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Willi Baer - Paris Mai 68 - Die Phantasie an die Macht
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Baer, Willi - Paris Mai 68 - Die Phantasie an die Macht bestellen
Baer, Willi:
Paris Mai 68 - Die
Phantasie an die Macht

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(Bücher frei Haus)

„Jouir sans entraves!“ hieß eine der radikalen Parolen der 1968er: Genießen ohne Hemmungen. Und wohl kein französischer Präsident hat sich diesen Satz so zu eigen gemacht wie der derzeitig Noch-Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Dabei hatte gerade er sich bei seinem Wahlkampf vor ein paar Jahren (2007) zum erklärten Gegner von 1968 stilisiert: „Uns bleiben zwei Tage, um Abschied zu nehmen vom Erbe des Mai 68 ! Zwei Tage, damit sich die große Volksbewegung erhebt, die alle Hindernisse, alles Zögern, alle Ängste überwinden wird. Zwei Tage, um die Bedingungen für die französische Erneuerung zu schaffen, zwei Tage, um den Zweifel zu besiegen, zwei Tage, damit ALLES möglich wird!“ Was genau Sarkozy damals eigentlich meinte, was genau in seiner Amtsperiode alles möglich werden sollte, dürfte auch vielen heute – 5 Jahre danach – genauso unklar sein wie damals. Meint er etwa, dass Carla Bruni – eigentlich ja eine Epigone der Bewegung - im Präsidentpalast übernachtete, sei kein Sieg der 68er gewesen? Frankreich steht 2012 jedenfalls vor einem Superwahljahr, denn neben den Präsidentschaftswahlen am 22. April und einem möglichen zweiten Wahlgang am 6. Mai 2012 stehen am 10. und 17. Juni 2012 auch die Wahlen zur Assemblée Nationale an. In einem Interview des Wochenend-Magazins „Figaro“ grenzte sich Sarkozy übrigens auch diesesm Mal wieder klar vom gegnerischen Lager und dem Sozialisten Hollande ab: Keine Homo-Ehe, kein Wahlrecht für Nicht-EU-Ausländer bei Kommunalwahlen und keine Adoptionskinder für gleichgeschlechtliche Paare. Sarkozy versuche, mit einem Rechtsruck zu punkten, so der SPIEGEL. Werte wie Arbeit, Verantwortlichkeit und Autorität seien seine Werte, betont der Präsident auch in diesem Wahlkampf wieder.

„Racaille“
Wie viel Nicolas Paul Stéphane Sarközy de Nagy-Bocsa - kurz: Sarkozy - der Sohn ungarischer Einwanderer, 1968 wirklich zu verdanken hat, das kann man auch in der Publikation des LAIKA-Verlages „Paris Mai 68 – Die Phantsie an die Macht“ nachlesen. Denn ohne 1968 wäre es dem Sohn eines enteigneten Adeligen, Fremdenlegionärs und viermal verheirateten Malers und einer Mutter mit sephardischen Wurzeln in Thessaloniki wohl kaum möglich gewesen, Staatspräsident der Grande Nation zu werden. Der Urgroßvater, der noch jüdischen Glaubens war, hieß Mordechai Mallah und war ein wohlhabender Juwelier aus Thessaloniki, der zusammen mit seiner Ehefrau Reina sieben Kinder hatte. Aaron Benico Mallah – der Großvater Sarkozys –heiratete 1917 die Katholikin Adèle Bovier und konvertierte zum Christentum. Nach jüdischem Gesetz ist Sarkozy also kein Jude, denn seine Großmutter und Mutter waren Katholikinnen. Aber ohne die kulturelle Revolution von 1968 wäre es Sarkozy sicher nicht möglich gewesen, zum stärksten Mann im Lande mit den stärksten Sprüchen zu werden: „Racaille“ („Gesindel“ und „Abschaum“) hatte Sarkozy, der damals französischer Innenminister war, Jugendliche meist nordafrikanischer Herkunft bezeichnet, als diese 2005 in den berüchtigen Vororten von Paris, den banlieaus, den Aufstand probten. Sarkozy habe die jungen Leute „wegkärchern“ wollen, also mit einem „Hochdruckreiniger wegspritzen“ müsse und sprach in diesem Zusammenhang auch vom „Wundbrand“, den es „wegzuschneiden“ gelte. Sarkozy verdanke wohl gerade seinen Law and Order-Parolen und seiner „Tolérance zéro“ die spätere Präsidentschaft (2007).

1968: die Unvollendete
Im November 1967 begannen Studenten der Universitäten in Nanterre und Lyon, sich gegen die unerträglichen Studienbedingungen zu wenden und wenig später besetzten die sogenannten - oder sich selbst so bezeichnenden - „Enragés“ (die Wütenden) die studentischen Wohnheime, die streng nach Geschlechtern getrennt waren. Francois Truffaut, Jean-Paul Sartre und Jean-Luc Godard demonstrierten gegen die Absetzung Henri Langlois als Leiter der Cinémathèque française und bald prügelten die Einsatzhundertschaften auf die 5000 Demonstranten und damit auch Frankreichs intellektuelle Elite ein. Im März 68 griffen die Unruhen auch auf die Fabriken über, wie etwa die wilden Streiks der Garnier-Werke, spontane Betriebsversammlungen bei Citroen und Renault zeigten. Die „Bewegung des 22. März“, vom radikalen Teil der Studenten gegründet, darunter Alain Krivine, Daniel Bensaid und Daniel Cohn-Bendi setzten zum Angriff auf den gaullistischen Staat an, der am 2. Mai die Universität Nanterre behördlich schließen ließ. Die Studenten bestetzten daraufhin am 3. Mai die Sorbonne, im Quartier Latin kam es zu stundenlangen Straßenschlachten und hunderten Verhaftungen. Als die Arbeiter in Generalstreik treten, flüchtete Präsident De Gaulle sogar aus Paris und die Fünfte Republik kam endgültig ins Wanken, aber steht dennoch seit 1958 (!) mehr oder weniger fest. Für Gilles Deleuze war der Pariser Mai „der einzige Weg, um (die) Scham abzulegen, oder auf das zu reagieren, was nicht mehr tolerierbar ist“, Maurice Brinton, Augenzeuge der Revolte, bezeichnet sie als „die bedeutendste revolutionäre Erhebung in Westeuropa seit den Tagen der Commune“ (1872). Willi Baer bezeichnet 1968 in seinem Vorwort als „unvollendete Revolution“ und Alaine Krivine, Aktivist von damals, zieht in einem Interview in vorliegender Publikation Parallelen zum arabischen Frühling 2011. Andere Beiträge von Daniel Bensaid und Krivine beleuchten die verschiedenen Jubiläen (20er, 30er, 40er) und den Abschluss bilden dieses mal gleich zwei (!) DVDs mit teilweise bisher noch unveröffentlichtem Material. Die Filme stammen von Gudie Lawaetz, Claudia von Alemann und Malte Rauch. Die Verdienste, die sich der LAIKA-Verlag auch mit dieser Publikation wieder um die Bibliothek des Widerstands – und damit auch um unser Gedächtnis – verdienen sind unschätzbar kostbar.

BIBLIOTHEK DES WIDERSTANDS
Das Buch / / Der Film
Band 16:
Paris Mai 68 - Die Phantasie an die Macht
ISBN:
978-3-942281-86-7
Erschienen Juli 2011

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2012-03-07)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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