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Rezensionen


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Giorgio Bassani - Hinter der Tür
Noch eine Schulgeschichte? Ja, und zwar eine, die es in sich
hat. Bassanis kleiner Roman spielt 1929/30 in Ferrara. Der
Ich-Erzähler tritt zu Beginn in die erste Klasse der
gymnasialen Oberstufe ein. Ihre Zusammensetzung ist neu, er
muss seinen Platz dort erst finden. Das ist zunächst ganz
wörtlich zu nehmen – er placiert sich, in zutreffender
Einschätzung seiner Lage, allein auf einer Bank ganz hinten.
Er ist der einzige Jude in der Klasse, begabt, seine Familie
wohlhabend und kultiviert. Rasch wird er vom Klassenlehrer
umgesetzt und landet neben Carlo Cattolica, dem absehbaren
Primus der Klasse, einer aus sehr gutem Haus und eisern an
seinem Vorwärtskommen arbeitend. Cattolica ist der
Sprössling eines gehobenen Bürgertums, das auch unter
Mussolini die bestimmende Kraft ist und diese Stellung auf
jeden Fall behalten will. Die neuen Banknachbarn bleiben
Konkurrenten und werden nicht warm miteinander.
Dann kommt ein Neuer in den Klassenverband, Luciano Pulga,
zwar Arztsohn, doch unverkennbar einem zweifelhaften,
gefährdeten Kleinbürgertum zugehörig. So wie sich Cattolica
ins Zeug legt, um oben zu bleiben, so strampelt Pulga, um
nicht unterzugehen. Der Erzähler empfindet ihm gegenüber von
Anfang an eine mit Abneigung seltsam vermischte Sympathie.
Er lässt sich von ihm vereinnahmen, sie verbringen viel Zeit
miteinander, machen gemeinsam Schularbeiten. Pulga
revanchiert sich für erwiesene Wohltaten, indem er dem
anderen Einblicke in eine mehr oder weniger verruchte
Erwachsenensexualität verschafft.
Pulga ist nicht nur miserabler Schüler aus liederlichem
Haus, er ist in seinen Einstellungen stark ambivalent, auch
dem neuen Schulfreund gegenüber, und er ist zugleich ein
scharfer, gnadenloser Beobachter. Währenddessen wartet
Cattolica auf eine Gelegenheit, den Erzähler zu demütigen
und seine Kameradschaft zu dem Arztsohn zu zerstören. Er
lässt ihn in seiner Wohnung hinter einer Tür mit anhören,
was Pulga vor anderen dort, nicht zum ersten Mal, über den
jüdischen Schüler und seine Familie äußert. Der Lauscher
erblickt sich in einem ihn rasch verstörenden Zerrspiegel.
Pulga fügt äußerst hämisch viele einzelne zutreffende
Beobachtungen zu einem abstoßenden Gesamtbild zusammen. Da
ist jetzt ein mediterraner Gossen-Goebbels am Werk, der auf
privater Ebene sein Gift verspritzt.
Die krude Mischung aus Authentischem und boshaft Entstelltem
hat für den Erzähler verheerende Folgen. Er verliert den
Rest kindlicher Unbefangenheit, das Vertrauen in die
Solidität der eigenen Familie, sein Selbstvertrauen dazu. Am
Ende sitzt er in der Klasse wieder da, wo er anfing: allein
ganz hinten. Die Erfahrung dieses Schuljahres wird für ihn
ein lebenslang unbewältigtes Trauma bleiben.
Der literarische Wert von Bassanis Kurzroman besteht vor
allem in der gelungenen Verknüpfung sehr unterschiedlicher
Motive zu einem organischen Geflecht, in dem sich der
Schüler wie in einem Netz verfangen muss. Der Antisemitismus
ist dabei noch relativ diskret, stärker schon sind die
Spannungen, die das Gegeneinander der Klassen mit sich
bringt. Durchdrungen wird alles von psychoanalytisch
grundierten Schuldkomplexen, die umso stärker wirken, als
sie nicht ausgebreitet werden, sondern angedeutet bleiben.
Ein starker, kleiner Roman, der scheinbar betulich beginnt
und den man mit wachsender Spannung wie Beklemmung immer
rascher zu Ende liest.
[*] Diese Rezension schrieb: Arno Abendschön (2012-02-07)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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