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Thomas Bernhard - Aus Gesprächen mit Thomas Bernhard
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Bernhard, Thomas:
Aus Gesprächen mit
Thomas Bernhard

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(Bücher frei Haus)

Thomas Bernhard soll ja öffentlichkeitsscheu gewesen sein und seine österreichischen Landsleute ziemlich verachtet haben. Da ist erstaunlich, wie oft und wie lange er sich mit Krista Fleischmann und mit Kurt Hofmann, beide vom ORF, unterhalten hat. Beide ließen sie Bernhard ungehindert herumkaspern, raunzen und mosern. Frech vorbei an ihnen und den Fragen, direkt zum Zuschauer oder Radiohörer hinüber, den Bernhard sich als etwas schlicht gestricktes Gemüt vorgestellt haben dürfte. Ihnen beiden, seinen Stamm-Kulturfunk-Interviewern versichert er dann immer eifrig, wie angenehm ihre Gegenwart ihm sei, flirtet mit beiden a bisserl, egal, welchen Geschlechts sie sind.

Zitat:

„Das ist doch ein fürchterlicher Blödsinn. Zwischenmenschliche Beziehung. Ich glaube, das ist von Mensch zu Mensch. Also so kitschig wäre das. Das ist doch ganz normal, darüber braucht man doch gar nicht reden, weil das jeder weiß, wie er da ist und tut. Und da es Millionen Frauen gibt, hätte man, wenn man ihnen begegnen würde, ein anderes Verhältnis und ein anderes Gefühl.“
„Und die Sexualität?“
„Das spielt ja bei jedem Mensch eine ungeheure Rolle, gleich, wie er sie ausspielt.“
„Was sagen Sie zu Freuds These, künstlerische Kreativität stamme aus der Sublimierung des Sexualtriebes?“
„Das ist ein völlig verschrobener Satz, und der Freud war selber verschroben. Er war ein mittelmäßiger Schriftsteller und hat halt was in Gang gesetzt.“

Auf die Abschweifungen und die Grantelei Thomas Bernhards reagiert der Journalist Kurt Hofmann, indem er in seiner Buchfassung die eigenen Fragen gar nicht mehr zeigt, Bernhards Redefluss zu einer Art Bernhard-Stücke-Monolog zusammenzieht. Die Stelle gerade eben war aus dem letzten Interview des Bandes, das den doppelbödigen Titel „Ich bin nur mehr kurz da“ trägt, das einzige, das Wortmeldungen des Buchherausgebers noch kennt.

Auf dem Umschlag des dtv-Taschenbuchs kann man sehen, dass Kurt Hofmann vom Studio Salzburg, damals, Mitte der achtziger Jahre, ein fescher Bursch gewesen ist. Lodenanzug, schlank, knochiges Gesicht, volles Blondhaar, Knabenbärtchen. Für dieses Gespräch hatte Hofmann dem Autor, der mit seinen Besuchern gern Versteckspiel trieb, wenn sie sich angemeldet hatten, in einem anderen seiner drei Häuser untertauchte, das Tor zum Vierkanthof vorn zusperrte, sich im Hof drinnen hinterm Küchenvorhang versteckte, zuvor mit mehreren Telefonaten die Genehmigung abgerungen. Als Bernhard nun doch nicht öffnete, strich Hofmann mehrere Tage ums Gehöft und stellte ihn auf diese Art dann auch. Gewiss nicht zur Freude des Launischen. Dennoch ruft er ihm abschließend hinterher: „Und kommen Sie ruhig wieder her, wenn Sie in der Nähe sind.“ Allerdings besser bald, denn: „Ich bin nur mehr kurz da.“

Das hätte sich auf einen Wohnsitzwechsel nach Wien-Döbling oder auf den winterlichen Kuraufenthalt in wärmeren Breiten beziehen können. Oder, was Hofmann nicht wissen konnte, auf das von Bernhard Monate vorher schon ziemlich exakt terminierte Sterben. Den Verleger Unseld, kann man im Briefwechsel heute nachlesen, hatte er einbestellt, um Fragen des Erbes und einer künftigen Bernhard-Stiftung unter genau dieser Vorgabe, er sterbe dann, mit ihm durchzugehen.

Wer andere Bernhard-Gespräche (beispielsweise den etwas gehaltvolleren Band der Krista Fleischmann) gelesen hat, weiß: Dieser kauzige Mensch drückte sich um die Herausgabe verwertbarer Fakten, so gut es nur ging. Über Leben und Trachten des früh zur Legende Gewordenen wird man nicht mehr als in den konzentrierten Kurzbiografien finden (Rowohlt Monographie, Suhrkamp BasisBiographie). Dafür erhält man einen vergnüglichen Eindruck von Thomas Bernhards notorischen Auftritten in der Rolle des blödelnden Alleinunterhalters.

[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2016-04-24)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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