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Carl Cederström - Dead Man Working
Buchinformation
Cederström, Carl - Dead Man Working bestellen
Cederström, Carl:
Dead Man Working

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(Bücher frei Haus)

Die Frage nach der Entfremdung in der Arbeit und durch die Arbeit wird gestellt, seitdem es Analysen der kapitalistischen Produktionsweise gibt. Marx war natürlich der erste, er bezog es vor allem aus dem Doppelcharakter von Gebrauchs- und Tauschwert und der damit verbundenen Anonymisierung der Wertschöpfung. Sohn-Rethel setze diese Gedanken im 20. Jahrhundert fort, ohne noch groß Beachtung dafür zu bekommen. Erst mit den weniger ökonomischen und mehr philosophischen Überlegungen Michel Foucaults gewann das Sujet an Hitze. Seine Überlegungen zur Etablierung einer internalisierten, d.h. eingespielten Gouvernementalität reflektierten den Prozess der Arbeit als ganzheitliches Prinzip, das zeitlich vom Restleben nicht mehr getrennt werden kann.

Dass der Prozess der Arbeit mit der digitalen Revolution traditionellen Vorstellungen, die man nach Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps trennen konnte, ein Ende bereitete, bestreitet heute niemand mehr, der sich ihr in unselbständiger Arbeit unterwerfen muss. Und den Hochglanzkampagnen, wonach die Auflösung der Trennlinie als Akt der Befreiung gefeiert wird, stehen böse Visionen und wachsende Suizidraten gegenüber. Carl Cederström von der Cardiff Business School und Peter Fleming von der University of London haben nun unter dem Titel Dead Man Working. Die schöne neue Welt der toten Arbeit einen Essay vorgelegt, den man nicht in Gänze goutieren muss, der aber in vielerlei Hinsicht dazu geeignet ist, die notwendige Diskussion weiter zu führen.

Ausgangsthese der beiden ist die Unmöglichkeit, dem Prozess der Arbeit überhaupt noch zu irgendeinem Zeitpunkt des Tages entgehen zu können. Die absolute Hegemonie der Arbeit hat aus den Menschen etwas anderes gemacht. Das Dialektische dabei ist die Stereotypisierung und damit geringer werdende Wertschöpfung. Nur wenn Arbeit noch in der Lage ist, das Originäre und Authentische aus den Menschen herauszupressen, gelingen ihr nennenswerte Wertschöpfungsschübe.

In insgesamt sechs Kapiteln nach Formulierung der Ausgangsthese gehen die Autoren auf verschiedene Erscheinungsphänomene ein, die ihre Thesen untermauern sollen. Dazu gehören die Teambildungs- und Authentizitätseskapaden, die aus der Beraterszene in die tote Arbeit „eingespritzt“ werden sollen ebenso wie die Beschreibung der Omnipräsenz des Unternehmens in der realen geographisch divergierenden Lebenswelt. Der aus Verwertungsgesichtspunkten lebenswichtige Versuch des Aufspürens individueller Kreativität führt zu Prozessen wie der Industrialisierung der Bohème genauso wie der zum Massenphänomen gewordenen Erscheinung einer Entfremdung der Individuen von sich selbst, sobald sie das ihnen Individuelle als Verwertungstreibstoff enttarnt haben. Das sind sehr interessante und durchaus zutreffende Beobachtungen, die bei der Fragestellung nach Emanzipationsmodellen helfen können.

In den letzten drei Kapiteln, die zunächst mit der Betrachtung der Modelle der Flucht vor dem Imperialismus der Arbeit beginnen und dann bei dem einzigen Erfolgsmodell in diesem Unterfangen mit dem Suizid enden, kann nur eine Pointierung gemeint sein, um die Notwendigkeit realer Veränderungen zu unterstreichen. Ansonsten bürge das Traktat etwas zu sehr die Essenz des Sektierertums. Eine eindeutige Formulierung findet sich allerdings nicht. Und im Ausblick das Charakterologische des kleinen Mädchens als Modell der unangepassten Person zu zeichnen, die mit Infantilität und bestechender Logik den Affront kultiviert, kann man als gelungene Regieanweisung zu einem genialen Theaterstück werten, nicht aber als Ende einer theoretisch-philosophischen Reflexion über den Totalitarismus der Arbeit im digitalen Zeitalter.
Insgesamt bergen die Überlegungen jedoch zahlreiche schwergewichtige Ideen, mit denen man sich auseinandersetzen sollte.

[*] Diese Rezension schrieb: Gerhard Mersmann (2013-07-17)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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