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T. C. Boyle - San Miguel
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Boyle, T. C.:
San Miguel

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(Bücher frei Haus)

T. Coraghessan Boyle hat die amerikanische Literatur der letzten Jahrzehnte zweifelsohne in hohem Maße bereichert. Was zunächst als ein frenetischer Literaturduktus eines Freaks erschien, mauserte sich im Laufe der Jahre zu einem ernst zu nehmenden Genre, das exklusiv mit dem Namen Boyle verknüpft ist. Water Music als Auftakt und Referenz an die Freaks der Weltentdeckung, Worlds End als phänomenaler Beitrag zum Entstehungsmythos der USA und Tortilla Curtain als grandiose Aktualisierung von John Steinbecks Grape of Wrath! T. Coraghessan Boyle schrieb auch weniger beachtete und wesentlich leisere Bücher, aber allen war gemein, dass wir es mit einem Erzähler ersten Ranges zu tun haben, der epische Tiefe mit einer lodernden Dramaturgie zu vereinigen weiß.

T.C. Boyles neuester Roman, San Miguel, beginnt mit einem Aufschlag, der gefährlicher nicht sein könnte. Boyle stellt seiner eigenen Erzählung ein Zitat des unvergessenen W.H. Auden voran, der nach einem Besuch des Musée des Beaux Arts von sich gegeben hatte, dass die großen Meister in der Frage der Darstellung des Leidens nie falsch waren, weil sie wussten, den leidenden Menschen darzustellen, sei es, wie er sich setzte, wie jemand ein Fenster öffnete oder wie er eine Straße entlang trottete. Sollte dieses Zitat die Herausforderung an die Erzählung über die kalifornische Insel San Miguel sein, dann war das Ziel zu ehrgeizig formuliert.

Boyle erzählt einmal die Geschichte eines Paares, das 1888 auf die Santa Barbara vorgelagerte Insel siedelt, um sein Dasein aus der Schafszucht zu bestreiten und einmal die eines anderen Paares, das den gleichen Versuch 1930 unternimmt. Boyle wäre nicht Boyle, wenn er nicht diese beiden Erzählungen verwöbe und wenn er sie nicht zum Anlass nähme, die Befindlichkeit dieser beiden Epochen anzudeuten. Es fällt auf, dass die Protagonistinnen die Frauen sind. Sie erscheinen in beiden Fällen die starken, menschlichen Persönlichkeiten zu sein, die dennoch ihren tragischen Charakter nicht abstreifen können. Deren Partner hingegen sind trotz subjektiver Motivation zum guten Handeln lädierte, abgründige Helden, die ihre psychischen und physischen Versehrungen aus Bürgerkrieg und Krieg mitgebracht haben. Allein die Kollision dieser Charaktere verhieße nichts Gutes, käme da nicht noch der Umstand hinzu, auf dieser Insel stets am Existenzminimum und abgeschnitten von der Zivilisation zu leben.

Und diese Mixtur ist es auch, die das Buch lesenswert macht: Archetypische Charaktere, Geschlechter spezifisch versteht sich, soziale Härte und abseitig zivilisatorisch. Das sieht alles aus wie ein Labor, in dem die menschlichen Triebe und Befindlichkeiten ausgeleuchtet werden sollen, was Boyle zum Teil hervorragend gelingt, und was er leider manchmal unterlässt. Die todkranke Marantha kommt dem in dem Auden-Zitat formulierten Anspruch noch am nächsten, deren Tochter Edith, die flieht, um Schauspielerin zu werden, zerstäubt in der Oberflächlichkeit und Elise, die Dritte, verflacht als bildungsbürgerliches Heimchen. In dem Boyle die Frauen als tragische Figuren portraitiert oder zu portraitieren sucht, während die Männer in ihrer charakterlichen Dimension einem flachen Krimi zu entspringen scheinen, hat sich Boyle einem Zeittrend hingegeben, der letztendlich dazu führen musste, dass das Buch misslungen ist. Man fragt sich, was daraus hätte entstehen können, wenn er die Leidensgeschichte des Bürgerkriegsveteranen Waters näher beleuchtet hätte oder die Biographie des Inselfaktotums Jimmie, die wahre Tragik beinhaltet, mehr gewürdigt hätte?

Nichtsdestotrotz hat das Buch geniale Passagen, in denen Beobachtungsgabe und epische Qualität aufblitzen, hinsichtlich der kompositorischen Güte bleibt das Werk jedoch hinter den Erwartungen zurück, die der Name des Autors weckt.

[*] Diese Rezension schrieb: Gerhard Mersmann (2012-11-17)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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