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Otto Julius Bierbaum - Prinz Kuckuck
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Bierbaum, Otto Julius:
Prinz Kuckuck

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(Bücher frei Haus)

Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910) war ein recht erfolgreicher Vielschreiber – als Lyriker, Dramatiker, Librettist und nicht zuletzt als Romanautor. Zu seinen Hauptwerken zählt „Prinz Kuckuck – Leben, Taten, Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings“. Dieser satirische Gesellschaftsroman erschien 1907 und war mit einer Auflage von etwa 100.000 Exemplaren eine der meistgelesenen Neuerscheinungen belletristischer Art am Vorabend des 1. Weltkriegs.

Die Taschenbuchneuausgabe von 1981 umfasst drei Bände mit zusammen annähernd 800 Seiten. Der Leser wird darin mitgenommen auf eine Hetzjagd durch die verschiedenen Milieus der damaligen Gesellschaft, gewissermaßen eine Jagd per Automobil, wenn das gewagte Bild erlaubt ist – Bierbaum hat übrigens auch das erste automobile Reisebuch in deutscher Sprache geschrieben. Motor der Geschichte hier ist der Lebenslauf eines gewissen Henry Felix Hauart – Rufname Felix -, das nichteheliche Kind einer schönen, klugen Jüdin. Für die Vaterschaft stehen zwei reizende Antisemiten zur Auswahl: ein tyrannischer russischer Fürst und ein deutscher Musiker wie ein Richard Wagner-Nachtmahr. Die Jüdin gibt das äußerlich wohlgeratene Kind erst in Pflege, dann zur Adoption frei. Hauart, sein neuer Vater in München, entstammt der Hamburger Kaufmannschaft, ist reich, sensibel, an Kunst interessiert und steht unter dem Eindruck Nietzsches und des Vitalismus. Seine Erziehung verfehlt ihr Ziel, aus dem Adoptivsohn einen kultivierten, sich selbst kontrollierenden Ausnahmemenschen zu machen, vollständig. Felix wird zu einem gut aussehenden, sehr vitalen und amoralischen Monster, das nicht einmal durchweg unsympathisch ist.

Die Adoptiveltern fallen ihm als Erste zum Opfer. Mit dem Riesenerbe versehen, tritt Felix ohne jeden Vorsatz einen Vernichtungsfeldzug gegen die Bastionen der zeitgenössischen Kultur an. Materiell hervorragend ausgestattet, doch innerlich haltlos, treibt er dahin. Die pietistische Hamburger Verwandtschaft, die Universität, die Literatur, das Militär, der Adel, die katholische Kirche, die Politik – das sind die wesentlichen Stationen. Die Abläufe ähneln sich. Überall reüssiert Felix allzu rasch, erweist sich bald als fataler Blender und zieht weiter. Um sein zunehmend verfehltes Leben zu kompensieren, nährt er bei sich den Wahn, er sei ein illegitimer Spross des Hauses Habsburg. Am Ende bringt er sich um – natürlich im Automobil.

Selbstverständlich ist das ein Kolportageroman. Bierbaum ist nicht Thomas Mann oder André Gide. Er häuft Motiv auf Motiv, übersteigert die Effekte und lässt buchstäblich nichts aus, was den Leser aus den gebildeten Ständen der ausgehenden Kaiserzeit lustvoll schaudern lassen könnte. Zwar ist die Gesinnung des Buches auch aus heutiger Sicht untadelig – Bierbaum ist ein liberaler, obrigkeitskritischer Humanist und durchaus kein Antisemit. Aber bedient er nicht insgeheim durch seine Konstruktion des Romans doch den versteckten Antisemitismus eines „aufgeklärten“ Bürgertums? Denn an wen da so viele Glücksmöglichkeiten vergeblich verschwendet werden, das ist eben ein Prototyp: der uneheliche Halbjude. So gesehen erweist sich der Erfolg des Buches als eine Art fatales Vorwort zum Scheitern der Weimarer Republik und zur Liaison der Bürgerlichkeit mit der Barbarei. Der Roman ist noch in einem anderen Sinn wilhelminisch bis auf die Knochen, eben durch seinen Überreichtum im Formalen, eine Stoff- und Detailfülle, die allzu ornamental wirkt.

Gleichwohl kann man „Prinz Kuckuck“ noch immer mit einigem Gewinn und Genuss lesen. Man braucht sich nur von den Fesseln eines guten literarischen Geschmacks zu befreien und sich vor Augen halten, welche Einblicke in das reale Leben seiner Zeit uns der Roman bietet. „Prinz Kuckuck“ ist kulturhistorisch eine fast unerschöpfliche Fundgrube – und zugleich schmackhaft wie ein leicht umstrittener Likör mit etwas zweifelhaften Zutaten.


[*] Diese Rezension schrieb: Arno Abendschön (2012-01-06)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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