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Mehdi Ben Attia - Le Fil - Die Spur unserer Sehnsucht
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Ben Attia, Mehdi - Le Fil - Die Spur unserer Sehnsucht bestellen
Ben Attia, Mehdi:
Le Fil - Die Spur
unserer Sehnsucht

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(Bücher frei Haus)

Dieser tunesische Film aus dem Jahr 2009 ist auch als Zeitdokument sehr aufschlussreich. Gedreht in der Endphase des Regimes von Ben Ali, verschafft er uns tiefe Einblicke in die vorrevolutionäre Gesellschaft des arabischen Landes, Blicke auf ihre krassen Widersprüche und die gegeneinander arbeitenden Strömungen. Schon seine Entstehungsgeschichte hat einen historisch-politischen Kontext. Die Drehgenehmigung wurde seinerzeit zunächst versagt, dann nur aufgrund des Einflusses der für die weibliche Hauptrolle vorgesehenen Claudia Cardinale doch noch erteilt. (Die Schauspielerin hat einen besonderen Bezug zum Land, sie wurde dort als Kind italienischer Einwanderer geboren.) Ob ein Streifen wie dieser nach der Revolution und dem Sieg islamischer und islamistischer Kräfte bei den Wahlen wieder gedreht werden könnte, das erscheint durchaus offen.

Die Cardinale verkörpert hier, souverän wie von ihr gewohnt, die aus französischem Bürgertum stammende Witwe eines Arabers. Er war, wie wir einigen Rückblenden entnehmen, geprägt vom progressiv-philanthropischen Geist der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Es gibt eine umfangreiche Verwandtschaft und Bekanntschaft, die durchweg der wohlhabenden Oberschicht angehört. Man wohnt in Villenvororten am Meer, orientiert sich an Europa, spricht unter sich Französisch und mit den Dienstboten Arabisch. Politische Betätigung ist verpönt.

Die Witwe hat nur ein Kind, einen in Frankreich lebenden Architekten (Antonin Stahly). Er kommt zurück, um in Tunis zu arbeiten und bei der Mutter zu wohnen. Er würde gern politisch aktiv werden, um das Feld nicht den „Bärtigen“ zu überlassen, und verschreckt damit die Mutter. Sie entzieht sich auch bewusst einem Gespräch, in dem er sie über seine homosexuelle Prägung aufklären will. Sie und die Großmutter wie auch die Tanten drängen auf Verehelichung und Kindersegen. Sein Ausweg aus dem Dilemma: Er wird eine Lesbierin heiraten, die mit einer Frau zusammenlebt und ein Kind mit Hilfe einer spanischen Samenbank erwartet.

Das Coming-out lässt sich doch nicht vermeiden. In einem Nebengebäude der Villa wohnt der inoffizielle Hausdiener, ein vor kurzem aus Frankreich zurückgewanderter junger Araber (Salim Kechiouche). Er gehört zu den zahlreichen jungen Männern, die, in Europa geboren und dort kulturell assimiliert, in letzter Zeit aus oft unklaren Gründen ins Land ihrer Vorfahren gegangen sind – wo sie Mühe mit der arabischen Sprache haben und nicht heimisch werden. Die Witwe entdeckt, dass Sohn und Hausdiener ein Paar sind, und reagiert höchst ungehalten.

Bis dahin ist die Handlung überzeugend aufgebaut. Der weitere Verlauf – das Arrangement der Mutter mit den Fakten, die Hochzeit mit der schwangeren Lesbierin, das Aufwachsen des kleinen Jungen in einer Patchwork-Familie aus zwei gleichgeschlechtlichen Paaren – erscheint in den Details des Ablaufs zunächst weniger gut motiviert. Doch vielleicht spiegelt sich gerade in diesen Sprüngen der Entwicklung weniger ein Unvermögen von Regie und Drehbuch als vielmehr die Instabilität einer Gesellschaft im Umbruch, auch ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Der im Übrigen auch schön anzusehende Film wird in jedem Fall bereichernd sein, falls man sich für die verwickelten Beziehungen zwischen Orient und Okzident zu unserer Zeit interessiert.

[*] Diese Rezension schrieb: Arno Abendschön (2012-12-04)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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