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Rezensionen


 
Andrea Camilleri - Die Sekte der Engel
Buchinformation
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Camilleri, Andrea:
Die Sekte der Engel

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(Bücher frei Haus)

Der durch seine Montalbano-Krimis in Deutschland sehr bekannt gewordene, in Rom lebende sizilianische Schriftsteller Andrea Camilleri überrascht mich jedes Jahr aufs Neue mit neuen Büchern. Nicht nur dass er im Alter von mittlerweile 88 Jahren immer noch neue, spannende und kritische Bände mit Salvo Montalbano schreibt und veröffentlicht. Ihm gelingt es auch, zusätzlich zwei bis drei historische Romane zu schreiben, die sich nicht weniger spannend und unterhaltsam lesen wie die Krimis und die meist, trotz ihres oft über einhundert Jahre alten historischen Stoffs für den kritischen Leser voller Anspielungen stecken auf die gegenwärtige Politik, Kultur und Gesellschaft in Sizilien und in Italien.

Auch die Handlung des vorliegenden Romans „Die Sekte der Engel“ hat er historischen Quellen entnommen, sie jedoch „bewusst so verzerrt dargestellt, dass sie nicht wiederzuerkennen sind und die Grenze zur puren Phantasie überschreiten.“

Wir schreiben das Jahr 1901. In dem sizilianischen Dorf Palizzolo ist das neue Jahrhundert noch längst nicht angekommen. Die Herrschaft und Dominanz der Kirche ( es gibt in dem 7000 Seelen Ort sieben Kirchen und sieben Priester), die mangelnde Bildung und der Aberglaube der armen Bevölkerung und die mit der Kirche verbandelte Macht der Adligen, die das Dorf beherrschen und denen der Grund gehört, scheinen auf Ewigkeiten stabil zu sein. Einzig ein linker und engagierter Anwalt, der hauptsächlich die ausgebeuteten Arbeiter der Adligen vor Gericht erfolglos vertritt, vermag einen Kontrapunkt zu setzen.

Doch als sich plötzlich und mit einem unglaublichen Tempo eines Tages das Gerücht verbreitet, die Cholera sei ausgebrochen, ist von einem Moment auf den anderen die Ruhe in dem Ort vorbei. Schon allein die Beschreibung, wie es zu diesem Gerücht kommt, ist den Kauf des Buches wert. Ein Polizeipräfekt von außerhalb namens Montagnet wird beauftragt, die völlig aus dem Ruder geratene öffentliche Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Er findet sehr schnell heraus, dass das Gerücht aus einem Missverständnis entstanden ist: es ist nicht ein Virus, der etliche ehrwürdige Familien da befallen hat, sondern in dem Ort ist es zunächst völlig unerklärlich zu einem explosionsartigen Auftreten von Schwangerschaften ehrbarer junger Frauen gekommen. Sie sind alle im zweiten Monat schwanger, schweigen beharrlich und sagen lediglich übereinstimmend, es sei der Heilige Geist gewesen, der über sie gekommen sei.

Die Ehre vieler Familie ist ruiniert, schnell werden Schuldige gesucht und in jungen Männern gefunden, die man verdächtigt und mit dem Tod bedroht. Der erwähnte Anwalt Teresi, der sich dieser jungen Männer annimmt, wird sofort zur Projektionsfläche der betroffenen Familien. Weil er seit Jahren immer wieder die Korruption und die Mafia im Ort angreift, ist er den Mächtigen schon lange ein Dorn im Auge. Zusammen mit dem integren Montagnet findet Teresi heraus, wer hinter den Schwangerschaften der jungen Frauen steckt. Es sind die bis auf einen gerade mal einen alten alle etwa vierzigjährigen Priester des Ortes, deren sektenartigen Sexualpraktiken die beiden auf die Spur kommen. Die Sache wird so offensichtlich, dass sogar der Bischof einschreiten muss.

Doch Montagnet und Teresi haben nicht mit der Rache eines Systems gerechnet, das keine Einmischung in seine Belange duldet …

Und obwohl Camilleri nach eigenen Angaben die Geschichte „bewusst so verzerrt dargestellt (hat), dass sie nicht wiederzuerkennen sind und die Grenze zur puren Phantasie überschreiten“, weckt sie beim kundigen Leser Assoziationen zu politischen Praktiken, wie sie auch über ein Jahrhundert später in Italien noch gang und gäbe sind.

Ein unterhaltsamer, gleichwohl hintergründiger Roman, der mit einem fantasierten historischen Stoff (unfreiwillig?) aktuell ist.

Andrea Camilleri, Die Sekte der Engel, Nagel & Kimche 2013, ISBN 978-3-312-00551-2

[*] Diese Rezension schrieb: Winfried Stanzick (2013-03-19)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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