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Ken Burns - Prohibition – Eine amerikanische Erfahrung
Buchinformation
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Burns, Ken:
Prohibition – Eine
amerikanische Erfahrung

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(Bücher frei Haus)

„Die Geschichte der Vereinigten Staaten kann in neun Worten erzählt werden: Columbus, Wahshington, Lincoln, flights up and ask for Gus“, schrieb die New Yorker Evening Sun in den Zwanziger Jahren. Damals gab es mehr als 32.000 Speakeasies („Flüsterkneipen“) in deren Räumen Alkohol ausgeschenkt wurde. Nur war Alkohol seit dem Volstead Act von 1920 für illegal erklärt worden. 32 Staaten hatten das Gesetz zwischen 1913 und 1920 ratifiziert und so wurde es Bundesgesetz. Das hatte zwar ein paar Jahre gebraucht - erste Bestrebungen gab es ja schon im 19. Jahrhundert - aber nun war es einer kleinen radikalen Minderheit endlich gelungen, ein ganzes Land in Geiselhaft zu nehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Volstead Act je zurück genommen werden würde, war noch vor der Wirtschaftskrise (1929) „so groß wie, dass ein Kolibri mit dem Washingtoner Monument zum Mars fliegt“, wird in der französischen Fernsehserie ein Kongressabgeordneter zitiert. Aber dann brachten genau jene es wieder zu Fall, die es einst aus der Taufe gehoben hatten: die Frauen. Die vorliegende französische Dokumentation wartet in der deutschen Synchronisation noch mit einem Hörgenuss auf, denn Robert de Niro‘s Synchronisationsstimme, Christian Brückner, spricht – passenderweise - einige der Texte.

Eine Nation im Rausch?
Schon auf der Mayflower sollen Bierfässer nach Amerika gekommen sein, aber richtig groß wurde die einheimische Produktion und Konsumation eigentlich erst durch die Einwanderung der Deutschen. Whiskeys hingegen wurden vor allem von Iren gebrannt und erfreuten sich ebensolcher Beliebtheit wie Rum, denn Alkoholkonsum war in den Anfangstagen der USA so verbreitet, dass er sich sogar verheerend auf die Wirtschaft auswirkte. Ein Captain Elstner soll 1833 noch geäußert haben, dass ein Engländer ohne Abendessen nichts zu Stande bringe, ein Amerikaner hingegen nichts ohne einen Drink. Vielleicht war auch einfach urbarer Alkohol besser als Wasser aus dreckigen Pfützen, denn die hygienischen Bedingungen waren beim Aufbau des Landes alles andere als rosig. 88 Flaschen Whiskey pro Jahr wurden im späten 19./Anfang 20. Jahrhundert pro Kopf konsumiert, das sei mehr als das Doppelte von heute. Vielleicht war es damals wirklich Zeit, dass etwas dagegen unternommen werden würde, denn der Alkoholismus grassierte in den USA wie Jahrhunderte zuvor in Europa die Pest.

„Booze or boys!“
Die „Washingtonerians“, ein Vorläufer der AA, rückten mit ihrem „Washingtoner Gelübde“ den Alkoholismus ins Zentrum der öffentlichen Berichterstattung und endlich konnte etwas für all die Übel der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden. Eine unheimliche Allianz wurde bald aus der Taufe gehoben: die Temperenzbewegung (totale Abstinenzler), die sich nach Tempelrittern oder Orden benannten, die Protestanten und eine Art frühe Frauenbewegung, denn diese hatten am meisten unter Alkoholmissbrauch zu leiden, später kam dann noch der KKK hinzu. Alkohol war ja vor allem eine katholische Erfindung und sie entsprach so gar nicht dem protestantischen Arbeitsethos, wonach diesseitige Erfolg der größte Beweis für die Liebe Gottes sei. Vorerst kam zwar noch der Bürgerkrieg um die Sklaverei dazwischen und sorgte für eine Pause der Anti-Alkohol-Bewegung. Bald schon sollten die Alkoholsteuern auch für eine Finanzierungsquelle für den Krieg herhalten müssen, womit ein Drittel des Bundesetats finanziert worden sei, so die Dokumentation. Nach dem Bürgerkrieg begann es dann erneut in Hillsborough, Ohio: Ein durch zivilen Ungehorsam organisierter Frauenkreuzzug mit betenden Frauen vor Saloons und die WCTU von Frau Willard, die eine Koalition mit den Suff(-)ragetten bildete, verschwor sich alsbald zur Anti Saloon League.

Biertrinken als Landesverrat
Denn dort war es, wo das Samstagslohnscharmützel der Arbeiter als erstes hingetragen wurde und nicht nach Hause zur wartenden Ehefrau. Die Bedeutung des Saloons als Begegnungsort war bisher unbestritten gewesen, aber jetzt wurde unter dem Motto „Booze or boys!“ Stimmung gegen die „wohl einzige soziale Institution des Landes“ gemacht. Nachdem die neue Einkommenssteuer dafür sorgte, dass genug Geld im Staatsseckel war, waren keine Alkoholsteuern mehr nötig und so konnten die Temperenzler mit ihrem 18. Zusatzartikel zur Verfassung 1913 durchstarten. Auch fortschrittliche Kräfte wie die IWW oder die Fords und Carnegies waren für das 18. Amendment. Den Rest besorgte der Erste Weltkrieg, in dem sich der Deutschenhass gegen Brauereien in den USA entlud. Biertrinken wurde nun zum patriotischen Verrat stilisiert und 1919 hatten 36 Staaten ratifiziert. 1920 wurde die Prohibition Bundesgesetz. Die 5. größte Industrie des Landes war nun arbeitslos, dafür bekamen Kleinkriminelle und später die Mafia großen Zulauf. Harmlose Menschen wurden durch den 18. Kriminalisiert und zu „Gesetzesspöttern“, wie die Dokumentation es nennt. Für manche war die Prohibition aber auch eine Art soziale Wohlfahrt, in der man sich um die elenden Arbeits- und Lebensbedingungen der Ärmsten zu sorgen begann.

Ergebnisse der Prohibition
„Nothing so needs reforming as other people's habits. Fanatics will never learn that though it be written i gold across the sky, that it is the prohibition that makes anything precious“, so der Schriftsteller Mark Twain. Aber nicht nur ,dass Alkohol jetzt verboten war machte ihn so attraktiv, sondern vor allem natürlich, dass sich damit eine Menge Kohle verdienen ließ. New York etwa verzeichnete einen Zuwachs jüdischer Gemeinden, weil Rabbis das Brennen von Alkohol zu religiösen Zwecken erlaubt war. Vielleicht kam der Begriff „Kosher Nostra“ ursprünglich daher? Zur Durchsetzung des Gesetzes in New York hätte man vielleicht 250.000 x 2 gebraucht, schreibt ein Beobachter. Für jeden Beamten einen weiteren zu seiner Überwachung, denn die Korruption war überall. Aber nur 200 (!) Beamte standen den Behörden zur Verfügung. Die Bundesgerichte waren ohnehin überlastet und wer ein Buße zahlte wurde oft am selben Tag wieder entlassen. Der Besitz eines Flachmanns wurde wie Waffenbesitz ohne Waffenschein geahndet, das konnte nur zu einer Überforderung des Justizsystems führen. Für die Volksgesundheit wirkte sich die Prohibition auch nicht gerade gut aus, denn der oft mit Holzspiritus versetzte Alkohol sorgte für Blindheit, neurologische Störungen und viele andere Krankheiten.

Ergebnisse der Prohibition
Die Prohibition hatte zu Korruption, Verbrechen und Scheinheiligkeit geführt und zu mehr Missachtung des Gesetzes geführt als alles andere als zuvor. Eigentlich war es nur für „Schwächlinge und Pflichtvergessene“ gemacht worden, wie es Pauline Sabin, die das Gesetz zu Fall brachte, später ausdrückte. Erst nach 13 Jahren wurde der Volstead Act abgeschafft und machte damit – zumindest vorläufig – die Mafia arbeitslos, wie in Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ (1984) meisterhaft eine historische Ära porträtiert wird. Doch die Vertriebswege, die sich in der Zeit der Prohibition etabliert hatten, konnten nun auch für andere Sachen verwendet werden. Die Dokumentation zeigt in vollem Umfang, wie verheerend sich die Prohibition auf die amerikanische Gesellschaft auswirkte und, dass in dieser Dekade sogar mehr Alkohol getrunken und produziert wurde als zuvor. Viel schlimmer noch aber war, dass sich der Staat selbst lächerlich gemacht hatte, denn alles was in dieser Periode geschehen war, wurde demnach sinnlos. Vielleicht rührt das Misstrauen der US-Bürger gegenüber ihrem Staat auch daher? Nach dem Ende der Speakeasies gab es jedenfalls kein Revival der Saloons mehr. Nun tranken Frauen und Männer gemeinsam in Bars. Das hatte es aber im Saloon nie gegeben.

Ken Burns/Lynn Novick
Prohibition – Eine amerikanische Erfahrung
3DVDs
www.polyband.de

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2015-01-13)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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