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Rezensionen


 
Rafael Chirbes - Am Ufer
Buchinformation
Chirbes, Rafael - Am Ufer bestellen
Chirbes, Rafael:
Am Ufer

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(Bücher frei Haus)

Mit einem Zitat aus einer Besprechung in der spanischen Zeitung El Pais wirbt der Verlag für das neue Buch des spanischen Schriftstellers Rafael Chirbes:
„Am Ufer ist ein großer Roman, den jeder lesen sollte, der den Schrecken verbreitenden Auftakt des 21. Jahrhunderts besser verstehen will. Eine Zeit ohne Götter, gespickt mit Karrieristen und korrupten Handlangern, in der das Finanzkapital, sekundiert von konservativen Regierungen und unter Duldung der Sozialdemokraten mit der Wohlstandsgesellschaft und sozialer Marktwirtschaft aufgeräumt hat.“

Das klingt nach einem weiteren kritischen Roman über die Finanzkrise und ihre Folgen. Doch der über 400 eng bedruckte Seiten lange Roman ist weit mehr als das. Esteban, ein fast siebzigjähriger Schreiner, der bei waghalsigen Spekulationen( zu denen ihn keiner gezwungen hat) das ganze Kapital der seit Generationen in Familienbesitz befindlichen Schreinerei verloren hat, erzählt nicht nur seine eigene Lebensgeschichte, sondern auch die seines Großvaters, der am Ende des spanischen Borgerkriegs mit einen Genickschuss getötet wurde und seines Vaters. Der liegt, fast neunzigjährig, bettlägerig zu Hause und wird von Esteban, der zeit seines Lebens ledig geblieben ist, mit Hilfe von Liliana, einer Kolumbianerin, gepflegt. Dieser Vater war überzeugter Sozialist und hatte sich auf Drängen seiner Frau nach dem Bürgerkrieg den Francisten gestellt und dann eine Haftstrafe abgesessen.

Auch die Geschichten und Schicksale vieler weiterer Personen werden von Esteban in dem zentralen zweiten Kapitel des Buches, das sich schier endlos über fast 400 Seiten hinzieht, erzählt. Da sind Estebans Geschwister: Carmen, die in Barcelona lebt, der früh verstorbene Bruder Germain und der Windhund Juan, der nur nach Hause kommt, wenn er Geld braucht.

Mit Bernal, einem Teppichfabrikant, Justino, der mit Menschenhandel viel Geld verdient und Carlos, dem Leiter einer Sparkasse, spielt Esteban regelmäßig Karten. Ähnlich wie der aus einer Falangefamilie stammenden Weinkritiker Francisco Marsal, ein Jugendfreund Estebans, der Estebans große Jugendliebe Leonor geheiratet hat, haben sie im Gegensatz zu dem alten Schreiner jeder sein mehr oder weniger dunkles Geschäft gemacht, während Esteban, von seinem Vater quasi zur Übernahme des Familienbetriebs gezwungen, nie wirklich sein Glück gefunden hat. Im Gegenteil. Er fällt den falschen Versprechungen des Bauunternehmers Pedros zum Opfer, der ihn um sein komplettes Vermögen bringt.

Mit Esteban hat Rafael Chirbes eine Figur erschaffen, mit dem er tiefgründig und glaubhaft ein Stück spanischer Geschichte seit dem Bürgerkrieg erzählt, der noch immer ein in Spanien nicht wirklich verarbeitetes Trauma darstellt. Esteban steht für eine Generation, die nicht wirklich fertig ist mit ihrer Vergangenheit und sich nicht öffnen kann für eine Zukunft , die nur als unsicher und prekär wahrgenommen wird. Der ganze Roman handelt zwischen den Zeilen von einem Land und einer Gesellschaft, das sich nicht nur wirtschaftlich in einer großen Krise befindet.

Durch die permanent wechselnden Perspektiven, die Estebans unerschöpflicher Erzählfluss einnimmt, und durch die nur durch kurze Absätze gegliederte Länge des Hauptkapitels ist die Lektüre nicht immer leicht. Es ist anspruchsvoller Stoff, aber die wunderbare, von Dagmar Ploetz trefflich ins Deutsche übersetzte Sprache Chirbes` hält einen an einem Buch fest, das als wirklich großer zeitgenössischer Roman bezeichnet werden darf.

Rafael Chirbes, Am Ufer, Kunstmann 2014, ISBN 978-3-88897-867-8

[*] Diese Rezension schrieb: Winfried Stanzick (2014-02-12)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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