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Rezensionen


 
Oliver Bottini - Das verborgene Netz
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Bottini, Oliver:
Das verborgene Netz

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(Bücher frei Haus)

Schattenjagd

Selten transportiert bereits die äußere Gestaltung eines Buches die innen liegende Atmosphäre in ähnlich treffender Weise wie bei diesem, dem 5. Fall der Freiburger Kriminalhauptkommissarin Louise Bonì.

Das vernebelte, düstere Landschaftsbild des Umschlages, auf dem wie ein Schatten eine Frau erkennbar ist, setzt in direkter Weise die Stimmung des gesamten Romans in Szene. Vorab bereits hier ein großes Lob an den Verlag.

Louise Boní, 45 Jahre alt, trockene Alkoholikerin, gerade aus einer längeren Kur entlassen, in dem ein massiver Burnout behandelt wurde, taumelt mehr denn dass sie klaren Verstandes wäre durch die Seiten. Vor allem, da bereits nach kurzer Zeit ein akuter Schlafmangel ihre Sinne mehr als in Mitleidenschaft zieht. Unverhofft nämlich stolpert sie in Berlin in einen Fall, der gar nicht für sie gedacht war und bei dem höhere Kräfte des Verfassungsschutzes umgehend alles dafür tun, dass Boní sich zurückzieht.
Kräfte, die allerdings die Rechnung völlig ohne ihre Neigung gemacht haben, sich in Fälle regelrecht hinein zu verbeißen ohne Rücksicht auf die eigene Person. Wie auch, wenn das einzige, was sie mit ihren 45 Jahren im Chaos der eigenen Existenz von sich zu sagen weiß wäre, dass sie irgendwie getrieben ist. Ein Chaos, dem auch Ben, ihre neue, versuchsweise in den Raum gesetzte Beziehung, wenig Herr werden kann. Zum Glück ist Ben weit weg in diesem Roman, so das sich Boní völlig auf diesen Fall konzentrieren kann, einen Fall, der lange Zeit, wie sie selbst und wie der erwähnte Umschlag des Buches, nebulös im Schatten bleibt. Ein Mann, Journalist, wird zerschlagen in einem Hotel aufgefunden und verschwindet anschließend aus eigner Kraft umgehend aus der Ambulanz, wird aber im gesamten Buch stetig im Hintergrund zu erahnen sein. Boní macht sich auf, diesen merkwürdigen Vorfall näher zu untersuchen und findet sich auf diesem Wege lange Zeit in nebulösen Verwirrungen wieder.
Erst allmählich und eine ganze Reihe von zerschlagenen, ermordeten, gerade noch vor dem Suizid geretteten Personen weiter lichtet sich das Dunkel ein wenig und ein weit reichendes Netz von wirtschaftlicher Spionage tritt ans Licht. Aber auch hier braucht es bis fast zur letzten Seite, bevor mit einem Überraschungseffekt klar wird, wer wirklich die Fäden des Netzes gesponnen hat.

Olivier Bottini ist ein Meister der Verschachtelung und Irreführung, auch die bietet in eine Parallele zwischen der Geschichte selbst und den von ihm kreierten Figuren. Denn nicht nur Louise Boní ist eine hoch differenzierte, von Schwächen und Lebensverletzungen geprägte, Persönlichkeit, auch alle anderen auftretenden Protagonisten tragen Licht und Schatten zur Genüge in sich, die Guten ebenso wie die Gegenspieler.
Niemand kommt unbeschadet durch die fast 320 Seiten des Buches und so gelingt es Bottini fast spielerisch aus der Kraft seiner atmosphärischen Dichte heraus, eine ganz eigene Stimmung im Buch zu erzeugen, die von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln vermag.

Sprachlich in klaren Hauptsätzen, oft wirkend wie nur in Stichworten hingeworfen, erzeugt der Stil eine hohe Geschwindigkeit mit deutlicher Sogwirkung. Überzeugende, schattierte, mitgenommenen Protagonisten und ein überzeugend konstruierter Fall tun ihr Übriges dazu, um diesen Kriminalroman sich deutlich von der Masse abheben zu lassen.

[*] Diese Rezension schrieb: Michael Lehmann-Pape (2010-11-22)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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