auf eine öffentliche Toilette zu, wo er die Fahne anlehnt. Allein diese Symbolik macht gleich zu Beginn des Filmes klar, was Dario Argento von Nationalismus hält und diese Szene gehört bestimmt zu den ersten willkommenen Lachern dieser Komödie. Aber natürlich hat der Film auch eine tragische Seite, denn die „cinque giornate“, die fünf langen Tage, hatten das Gemetzel von Radetzky, dem österreichischen General, zur Folge. Es gilt als eines der grausamsten Massaker gegen die Zivilbevölkerung zumindest des 19. Jahrhunderts und sollte einem beim Hören von Strauß` Radetzkymarsch im Hals stecken bleiben.
 
Aber vorerst hatten die Österreicher noch nicht gewonnen und der Film ist in einzelne Kapitel unterteilt, von denen eines „un incontro fatale“ (eine fatale/schicksalhafte Begegnung) heißt. Cainazzo begegnet dem Bäckergesllen Romolo (Enzo Cerusico) und als eine Bombe der Österreicher sein Haus und seinen Ofen zerstört, folgt ihm dieser bis ans Ende des Films. Cainazzo macht den grantigen Bären und Romolo den tölpelhaften Jungen, ein wahres Duo infernale also, zwischen dem sich eine klamaukhafte Groteske entwickelt. So müssen die beiden etwa einer schönen Rothaarigen bei der Geburt ihres Kindes helfen und die Kameraeinstellungen dabei sind nicht ohne Raffinesse. Als Cainazzo versucht ihr einen Schlauch mit Wasser einzuführen, ruft die werdende Mutter „Non qui! Guarda bene!“ und alle wissen was gemeint ist. Schließlich gelingt der „parto difficile“ (Kapiteltitel) doch noch und ein gesunder strammer Italiener kommt zur Welt, dem man das beste für die Zukunft wünscht.
 
Apropos Zukunft: während sogar die Baronessa (Marilu Tolo) mit ihren Möbeln Barrikaden gegen die Österreicher baut und es zu einem wilden Straßengefecht kommt, werden unsere beide unbeholfenen Helden zum Gewehrladen verdonnert, ohne dass sie es wollten oder könnten. Prompt explodiert ein Gewehr nach hinten und tötet damit einen Patrioten. Aber so wie dieser „Rückschuss“ symbolisch ist, für das was später geschehen soll, ist auch die oben angedeutete Geburt („ein neues Italien“) und die Zerstörung der Bäckerei („Handarbeit vs. den Siegeszug der Maschinen“) von Dario Argento bewusst gewählt worden. Es sind Metaphern für die Unbeholfenheit des menschlichen Aufbegehrens gegen die Gewalt und auch eine Illustrierung von deren Ausweglosigkeit, denn Gewalt gebiert wieder Gewalt und kann keine bessere Gesellschaftsordnung errichten. Zwischen den Barrikaden taucht auch erstmals der von Cainazzo gesuchte Zampino auf, beritten zu Pferd macht er eine eindrucksvolle Figur und es muss wohl wahr sein, was man über ihn erzählt: er ist zu einem wahren Helden und Patrioten geworden. Cainazzo ruft ihm zwar, da er ein alter Bekannter aus ihren Diebestagen ist, aber dieser hört ihn nicht. Das soll übrigens noch dreimal in diesem Film passieren, bis es endlich zu dieser wirklich schicksalhaften Begegnung kommt.
 
Die Baronessa, der das Blut der Gefallenen zwischen die Brüste spritzt, ist indessen so erregt über den vorläufigen Sieg der „Barrikadisten“, dass sie sich „col mano nel culo“ von den Aufständischen in ihr Schlafzimmer tragen lässt, wo jeder einmal „darf“. Auch Cainazzo stellt sich an, aber weitere Details sind dann doch nicht zu sehen. Dafür gibt es einige brutale andere Details: die Österreicher werden nämlich nicht nur erschossen, sondern auch mit dem Bajonett erstochen, im Nahkampf gemeuchelt oder einfach mit dem Messer abgestochen („coltellato“), das ganze in einer beeindrucken Szene vor dem Mailänder Dom zum Beispiel. Die Österreicher hingegen hängen die Aufständischen auf oder lassen sie standrechtlich erschießen. Ob der Regisseur damit etwas Bestimmtes ausdrücken wollte, ist mir beim ersten Mal sehen des Films noch nicht klar geworden, zumal ich den Film in italienischer Originalsprache ohne Untertitel (ein Kissen half mir dabei, diese abzudecken) angeschaut habe. Es sollen immerhin fünf verschiedene italienische Dialekte vorkommen, gezählt habe ich nur zwei: den, den ich kapierte, und den andern mit dem ich Schwierigkeiten hatte.
 
In dem Film sind auch viele andere Details zu beobachten: an den Wänden befinden sich Parolen gegen die Österreicher, auch Beschimpfungen und auch einige auf italienisch untertitelte Stellen, dann nämlich, wenn der österreichische General in seinem Befehlston zum Gegenangriff blasen lässt. Ein sehr deutsches Deutsch, das hier gesprochen wird und auch die Tatsache, dass die Österreicher im Film mehrmals als „tedeschi“ (die Deutschen) bezeichnet werden, kann etwas über die Perzeption Österreichs aussagen, ob von Dario Argento so intendiert oder tatsächlich von den Mailändern so gesehen, das bleibt offen. Aber auch die Piemontesen oder der Papst in Rom kommen nicht besser weg: die in den 60er Jahren desselben Jahrhunderts erfolgte Einigung Italiens wurde von vielen Italienern als Ersetzung einer Fremdherrschaft durch eine andere wahrgenommen. Dies steckt sicherlich auch in der Absicht des Regisseurs, wenn er einen seiner Protagonisten bei der Ratsversammlung im Mailänder Rathaus gegen Osten (Turin!) rufen lässt: „va fa` in ...“. (Mehr DAZU finden Sie auch bei Beppe Grillo: www.beppegrillo.it). Ein weiteres wichtiges Detail sind die immer wieder auftauchenden marodierenden und selbst ernannten Patrioten, eine Schar beflaggter (Trikolore) und bewaffneter Männer, die immer dann auftauchen, wenn Cainazzo und Romolo sich aus einer brenzligen Situation befreit haben. Dieser Trupp der Patrioten fungiert quasi als Geheimpolizei hinter der Front und will alle jene füsilieren, die mit dem Feind paktiert haben oder eine abweichende Meinung vom „mainstream“ haben. Sie sind selbst nur ein Haufen Lumpen, aber wollen sich nun an den anderen Lumpen für ihr eigenes Lump sein rächen. Später vergewaltigen sie etwa eine junge Frau, weil sie einen Österreicher, also einen Feind, liebte. Dieser Patrioten-Trupp verkörpert für mich, die am Anfang angesprochenen K-Grüppchen. Auch Dario Argento soll dies in einem Interview so ausgedrückt haben, dass es eine Kritik an den Post-68ern war, die anderen Vorschriften machen wollten, was zu tun und zu lassen, was zu denken und was zu machen sei und dabei selbst nichts machten, außer andere zu bevormunden. Dass Romolo später ausgerechnet ihren Anführer (aufs Versehen zwar) umbringt, kann also auch kein Zufall sein.
 
„Le cinque giornate“ gehört sicherlich zu den am meisten unterschätzten und am wenigsten beachteten Filmen des italienischen Starregisseurs Dario Argento. Der Film ist eigentlich während der Dreharbeiten zu „4 Mosche di veluto grigio“ (Vier Fliegen aus grauem Samt) entstanden und der 1972 gedrehten vierteiligen Serie „La porta sul buio“. Die „cinque giornate“, also die fünf Tage, sind in Italien sehr bekannt und der historische Hintergrund des Films wurde durch Herrn Professor Franco Catalano vom zeitgeschichtlichen Institut in Mailand überwacht. Der Aufstand der Mailänder vom März 1848 führte tatsächlich zum (vorläufigen) Rückzug der österreichischen Truppen und sah vorerst nach einem großen Sieg aus. Bereits im August desselben Jahres drang jedoch Feldmarschall Radetzky erneut in die Stadt ein und richtete ein Blutbad auch unter der Zivilbevölkerung an. Die Musik zum Film stammt von Giorgio Caslini und die Kamera von Luigi Kuveiller, der mit Argento schon in „Profondo rosso“ zusammengearbeitet hatte. Franco Fraticelli übernahm den Schnitt, er hatte auch dies auch bei den bekannteren Filmen von Dario Argento übernommen, wie z.B. „Suspiria“, „Inferno“ oder „Tenebre“. Wer Dario Argento kennt wird ihn in vorliegendem Film übrigens als bandagierten, verletzten Mann erkennen können, denn der Regisseur erlaubte sich diesen kleinen Scherz, so wie er auch im Vorspann, als sein Name eingeblendet wird, eine Kanone auf den Zuschauer richtet und den Film beginnen lässt.
 
Der junge Adriano Celentano ist in diesem Film so sympathisch wie nie und seine ausdrucksvolle Mimik glänzt auch in den unmöglichsten Momenten. Als er bei einem „Staatsbankett“ der reichen Mailänder unter die Festtafel gerät (er musste sich kurzerhand verstecken), beobachtet er ein Fußbalett von löchrigen und stinkenden Socken des Kardinals bis hin zu den nach weiblicher Aufmerksamkeit suchenden Schuhen des Bürgermeisters oder einer der anderen hohen Herren, die das Schicksal Mailands bei einem Buffet mit dem Erzfeind, den Österreichern, verhandeln. Cainazzo wird bald klar, dass diese Revolution oder vielleicht jeden Revolution, ihn, als Repräsentanten des einfachen Volkes oder ihn, als Dieb, nicht berücksichtigen. „Non ci riguarda“ sagt er später und es wird klar, was er meint: die Herren machen sich das untereinander aus und das Volk ist nur der Statist, um bessere Bedingungen für die italienischen Herrschenden von den Österreichern zu erpressen. Jetzt endlich begegnet er auch Zampino, allerdings als Gefangener und dieser lässt ihn natürlich frei: er hat zwar inzwischen die Seiten gewechselt, aber einen alten Freund verrät man nicht. Sehr wohl hingegen sein Volk. Denn Zampino hat begriffen, dass man auf diesem Bankett der Revolution nur gewinnen kann, wenn man sich so teuer wie möglich an den Meistbietenden verkauft. Cainazzo erwacht nun endlich aus seiner Lethargie und äußert Zweifel daran, dass das Volk nur aus „signori“ (Herren) bestehe, aber Zampino sagt, dies sei nicht sein Volk und auch nicht seine Signori. Er, Cainazzo, würde ewig ein „ladro di fazzoletti“ (Taschentuchdieb) bleiben, aber Zampino wolle endlich einmal richtig absahnen. Cainazzo ist aber nicht mehr nur der einfache Strauchdieb wie in den gemeinsamen Tagen mit Zampino, er hat - gegen Ende des Films - eine Entwicklung durchgemacht, er ist nicht mehr nur der einfältige Dieb und Tagedieb, sondern hat etwas verstanden. Als sein Freund, Romolo, von den Österreichern hingerichtet wird, weil er eine Italienerin, die einen österreichischen Liebhaber hatte, vor der Rache der Eigenen retten wollte, verschüttet Cainazzo sogar Tränen, auch wenn er sagt es sei nur der Rauch der Gewehre („Piangi? Io? No! È il fumo...“), und formuliert in seinem Kopf bereits das, was er später vor dem ganzen Volk und allen Signori wiederholen wird. Er sieht sich jetzt, in der letzten Szene des Films als Teil des Volkes und spricht das aus, was alle betrifft, egal ob Strauchdieb, Bäcker oder Witwe: : „CI HANNO FREGATO!“ (Sie haben uns betrogen!)

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2010-03-05)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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