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Ruth Johanna Benrath - Rosa Gott, wir loben dich
Buchinformation
Benrath, Ruth Johanna - Rosa Gott, wir loben dich bestellen
Benrath, Ruth Johanna:
Rosa Gott, wir loben
dich

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(Bücher frei Haus)

Nach einigen Veröffentlichungen von Lyrik und kleiner Prosa hat Ruth Johanna Benrath im Jahr 2009 bei Steidl in Göttingen nun ihren Romanerstling vorgelegt. Sein Titel "Rosa Gott, wir loben dich" könnte Axel Hackes kleinem Handbuch des Verhörens "Der weiße Neger Wumbaba" entsprungen sein. Die fünfjährige Marie hat eben ihre eigenen Vorstellungen von Gott, die nicht unbedingt mit alten Kirchenliedern übereinstimmen. Doch so lustig und unbeschwert, wie es der Titel nahelegt, ist das Buch letztlich nicht: eher ist es die Geschichte einer Kette von Zurückweisungen und Enttäuschungen, wie sie bei Jugendlichen aller Epochen vorkamen und vorkommen werden, über weite Strecken jedoch augenzwinkernd-ironisch erzählt. Unter der Ägide des strenggläubigen Vaters, unter einer psychisch labilen Mutter und neben zwei mehr oder weniger lästigen Brüdern aufwachsend, findet sich Marie immer schwerer in ihrem jugendlichen Leben zurecht. Sie leidet seit frühester Kindheit an Nierenproblemen, was man beinahe schon metaphorisch deuten könnte, denn was ihr tatsächlich an die Nieren geht, ist die konservative Enge, der sie sich Tag für Tag ausgesetzt sieht. Als sie ihre erste Periode bekommt, verweist die Mutter auf den zwölfbändigen Brockhaus und ein Gespräch mit dem Vater, was die Angelegenheit nicht unbedingt vereinfacht. Erst vergafft sich Marie in den lockigen Pfarrerssohn, der sie gar nicht beachtet, später fühlt sie sich zu einer Freundin hingezogen und macht ihre ersten zarten körperlichen Erfahrungen von Frau zu Frau, wird aber auch hier enttäuscht, da sich die Freundin einem anderen Mädchen zuwendet. Marie, die oft nicht weiß, was sie in einer bestimmten Situation sagen soll, entdeckt als Ventil das Schreiben von kleinen Gedichten für sich, unterstützt und gefördert von einer der Schwestern der Klosterschule, die sie besucht. Die Schwester leitet auch eine Theatergruppe, in der sich das junge Mädchen leidenschaftlich zu engagieren beginnt. Hier lernt sie Ravi kennen, den indischstämmigen und schauspielerisch talentierten Jungen, in den sie sich verliebt und für den sie auch den Vater und ihre Brüder belügt, um ein wenig Freiraum für die Beziehung zu bekommen. Doch der Vater, den Marie in ihrer aufkeimenden poetischen Existenz stets mit einer allwissenden und allgegenwärtigen Eule vergleicht, kommt natürlich dahinter und verbietet Marie den Umgang mit Ravi. Sein "Ich muss mich auf dich verlassen können" wird zur alles überstrahlenden Maxime ihres beengten Daseins, an dem sie letztlich zu zerbrechen droht. Nach einem Selbstmordversuch, den sie überlebt, bleibt ihr weiterer Weg offen. An diesem Schluss offenbart sich denn auch die nicht ganz konsequente Durchführung der literarischen Grundidee von der Ichfindung durch das Schreiben, er wirkt ein wenig zu dramatisch aufgesetzt. Maries seelische Regungen werden, obwohl aus einer Position sehr nahe der Protagonistin heraus erzählt, nicht wirklich ausgelotet, bleiben seltsam unkonkret. Benrath fürchtete sich wohl nicht ganz zu Unrecht vor dem Abgleiten in Allerweltskitsch durch eine allzu drastische Einlassung auf die Gefühlsebene einer Pubertierenden, aber in diesem Falle führt die Literarisierung des Profanen mitunter zum Verlust der Authentizität: So wie von Benrath vorgeführt handeln und sprechen Jugendliche einfach nicht. Doch ist "Rosa Gott, wir loben dich" nun einmal alles andere als ein Jugendbuch, sondern richtet sich eher an eine sich an ihre eigene Jugend erinnernde Leserschaft zwischen vierzig und fünfzig, und die wird durch die als ausgesprochen kunstfertig zu bezeichnende Konstruktion des Romans mit ihren ständig metaphorisch eingestreuten Zitaten aus Hohem Lied und anderen Bibelversen, aus Schillers "Kabale und Liebe" und Gedichten von Else Lasker-Schüler für mangelnde Jugendsprache mehr als entschädigt. Zudem verschont Benrath ihr Publikum auch mit allzu eindimensionalen Charakterisierungen ihrer Hauptfiguren; auch der Vater ist nicht nur und ausschliesslich der Haustyrann, man ahnt, dass auch er einfach nicht aus seiner Haut heraus kann und insbesondere durch die im Verlauf der Geschichte offensichtlich wegen eines Nervenzusammenbruchs abwesende Ehefrau mit dem Zusammenhalt des täglichen Lebens überfordert ist. Ruth Johanna Benrath sind immer wieder durchaus leise Zwischentöne gelungen, der Text ist von poetischen Details durchzogen, die ihn warmherzig und sympathisch machen: "Rosa Gott, wir loben dich" ist ein Roman, wie ihn wohl nur eine Lyrikerin schreiben kann.

[*] Diese Rezension schrieb: Marcus Neuert (2010-06-30)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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