Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 


Rezensionen


 
Thomas Bernhard - Auslöschung
Buchinformation
Bernhard, Thomas - Auslöschung bestellen
Bernhard, Thomas:
Auslöschung

Bei amazon bestellen

(Bücher frei Haus)

Auslöschung ist die Geschichte eines Zerfalls, die dem Leser durch Thomas Bernhard aus den Augen des Protagonisten Franz-Josef Murau erzählt wird. Murau erfährt durch ein Telegramm seiner Schwestern, dass seine Eltern und sein Bruder tödlich verunglückt sind, wie sich wenig später herausstellt, bei einem Autounfall. Dieses Ereignis ist für Murau Anlass, sich in seinem römischen Exil, wo er ein Geistesleben führt, mit seiner großbürgerlichen Herkunft aus dem österreichischem Wolfsegg in größter Akribie auseinanderzusetzen und zwar in der Absicht, diese für immer auszulöschen.

Murau betrachtet nach und nach alle Gegebenheiten und Personen, die ihm in Hinblick auf seine Wolfsegger Herkunft in den Kopf kommen und dadurch dieses Wolfsegg, wie er es kannte, ausmachten. Er nimmt dabei alles auseinander, schleicht sich um die Ob- und Subjekte seiner Betrachtung, um auf sie in den verschiedensten Perspektiven schauen zu können. Sprachlich wird dies oft durch die Technik der fast endlosen Wiederholung gelöst, die wie fortwährende Angriffe erscheinen und wirklich nichts als Trümmer zurücklassen.

"Meine Eltern haben mich und haben meine Geschwister letzten Endes anstatt zu erziehen, geradezu verunstaltet, in unseren Köpfen nur Unheil angerichtet. Die Eltern, naturgemäß vor allem katholisch, hatte ich zu Gambetti gesagt, haben mit diesen unheilvollen katholischen Mitteln unsere Köpfe ruiniert. [...] Wir sind katholisch erzogen worden, hat geheißen, wir sind von Grund auf zerstört worden, Gambetti. Der Katholizismus ist der große Zerstörer der Kinderseele, der große Angsteinjager, der große Charaktervernichter des Kindes. Das ist die Wahrheit. Millionen und schließlich Milliarden verdanken der katholischen Kirche, daß sie von Grund auf zerstört und ruiniert worden sind für die Welt, daß aus ihrer Natur eine Unnatur gemacht worden ist."

Rom ist für Murau das Gegenbild zu Wolfsegg, aus dem er, so bald es ihm möglich war, geflüchtet ist. Trotzdem ist er auf die monatlichen Zahlungen aus seinem Elternhaus weiterhin angewiesen. In Rom führt er, wie bereits gesagt, sein Geistesleben, in das ihn sein Onkel Georg eingeführt hat. Er beschäftigt sich mit der Literatur und Philosophie, hat einen Schüler, nämlich Gambetti, trifft sich mit der Poetin Maria, um ihre Gedichte zu besprechen, während das Leben in Wolfsegg nur für geistige Starre und moralische Verlogenheit steht. Die fünf großen Bibliotheken des Besitzes sind verschlossen und für die dort lebenden Menschen nicht von Bedeutung, sie kümmern sich lieber um die Mehrung ihrer Reichtümer durch Landwirtschaft und Aktienhandel, veranstalten Jagden und widerwärtige Abendgesellschaften. Wolfsegg ist das Sinnbild des ungestraften Opportunismus, seine Bewohner haben sich mit den jeweiligen Machthabern, selbst, wenn es die Nazis waren, immer gut zu stellen gewusst. Muraus Eltern haben den Nazis auch nach dem 2.Weltkrieg die Treue gehalten, haben gesuchte Kriegsverbecher auf ihren Besitztümern untergebracht und sie so vor ihrer gerechten Bestrafung geschützt.

Aulöschung ist eine große, eine schonungslose Abrechnung, die erzählt, was erzählt werden muss.

"Mit der Erfindung der Fotografie, also mit dem Einsetzen dieses Verdummungsprozesses vor weit über hundert Jahren, geht es mit dem Geisteszustand der Weltbevölkerung fortwährend bergab. Die fotografischen Bilder, habe ich zu Gambetti gesagt, haben diesen weltweiten Verdummungsprozess in Gang gebracht und er hat diese tatsächlich für die Menschheit tödliche Geschwindigkeit in dem Augenblick erreicht, in welchem diese fotografischen Bilder beweglich geworden sind. Stumpfsinnig betrachtet die Menschheit heute und seit Jahrzehnten nichts anderes mehr, als diese tödlichen fotografischen Bilder und ist wie gelähmt davon. [...] es wird gut sein, wenn wir uns noch gerade bevor dieser Verdummungsprozess der Welt total eingetreten ist, umbringen."

[*] Diese Rezension schrieb: Arne-Wigand Baganz (2004-11-06)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



-> weitere Bücher von Thomas Bernhard ansehen

->  Stichwörter: Österreich · Nationalsozialismus

-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?

[ weitere Rezensionen : Übersicht ]

 



Aus unseren Buchrezensionen


Gegen alle HoffnungHinz, Ulrich P.:
Gegen alle Hoffnung
"Seismograph der Jahrhundertwende" Wenn "Traumstraßen blutwundgefegt" (Todblau leuchtet der Abend Vergessen), "zerquetschte Gedärme das Pflaster benetzen" (Zeitzeuge) fühlt man sich in der Bildsprache an den "Medizyniker" Benn erinnert: Ulrich P. Hinz erweckt in seinen sprachlich virtuos [...]

-> Rezension lesen


 Memorandum meines Lebensvon Platen, August:
Memorandum meines Lebens
"Memorandum meines Lebens" ist die Autobiographie des längst in Vergessenheit geratenen deutschen Dichters August Graf von Platen-Hallermünde (1796-1835). Sie folgt der Intention, eine aufrichtige Selbstschilderung abzuliefern, also, so Platen selbst, eher in der Tradition von Rousseaus "Beichte" als Goethes [...]

-> Rezension lesen


in flagranti und andere KatastrophenMiersch, Martin:
in flagranti und andere Katastrophen
Zwei nackte Damen – fleischfarben - posieren in knietiefem Wasser eines mit Gesteinsbrocken übersäten Bachlaufes zur Winterzeit. Surreal wirkt das überarbeitete Foto mit den beiden Schaufensterpuppen. Die Titelgestaltung des Hochglanz Covers des 128 Seiten umfassenden Bandes ist von Frank Jacob. Das soll hier Erwähnung finden, denn [...]

-> Rezension lesen


 Das letzte KapitelHamsun, Knut:
Das letzte Kapitel
"Ja, wir sind Landstreicher auf Erden. Wir wandern Wege und Wüsten, zuweilen kriechen wir, zuweilen gehen wir aufrecht und zertreten einander. So auch Daniel, der zertrat und selbst zertreten ward". - so beginnt der 1923 erstveröffentlichte Roman "Das letzte Kapitel" des norwegischen Schriftstellers Knut Hamsun und [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net



005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2017 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.022354 sek.