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Massimo Carlotto - Der Flüchtling
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Carlotto, Massimo:
Der Flüchtling

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(Bücher frei Haus)

Alexandra, wo bist Du? Der „Fall Carlotto“ war wahrscheinlich einer der größten italienischen Justizirrtümer der Nachkriegsgeschichte. Ein Unschuldiger wurde erst verurteilt, dann freigelassen, dann wieder verurteilt. Dazwischen lag sein Leben auf der Flucht und die Wiederaufnahmen und Revision seines Prozesses. Insgesamt waren es eigentlich elf Prozesse. Sechs Jahre Gefängnis, fünf Jahre Exil und ein Leben in Paranoia: stets in Angst entdeckt zu werden, musste Carlotto verschiedene Persönlichkeiten annehmen, die ihn an den Rand der Schizophrenie brachten. Sein (dieses Mal) autobiographisches Buch dürfte auch als Zeitdokument gewertet werden, wie sich ein Mensch im Exil und auf der Flucht eigentlich fühlt: „Mit der Zeit wird dir klar, je paranoider du bist, desto sicherer lebst du und der Alltag wird durch und durch, in all seinen Teilen, zum Gegenstand von Beobachtungen und Verdachtsmomenten.“
Überraschend ist wohl, dass Carlotto mit keinem einzigen Wort erwähnt, was ihm eigentlich zur Last gelegt wurde, über den Fall selbst erfährt man nur aus dem Buchklappentext: „20. Januar 1976: Die 25-jährige Studentin Margherita Magello wird in ihrem Zimmer in Padua mit 59 Messerstichen ermordet. Massimo Carlotto, 19 Jahre, Student und Mitglied der linksradikalen Bewegung entdeckt das Opfer und geht zur Polizei, um den Vorfall zu melden. Er wird festgenommen und wegen Einbruchs angeklagt. Es beginnt ein beispielloser Schauprozess. Kurz vor der Urteilsverkündung flieht Carlotto nach Paris und von dort einige Jahre später nach Mexiko.“ Das Leben auf der Flucht. „Der gefährlichste Ort für den Flüchtling ist seine Wohnung. Ein einziger Irrtum, eine Sorglosigkeit, der Zufall, all das kann der Polizei ihre Lage verraten.“ Exemplarisch beschreibt auch Carlotto selbst seinen Fall, wenn er mit diesen und anderen Worten versucht, sein eigenes Schicksal zu objektivieren. Gefährlicher wohl noch als seine Wohnung war die Wahl des Ortes seines Exils. Mexiko City.
Mexico City beschreibt Carlotto als „durchgeknallte und brutale Megalopolis“. Besonders drastisch beschreibt er dies am Schicksal einer Freundin, Odile, die ihr Kind in der Bund verliert und es nie mehr wieder findet, um schließlich ohne ihren Mann alleine nach Frankreich zurückzukehren. Die Szene in der Carlotto dem Ehemann der Frau dann die Leviten liest und ihn schimpft, sein Leben und seine Liebe für den Kampf als kommunistischer Gewerkschafter zu vergeuden, bleibt dem Leser besonders gut in Erinnerung. Die Katharsis eines klärenden Gespräches – wenn auch mit Hilfe von ein paar Gläschen Calvadosschnaps – hat noch nie jemandem geschadet. Nur selten findet man den Mut, seinem Gegenüber die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Carlotto schaffte es vielleicht auch nur, weil er sich selbst in einer Extremsituation befindet und dadurch zu einem guten Beobachter geworden. Am Ende umarmen sich die beiden.
Viele erlebten das Exil so,“ als wären sie in ein Reservat gesperrt worden“. Statt des Alkohols hatte Carlotto aber bald ein anderes Problem. Nicht ganz ohne Selbstironie beschreibt er auch seine Fresssucht, die er sich auf der Flucht zur Problembekämpfung angewöhnt hatte und ihn in der Haft dann fast das Leben gekostet hätte. „Das Rauchen füllte die Pausen zwischen den Mahlzeiten.“ Lolo, ein chilenischer Schicksalsgenosse lehrte ihn in Mexiko das Geheimnis der Selbstironie, die „die beste Verteidigung gegen die Brutalität des Lebens“ sei. Aber gegen das brutale Leben in Mexiko City half diese Selbstironie nur bedingt, dann schon eher die „mordida“, das Schmiergeld, das man entweder der Polizei, dessen einzige Existenzgrundlage dieses Einkommen war, oder den perditas, den zahlreichen Jugendbanden zahlen musste. Ein besondere Herausforderung für den Bulimiker war auch die Delikatesse „Gürteltiere“, die ihm die Frau eines Geschäftspartners immer jeden Sonntag auftischte, nur weil er beim ersten Mal versehentlich mit „Oh, köstlich“ das Menü kommentiert hatte. Diese Stadt, Mexiko City, könne jeden verschlucken, „egal was, ohne jede Erklärung, als hätte es nie existiert“
Ein paar der letzten Zeilen seines Buches widmet Carlotto dann auch der Liebe, eigentlich seiner großen Liebe, Alexandra, die ihn die ganze Zeit über unterstützt hatte, bis er endlich wieder frei kam und nun sie verschwand. Seltsam sei sie, die Liebe, sie verschleiere die Realität und bringe einen dazu, sich an die absurdesten Hoffnungen zu klammern. Als Alexandra ihn verließ, fühlte er sich als „hätte mich ein Lastwagen überrollt“. Indirekt gibt Carlotto dann ihr die Schuld, dass er nach Mexiko ins Exil gegangen sei, denn sie habe ihn dort nur einmal besucht, und das auch nur für wenige Tage. „Wie Laternen werden wir strahlen/helle Leuchtkäfer an Julihimmeln/werden von Seide und von Perlen leben/jeder von uns ein bleicher Held/ein Odysseus auf dunklen Meeren“ (Stefano Maria Ricatti), steht am Beginn eines Kapitels von Massimo Carlottos „Flüchtling“ und diesen Hoffnungsschimmer, der auf den Flügeln der Käfer im Mondlicht schimmert, den möchte man sich ganz besonders auf der Flucht vor der Liebe bewahren. Die ersten und die letzten Worte können als nur lauten: Alexandra, wo bist du?

Massimo Carlotto
Der Flüchtling
Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel (Orig.: Il fuggiasco)
1. Aufl. 2010,
184 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50205-3
Tropen/Klett Cotta

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2010-12-10)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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