Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 


Rezensionen


 
Ingeborg Bachmann - Das dreißigste Jahr (Hörbuch)
Buchinformation
Bachmann, Ingeborg - Das dreißigste Jahr (Hörbuch) bestellen
Bachmann, Ingeborg:
Das dreißigste Jahr
(Hörbuch)

Bei amazon bestellen

(Bücher frei Haus)

„Sprich auch nur einem Baum vom Gefälltsein“, lässt die Autorin ihren Protagonisten in seinem dreißigsten Lebensjahr zu sich selbst sprechen und dem Hörer wird bald klar, wer und was damit gemeint ist. Mit 30 wird man ihn nicht mehr jung nennen und er wird sich nicht mehr befreien oder von vorn beginnen können. Von 1001 Möglichkeiten hat man vielleicht schon 1000 verbraucht, wie der Dreißigjährige nun selbst denkt. Die Welt schien ihm kündbar, er selbst schien kündbar. Doch nun will er etwas ändern, einen Baum pflanzen ein Kind kriegen, ist dies bescheiden genug?, fragt sich der Protagonist und bald man sich selbst.

Bis zu seinem 30. Geburtstag lebte er von einem Tag zum andern, machte mal dies mal das, Gelegenheitsarbeiten, Maurer oder Elektriker, ganz egal. Jetzt mit 30 wird alles scheinbar anders und er bekommt eine neue, zusätzliche Fähigkeit zu all den anderen: sich zu erinnern. Das Netz der Erinnerungen breitet sich aus und verknüpft seine Freunde, die Molls 1, 2 und 3 oder die Elenas und Louisen. Die erste Elena ist zur Freundschaft bereit, weil sie nun verheiratet ist und ein Kind hat. Damals hat sie ihn an seine Schuld glauben lassen und er hätte diese lieber behalten, als sie gegen die Einsicht eintauschen zu müssen. „Von allen Seiten wird gegen die Wand gedrückt, hinter der er Schutz gesucht hat“. Er will nicht wie die meisten anderen vor der Kränkung, die das Leben ist, sich in den Tod flüchten und darin die einzige Rettung erblicken. Er will wenn schon nicht das Spiel, zumindest die Regeln ändern. So viele unnütze Stunden hatte er mit Freunden verbracht, jetzt will er die Zeit mit sich allein genießen, sich genießen, nichts mehr fordern, einfacher leben und demütig werden. Die Wunschgebäude möchte er am liebsten abreißen. „Was nützt einem das Wissen um die Lichtgeschwindigkeit, wenn einem kein Licht aufgeht?“ In Venedig, wohin er von Rom aus flüchtet, sucht er die Schönheit, um sich dahinter zu verstecken, im Anschauen und Betrachten will er sich ein Versteck suchen. Dreißig ist das Alter, in dem das Sprichwörtliche sich erfüllt und man mit Schrecken feststellt, dass die Eltern doch recht hatten. Oder eben die andern.

Das Paradies könne man nur dort finden, wo die Schönheit sei. Er reist viel und träumt von kollidierenden Zügen, begegnet immer wieder denselben Menschen, den Molls und Elenas. „So vergeht ein Tag mit Zusammenstößen und das in einer Welt in dem ihm alle wie Geister erscheinen.“ Am Ende will er wieder nach Wien, das Ingeborg Bachmann mit hymnenhaft beschreibt, aber darin auch eine „Endstation“ sieht, aus der „kein Gleis hinausführt“. Nachdem er beim Autostoppen mitgenommen wurde, wacht er im Krankenhaus auf und erinnert sich kaum mehr. Dieses Jahr, das dreißigste Jahr, hat ihm die Knochen zerbrochen. Er wird bald geheilt sein. Er wird bald wirklich dreißig sein. „Ich aber sage dir, steh` auf und geh, es ist dir kein Knochen gebrochen!“

Ein beeindruckendes Hörerlebnis für alle, die sich noch an das Alter ihrer Jugend erinnern und sich noch nicht in der Jugend des Alters befinden. Ein Hörbuch, das einen wieder mit dem Leben verbinden könnte, von dem man sich selbst losgelöst empfindet, wie der Protagonist. Oder die Autorin. Schrieb doch nicht zuletzt Marcel Reich-Ranicki damals: „Hier wird nämlich – um es gleich zu sagen – die ganze Welt in die Schranken gefordert (sic!)“. Die Welt ist Sprache und keiner beherrschte sie - die Sprache und die Welt – so wie Ingeborg Bachmann.

Diese Produktion von Radio Bremen stammt aus dem Jahr 1961, Bachmann selbst war damals gerade 35 Jahre alt und hatte zuvor (1953-57) schon vier Jahre in Italien gelebt, das in vorliegendem Hörbuch - impersonifiziert in den Städten Rom und Venedig - auch eine gewisse Rolle spielt, als Zufluchtsstätte nämlich. 1965 war Ingeborg Bachmann endgültig nach Rom gezogen, wo sie mit 47 Jahren an den Folgen eines Brandunfalls in ihrer Römer Wohnung starb.

Das dreißigste Jahr
Hörbuch
Gert Westphal und Oswald Döpke (Sprecher)

2001
Audioverlag
79 min. 12 Tracks 1CD 16-seitiges Booklet
ISBN: 3-89813-153-X
16,49.-€

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2009-02-06)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



-> weitere Bücher von Ingeborg Bachmann ansehen

-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?

[ weitere Rezensionen : Übersicht ]

 



Aus unseren Buchrezensionen


Die kubanische Welt und wie erkläre ich sie meinem TaxifahrerPrieto, José Manuel:
Die kubanische Welt und wie erkläre ich sie meinem Taxifahrer
Auch wenn es im spanischen Original eigentlich heißt „und wie man sie den Taxifahrern erklärt“, die Ansprechperson also ein unbestimmtes Plural ist und damit eine bestimmte Personengruppe bezeichnet, die anscheinend über einen beschränkten Bildungsgrad verfügen würde – so zumindest der Tonfall – ist der deutsche Titel [...]

-> Rezension lesen


 Gardasee Eine kulinarische RundreiseKellermann, Monika:
Gardasee Eine kulinarische Rundreise
Gleich wenn man über den Brenner kommt befindet sich linker Hand ein kleines Paradies, dessen Vegetation so ganz anders ist, als die im Norden und das ganze nur wenige Stunden von zu Hause entfernt. Die Berge um den Gardasee locken nicht nur Radfahrer und Kletterer an, sondern auch Surfer und andere Urlauber und nicht erst seit [...]

-> Rezension lesen


Die Wiener Flaktürme im Spiegel österreichischer ErinnerungskulturUte Bauer:
Die Wiener Flaktürme im Spiegel österreichischer Erinnerungskultur
Ute Bauer Die Wiener Flaktürme im Spiegel österreichischer Erinnerungskultur 2003 Phoibos Verlag 115 Seiten ISBN: 3-90123242-7 29.- Von Jürgen Weber „Niemals wurden in der deutschen Geschichte größere und edlere Bauwerke geplant, begonnen und ausgeführt als in unserer Zeit (...). Deshalb sollen diese Bauwerke nicht [...]

-> Rezension lesen


 Amore al dente Eine Liebe in RezeptenDonhauser, Rose:
Amore al dente Eine Liebe in Rezepten
Rose Marie Donhauser Amore al dente Eine Liebe in Rezepten Illustriert von Mirjam Schuster 2008 ars vivendi Verlag 138 Seiten ISBN: 978-3-89716-815-2 19,90.- Von Jürgen Weber Giovanni ist der typische Aufreißertyp, der sich für Francesca etwas Besonderes einfallen lassen will. Er schnappt ihr am Markt einfach die [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net



005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2017 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.019016 sek.