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Rezensionen


 
James Baldwin - Giovannis Zimmer
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Baldwin, James:
Giovannis Zimmer

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(Bücher frei Haus)

Die Rahmenhandlung in Baldwins Roman erinnert von fern an die „Symphonie fantastique“ von Berlioz, speziell deren vierten und fünften Satz. Der junge Amerikaner David rekapituliert eine Nacht lang eine katastrophal verlaufene Liebesbeziehung – und es ist zugleich die Nacht vor einer Hinrichtung. In ihr versucht David erfolglos, seine immensen Schuldgefühle in Alkohol zu ertränken. Die Gestalten in seiner Erinnerung ähneln Lemuren, doch es sind reale Erinnerungsbilder, und auch die Hinrichtung wird tatsächlich stattfinden: Giovanni wird am folgenden Morgen in Paris guillotiniert werden. Damals in den Fünfzigern gab es die Todesstrafe in Frankreich noch. Es ist Davids letzte Nacht in der Provence, wohin er sich mit Hella nach dem Mord, der nun gesühnt wird, geflüchtet hat. Hella ist schon auf dem Rückweg in die Staaten. „Na, jetzt weißt du es also“, hat David zu ihr gesagt. Es – das ist seine Neigung zu Männern, die er verdrängt hat, solange es noch möglich war.

„Giovanni’s Room“, erschienen 1956, auf Deutsch erstmals 1963, ist ein früher Coming-out-Roman mit, wie gesagt, katastrophalem Ausgang. Dennoch kann keine Rede davon sein, Baldwin denunzierte seine Figuren. Im Unterschied zu den abstoßenden Schwulen und Lesben der Hollywoodfilme jener Zeit, die so gern massakriert wurden, sind David und Giovanni ebenso glaubwürdig wie Hella und alle drei mit einer Fülle individueller, charakteristischer Details ausgestattet. Dies gilt nicht weniger für die zahlreichen Nebenfiguren. Wir sehen so en passant auch ein Panorama von Frankreich in der Nachkriegszeit vor uns. Baldwin war ein bedeutender realistischer Erzähler der Jahrhundertmitte. Er vereint die verstörenden Selbstanalysen von Figuren voller Selbsthass, wie Pavese sie kurz zuvor gestaltet hat, mit der Sehnsucht nach Erlösung, dem Pathos eines Predigers und dem religiösem Gefühl, die er, Baldwin, als Erbteil seiner afroamerikanischen Herkunft mit nach Europa brachte. Der Autor (1924 – 1987) hielt sich bekanntlich wie David und Hella lange in Frankreich auf, da ihm, dem schwarzen Intellektuellen, dem schwulen Anti-Rassisten das Leben in den USA damals unerträglich schien. Wiederum en passant ist der Roman auch ein Buch über Amerika und Europa, ihre Unterschiede, ihre problematische Beziehung. Daran dass Frankreich dabei keineswegs von ihm idealisiert wird, erweist sich unter anderem Baldwins literarischer Rang.

Es ist nicht nur eine Coming-out-, sondern ebenso eine Dreiecksgeschichte: zwei Männer, eine Frau. Alle drei sind hochproblematisch, leiden an gestörter Identität, suchen im anderen die notwendige Stütze und reißen sich so nacheinander in einen Abgrund. Es ist gerade ihre Ernsthaftigkeit, die das Scheitern unvermeidlich macht und so radikal ausfallen lässt. Hella schwankt lange unentschieden zwischen den verschiedenen einer Frau damals schon möglichen Rollen. Giovanni, lebhaft und attraktiv, ist als Immigrant aus Italien, geflohen vor einer familiären Tragödie, besonders verwundbar. David ist – noch? - bindungsunfähig. Am Ende der langen Nacht seiner Selbstvergewisserung synchronisiert er sich mit dem zur selben Zeit guillotinierten Giovanni, realisiert die eigene Sterblichkeit:

„Der Körper im Spiegel zwingt mich, ihn zu betrachten. Und ich blicke auf meinen Körper, der zum Tode verurteilt ist. Mager ist er, hart und kalt, die Verkörperung eines Mysteriums. Und ich weiß nicht, was sich in diesem Körper regt, wonach dieser Körper sucht. Er ist in dem Spiegel gefangen, wie er in der Zeit gefangen ist, und er strebt nach Offenbarung.“ (Übersetzung von Hans-Heinrich Wellmann).

„Giovanni’s Room“ – ein großer Entwurf und bewundernswert ausgeführt.

[*] Diese Rezension schrieb: Arno Abendschön (2013-06-28)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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