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Sebastian Budgen - Lenin Reloaded. Für eine Politik der Wahrheit.
Buchinformation
Budgen, Sebastian - Lenin Reloaded. Für eine Politik der Wahrheit. bestellen
Budgen, Sebastian:
Lenin Reloaded. Für
eine Politik der
Wahrheit.

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(Bücher frei Haus)

Die Aufsatzsammlung Lenin Reloaded geht auf eine Konferenz am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen im Februar 2001 zurück. Die zentrale Frage, die diese Konferenz gleichsam überschattete, war die Frage, ob man im 21. Jahrhundert, 11 Jahre nach dem Ende des Kommunismus noch auf eine bessere Welt hoffen würde oder ob allein diese Hoffnung nicht schon einem Denkverbot unterliege, so wie es in Sechzigern Berufsverbote gegeben habe. Denn Utopien zu denken ist beinahe ebenso gefährlich, wie diese zu verwirklichen und die Herausgeber formulieren in ihrer Einleitung zu vorliegendem Sammelband deswegen auch betont provokant: „So gutwillig dies auch sein mag, es wird zwangsläufig in einem Gulag enden!“

Universalismus und Partikularismus
Lenin wurde mehr oder weniger verdeckt immer der Vorwurf gemacht, dem utopistischen Projekt des deutschen Marxismus das „russisch-asiatisch despotische Prinzip“ quasi gewaltsam einverleibt zu haben. Selbst einige Russen verwiesen auf Lenins tatarische Herkunft, um sich von seinen politischen Abenteuern zu distanzieren und einen Schlussstrich unter die Ereignisse des Roten Oktober zu ziehen. Lenin hat zweifelsohne als einer der ersten die Ideen Marx’s universalisiert indem er sie aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgerissen hatte. Lenin steht also nicht nur für asiatischen Despotismus, sondern auch für die Freiheit der Tat, sich die Geschichte dann untertan zu machen, wenn sich auch nur ein kleines Fenster am Horizont öffnet. Grandios zu scheitern ist vielleicht immer noch besser, als Chancen ungenutzt verstreichen zu lassen. Aber ist Lenin denn überhaupt gescheitert?
„jusqu’au-boutisme“
„Das Pfaffentum hat das Lebendige bei Aristoteles getötet und das Tote verewigt“, zitiert etwa der französische Intellektuelle Etienne Balibar Lenins Text über die Metaphysik Aristoteles‘. Lenin war es aber auch, der den Doppelcharakter des imperialistischen Krieges als einer der ersten entlarvte und wahrhaftig, wie selbst ein Pfaffe es nicht glaubhafter tun hätte können, an dessen Umwertung zu einem Bürgerkrieg glaubte. Der Krieg sei entfesselt worden, um das eigene Proletariat zu zähmen, jetzt müsse man die Chance nützen, und die Waffen gegen die eigenen Herren richten. Die revolutionäre Situation in einen antikapitalistischen Krieg umzudeuten ist ebenso Lenins zweifelhafter Verdienst, wie einige Stufen der kommunistischen Entwicklung der Menschheit mit einem großen Satz zu überspringen. Seine „jusqu’au-boutisme“-Politik befürwortete infolgedessen einen proletarischen coup d’etat mit allen seinen Konsequenzen einer NÖP und eines Kriegskommunismus im Bürgerkrieg. Lenin nahm das unnatürlich anorganische Vorgehen seiner Bolschewiken aber nur deswegen in Kauf, weil er an eine Explosion im Westen glaubte. Die Sowjet sollte nur ein Fanal einer Weltrevolution sein, denn er glaubt nie an den „Aufbau eines Sozialismus in einem Lande“, wie ihn später – nach dem Scheitern der Weltrevolution – Stalin propagierte.
Kommodifizierung der Politik
Auch Georges Labica widmet sich der (anti-)imperialistischen Periode in Lenins Schriften, Denken und Handeln. Die Antwort des Proletariats auf die Wirtschaftspolitik des Finanzkapitals, den Imperialismus, könne nicht der Freihandel, sondern nur der Sozialismus sein, so Lenin 1910. Labica formuliert in seinem Aufsatz denn auch die Frage, inwiefern die gegenwärtige Globalisierung des 21. Jahrhunderts als Lenins „neuer Imperialismus“ bezeichnet werden könne. Sich selbst verwertender Wert, „Geld heckendes Geld“, diese Formulierung findet sich sogar schon bei Marx selbst. Die gegenwärtige Bedrohung der heutigen Demokratie gehe vor allem vom Tod des Politischen durch die „Kommodifizierung der Politik“ einher, schreibt wiederum Slavoj Zizek in diesem Zusammenhang. Politik sei nur mehr eine Serviceleistung, die durch unsere Stimmen bezahlt würde aber keine agitative selbstgestaltende Lebensform mehr. Vielleicht könnte die Lektüre Lenins oder sogar „Lenin Reoloaded“ dazu verhelfen der Propaganda des „großen Satzes“ auch wieder diejenige der Tat folgen zu lassen. Denn sicherlich liegt darin die Seele der Demokratie, in der Entschlusskraft, seine eigenen Lebensverhältnisse mitzugestalten. Und darin liegt sicherlich auch Lenins Vermächtnis.
Propaganda der Tat
Die versammelte Autorenschaft der vorliegenden Aufsatzsammlung behaupten die Aktualität Lenins „in einer Zeit, da der globale Kapitalismus als alternativlos präsentiert wird, das liberal-demokratische System als Spitze der menschlichen Entwicklung erscheint und der Untergang der Welt wahrscheinlicher als die bescheidenste Veränderung der Produktionsverhältnisse“. Darüber hinaus sind sie auch bereit unpopuläres Gedankengut wiederzubeleben und sich dessen Konsequenzen zu stellen. Mit Beiträgen von u.a. Alain Badiou, Terry Eagleton, Fredric Jameson, Slavoj Žižek, Daniel Bensaïd, Étienne Balibar und Antonio Negri.

Sebastian Budgen/Stathis Kouvelakis/Slavoj Žižek (Hrsg.)
»Lenin Reloaded«. Für eine Politik der Wahrheit.
Laika Verlag

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2014-04-16)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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