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Jacques Chessex - Bernsteinfarbene Augen
Buchinformation
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Chessex, Jacques:
Bernsteinfarbene Augen

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(Bücher frei Haus)

Alexandre Dumur ist fünfundfünfzigjähriger, renommierter Romanautor im Schweizer Waadtland, als er sich mit seiner - um etliche Jahre jüngeren - Frau den vierzehnjährigen, zur Adoption frei gegebenen Louis als Sohn ins Haus holt - und damit die Sünde. Der West-Schweizer Jacques Chessex, er lebte von 1934 bis 2009, ist einer der produktivsten und im ganzen französischen Literaturraum (im deutschen Sprachgebiet fast nicht) bekannten Schriftsteller einer widerborstigen Heimatbefragung gewesen. Als bis heute einziger Schweizer wurde er Mitte der siebziger Jahre, also mit etwa vierzig, Prix-Goncourt-Preisträger. Die calvinistisch-christlichen Untertöne dieser Groteske vom Sich-Zerreiben einer Familie an nicht zu domestizierender Sexualität schließt an Fluch- und Verhängnis-Romane vom Nationalheiligen der welschen Literatur an, Charles-Ferdinand Ramuz. Auch bei ihnen war schwer zu entscheiden: Sind sie christlich gedacht oder tändeln sie nur mit der Vorstellung, es sein zu können?

Louis, der Vierzehnjährige, hat ein bezauberndes Frechdachsgesicht mit orange bis hellbraunen Augen. Er ist ein uneheliches Kind aus Deutschschweizer Landproletariat, lang im Heim gewesen und dort, wie aber nur angedeutet wird, in jeder Hinsicht sexuell aufgeklärt und dann zum berechnenden Hasardeur aller Lockungen seiner zarten Körperlichkeit geworden. Viel mehr erfährt man nicht über ihn. Louis wird permanent als Fremder, Eindringling, Nicht-Begriffener und also von außen geschildert. Eben durch den Adoptivpapa. Alexandre Dumur ist ein Kraftmensch, fleischig, kräftig, haarig, ganz seiner Pfeife, dem Rotwein und den Frauen, auch den käuflichen, hingegeben. Das Problem besteht jetzt darin, dass Louis, den Dumurs Frau Anne mehr oder weniger alleine ausgewählt hatte, irgendwas Erotisches mit dieser neuen Mama schon am Laufen hat, als er sogar erst dreizehn und eben frisch im Haus im Hügelland angekommen ist. Und auch, dass Dumur dies nicht unterbinden, ja, nicht einmal verübeln kann, spürt er doch, dass Anne sexuell gieriger wird, seit das unschuldige kleine Raubtier mit ihr zu spielen pflegt.

Schlag für Schlag geht es mit vielen kurzen Kapitelchen voran. Schon kommt es zu sexualisierten Berührungen zwischen Anne und ihrem „Kind“, dann fängt Louis eine Liaison mit der Frau des Pfarrers an. Auch Alexandre, selbst Sohn eines Geistlichen, hat mit dieser Frau die Ehe schon gebrochen. Als der Gemeindepriester eine Trennung der von Alexandre und Anne großzügig geduldeten Beziehung erzwingt, verursacht die Frau einen Autounfall, den Louis nur knapp überlebt. Die Eheleute trennen sich. Anne zieht mit dem Jungen in die Stadt, nach Lausanne.

Der bärtige Chessex muss in den Siebzigern - nach dem Goncourt und um die Vierzig - ein selbstbewusster Kraftkerl gewesen sein. Es ist nicht Lüsternheit, noch Peinlichkeit, noch Seelenbefragung oder Selbstzweifel, was man zwischen seinen Zeilen heraushört - es ist ein ungestümer Spaß am Aufreizen und Verspotten - hinter gespielt seriösen Gesichtszügen. Hier schnalzt einer mit der Zunge, während er sich diese schwitzige, vom heraufkommenden Alter überwältigte Schriftsteller-Figur erschafft, die von einem Kleinen wieder und wieder auf die Matte gedrückt wird. Ganz sicher ist es Chessex nicht ums päderastische Thema gegangen, sondern um eine Satire, wie man als Alter von der „freien“ Jugend der Nach-Achtundsechziger-Jahre ausgetrickst werden könnte, wäre man schon so alt, wie aber doch nur Dumur, nicht der Autor, ist.

Er legt dem Jungen - scheinbar verlorene - Sexheftchen ins Zimmer, sucht dessen Bett dann nach Flecken ab, umsonst. In der Nacht hatten Anne und er gemeint, Louis habe sie, dicht an die Wand gepresst, beim Sex belauscht. Jetzt bohrt Alexandre ein Loch durch die Wand, damit Louis vom Spaß seiner „Eltern“ ganz bestimmt erreicht wird. Ein hemdsärmelig mit Knalleffekten Schindluder treibendes Buch, ganz noch jenem libertären Zeitgeist verpflichtet, der sexuelle Kontakte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen sich spielerisch und ergötzlich, nicht gefährlich vorstellte. Die Fischer-Taschenbuch-Ausgabe ist dann viele Jahre nicht mehr nachgedruckt worden. Seit 2012 gibt es „Bernsteinfarbene Augen“ in deutscher Sprache wieder. Der Basler Lenos Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle vorhandenen Chessex-Übersetzungen noch einmal herauszubringen. Es sind dies nur Ausschnitte aus einem umfangreichen Kanon, den der Lehrer, so sein Brotberuf, hinterlassen hat.

Das liest sich flott und es ist mal was anderes, ein bisschen dämonisch, von sehr verstecktem Humor, ohne viel Sentimentalität. Als Meisterwerk der Literatur kann das Buch deswegen noch nicht gelten. Offenbar stürzte sich der Autor jeden Tag mit neuem Übermut in seine Arbeit am folgenden Kapitel, hatte zuvor aber keinen definitiven Plan entworfen, wohin das Ganze mal führen würde. Vielleicht angeregt von Pasolinis „Teorema“, in dem ein sakraler Fremder mit allen Angehörigen einer Familie zuerst schläft und diese Leute dann mit der Unfähigkeit, wieder ihr normales Leben zu führen, zurücklässt, schlägt Chessex die fast gleiche Volte immer wieder neu: Die „Alten“ rappeln sich auf, reißen sich zusammen, das werde alles im Chaos enden, wenn nur im Schöntun mit den bernsteinfarbenen Augen noch die Lust des Daseins gesucht würde. Aber bald schon helfen sie ihm alle doch wieder durchzukommen (auch bei den Behörden), macht sich jeder seine eigene Hoffnung, Louis werde seine Zuneigung vielleicht nur ihm noch geben. (Der jedoch gibt sich jedem hin, der nach ihm verlangt.)

Anne, die bemerkt hat, dass der Vierzehnjährige in Lausanne nach Abenteuern im schwulen Cruising-Bereich forscht und einen schwulen Lehrer in fast Alexandres Alter an sich gefesselt hat, holt diesen Mann ins Haus, um ihr Vater-Mutter-Kind-Spiel fortsetzen zu können. Dass es zu weit geht, deutet der diskrete Chessex dann nur an. Auch Alexandre kommt in die Kantonshauptstadt und lauert dem Buben nachts im Park auf. Bald schläft der Verstoßene wieder mit seiner Frau Anne und diese kündigt an, den Lehrer könne sie mit Alexandre jederzeit verlassen, wenn nur Louis mitkomme. Man weicht aus in die Schneeferien im Engadin, wo Louis einen telepathischen Tanz mit einem blasierten Wunderkind aus besseren Kreisen (und in seinem Alter) aufführt, der allein aus Blicken besteht. Wieder lodert die Eifersucht in Alexandre und wieder kann er nichts ändern.

Was dem Schriftsteller, nicht der Figur des Romans und auch nicht jenem, der sie erfunden hat, niemals gelingt, was dabei ständig im Raum steht: Wenn schon alle anderen, könnte doch auch der Alte über den Jungen endlich herfallen! Dazu eingeladen darf er sich bisweilen fühlen, wenn er es auch zu übersehen trachtet. Das gäbe ein tragisches Ende, das dem Buch möglicherweise gut getan hätte. Der sich seiner Fähigkeiten anfangs so sichere Pascha reicht am Ende die Krone einem Früchtchen weiter, dessen Körper er nicht mehr widerstehen konnte. Der Alternde, der Gehende, beugt sich dem Jungen, dem erst noch Kommenden. Chessex spielt mit diesem Gedanken, er schreibt ihn nicht hin.

Zitat:

Schlimmer als jeder Heimleiter dachte ich an Strafen, Einsperren; ich verfiel auf das niedrigste Erziehungsniveau und verfluchte im Geiste den Bernsteinblick. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus, sprang in meinen Wagen und fuhr auf einige Glas Schnaps in den Weiler La Croix.
Bei der Rückkehr, gegen vier Uhr, glaubte ich umzufallen angesichts des Schauspiels, das mich auf der Terrasse erwartete. Anne und Louis, beide fast nackt, schliefen im hellen Licht, der Junge an den Bauch meiner Frau geschmiegt. Ich stand versteinert da, schwitzte, gewiß: niemals würde ich diese Umarmung vergessen; stumpf und schwer verkroch ich mich in mein Büro.


[*] Diese Rezension schrieb: KlausMattes (2016-02-05)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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