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Ralf Bönt - Das kurze Leben des Ray Müller
Buchinformation
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Bönt, Ralf:
Das kurze Leben des Ray
Müller

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(Bücher frei Haus)

In seinem 2012 bei Pantheon erschienenen viel beachteten Buch „Das entehrte Geschlecht“, für das er die Arbeit an dem hier vorliegenden Roman unterbrach, schrieb der Schriftsteller Ralf Bönt zusammenfassend:
"Jetzt werden Männer Maßnahmen ergreifen, um die emotionale und physische Ausgrenzung aus der Familie zu beenden. Männer werden aufhören, sich als reine Funktionsträger zu begreifen. Der Mann wird seinen Körper respektieren und Eigenliebe entwickeln, die sich nicht auf sekundäre Eigenschaften und seine Leistungsfähigkeit beziehen, sondern unkonditioniert auf seine bloße Existenz. Er wird sich lieben und bemerken ob er geliebt wird oder nicht."

Und er wird, so fügte ich damals in meiner Rezension dieses Buches hinzu, sein für richtig und authentisch gehaltenes Verhalten, seine Gefühle nicht mehr deshalb unterdrücken, weil es irgendeinem anderen nicht gefällt, sei es nun seine eigene Partnerin oder irgendjemand sonst: "Mich macht frei, was nicht ist wie ich, denn dann muss ich nicht sein wie es."

Nach diesem „notwendigen Manifest für den Mann“ war ich natürlich sehr gespannt auf Bönts neuen Roman, in dem der Ich - Erzähler Marko Kindler im Verhörraum der Polizei, auf einen Psychologen wartend, erzählt, was in der kurzen Zeit zwischen der Geburt seines Sohnes Ray und Markos dramatischer Flucht mit ihm geschehen ist. Nicht nur mit seinem kleinen Sohn, sondern auch mit ihm.

Marko Kindler ist eigentlich ganz glücklich, als er bei der Geburt seines Sohnes Ray dabei ist. Eine Familie haben, ein Vater sein – so wie alle Menschen, die in ihrer Kindheit beides mehr oder weniger vermissen mussten, träumt er davon, es besser zu machen, und sich damit auch endlich von den damals geschlagenen Wunden zu heilen.

Doch kaum ist er zusammen mit seiner Frau Lycile und dem kleinen Ray, der den Namen der Mutter trägt, zu Hause angekommen, erreicht ihn die Nachricht, dass Markos Freundin Nelly, eine New Yorker Malerin, gestorben ist. Marko ist von dieser Nachricht wenig überrascht, erinnert er sich doch ganz genau an eine Mail, die er ihr am Tag ihres Todes geschickt hat, und in der er sie mehr im Scherz gefragt hatte, ob sie noch am Leben sei. Als er genau nachprüft, stellt sich heraus, dass Nelly seine Mail wahrscheinlich vor ihrem Tod noch gelesen hat.

Nun beginnt Marko, im Verhörzimmer sitzend, die eigentliche Haupthandlung des Buches zu erzählen. Er erinnert sich an seine Freundschaft mit Nelly, die ihm wie eine Wesensverwandte war. Beide tragen ein schweres Schicksal mit sich herum. Marko leidet an einer seltenen Schilddrüsenkrankheit (hier muss Ralf Bönt lange recherchiert haben, so genau beschreibt er alles – stellenweise wähnt man sich in einem medizinischen Fachbuch) und Nelly ist Opfer von langwährender familiärer Gewalt. Auch Marko hat keine gute Kindheit gehabt. Auch sie war geprägt von Vernachlässigung. Doch trotz gemeinsamer Erfahrung von Stigmatisierung, können die beiden nicht recht zusammenkommen. Das, was sie verbindet auf der einen Seite, trennt sie auf der anderen. Wenn Nelly herzieht über die Männer, zieht sich Marko noch mehr zurück in sich selbst, ist noch nicht einmal mehr zu einer Umarmung in der Lage.

Nelly trifft irgendwann einen Liebhaber, der sie sehr schlecht behandelt (Wiederholungszwang) und Marko trennt sich von Nadja, der Mutter seiner Kinder, mit der er sich vorher so einig fühlte. Krank und ohne Geld verliert er den Kontakt mit dem, was ihm einmal das Liebste war.

Im Gegensatz zu Nelly schafft es Marko irgendwann gesund zu werden. Er lernt Lycile kennen, die bald schwanger wird, fährt den Kontakt zu Nelly zurück und hofft, als er zu Beginn des Buches mit Lycile und seinem Sohn Ray nach Hause fährt, auf einen grundlegenden Neuanfang in seinem Leben, auch in seinem Leben als Mann.

Er fährt nach der Nachricht vom Tode Nellys von Lycile ermutigt zur Beerdigung nach New York. Die Erlebnisse dort tun ihm nicht gut, und als er nach seiner Rückkehr erfährt, dass auch seine so kühle Mutter ein Opfer war, nimmt er in einer Kurzschlusshandlung seinen Sohn Ray und flieht mit ihm. Warum er das tut, lässt Bönt offen, Mir hat es sich jedenfalls nicht erschlossen. Aber was ist schon erklärbar an einer Kurzschlusshandlung?

Nach dem katastrophalen Ausgang dieser Flucht und dem „kurzen Leben des Ray Müller“ sitzt er im Verhörzimmer und wartet auf den Psychologen. Vielleicht erfährt dieser Mann, der vom Opfer zum Täter wurde und dabei doch immer ein guter Mann, Partner und Vater sein wollte, nun so etwas wie Hilfe, denkt der Leser bis zum Ende. Doch auch diese Hoffnung wird enttäuscht:
„‘ Ich halte Sie nicht für einen bösen Menschen‘ lügt er exakt so von oben herab, wie ich alle immer von oben herab angelogen haben. ‘Ich habe Verständnis für Ihre Geschichte.‘“

Ein intensives Buch, das unter die Haut geht. Ein Buch über Männer, die an ihrer eigenen Geschichte scheitern, obwohl sie sie doch gut reflektieren können. Dass Marko dabei doch immer allein bleibt, dass es keinen einzigen anderen Mann gibt, der ihm je dabei ein Gesprächspartner und Freund gewesen wäre, ist leider ein Spiegel der Realität vieler Männer.

Das, was Bönt 2012 schrieb, konnte seiner Hauptfigur (noch) nicht helfen:
"Jetzt werden Männer Maßnahmen ergreifen, um die emotionale und physische Ausgrenzung aus der Familie zu beenden. Männer werden aufhören, sich als reine Funktionsträger zu begreifen. Der Mann wird seinen Körper respektieren und Eigenliebe entwickeln, die sich nicht auf sekundäre Eigenschaften und seine Leistungsfähigkeit beziehen, sondern unkonditioniert auf seine bloße Existenz. Er wird sich lieben und bemerken ob er geliebt wird oder nicht."

Ralf Bönt, Das kurze Leben des Ray Müller, DVA 2015, ISBN 978-3-421-04639-0

[*] Diese Rezension schrieb: Winfried Stanzick (2015-04-27)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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