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Vu Ngoc Dang - Lost in Paradise (OmU)
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Dang, Vu Ngoc - Lost in Paradise (OmU) bestellen
Dang, Vu Ngoc:
Lost in Paradise (OmU)

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(Bücher frei Haus)

Dieser Film aus Vietnam, gedreht 2011, hat es 2012 sogar auf die Berlinale geschafft (Panorama). Er war in Vietnam selbst ein großer Erfolg, auch geschäftlich. Den westlichen Zuschauer stellt er vor einige Probleme, deren Natur ihm bewusst werden sollte, damit er dem Film gerecht werden kann. So enthält der Streifen die für ost- und südostasiatische Filme nicht untypische Mischung aus viel Gefühl einerseits und ebenso viel Grausamkeit andererseits – Blut und Tränen also. Zu melodramatischen Höhepunkten erklingt gewöhnlich etwas, das wir leicht als schmalzige Popmusik empfinden. Dabei vertritt das Werk einen entschieden moralischen Standpunkt. Mit solchen Elementen entspricht er nicht den ästhetischen Normen eines Kunstfilms, der international anerkannt werden möchte. Dennoch ist er auch nicht das, was nach unseren Maßstäben den trivialen Kommerzfilm ausmacht. „Lost in Paradise“ bezieht sich auf reale soziale Verwerfungen im heutigen Vietnam, gewährt Einblicke in die Schattenseiten der boomenden Metropole Saigon und erörtert die psychischen Folgen sozialen Elends. Man mag sich also mit der Formel behelfen, das Werk sei ein Problemfilm, der dem Entwicklungsstand und den ästhetischen Maßstäben Vietnams angemessen sei.

„Lost in Paradise“ hat ein Hauptthema: Was macht Prostitution mit Menschen, die sie ausüben, und was mit jenen, die mit Prostituierten umgehen? Es gibt zwei Handlungsstränge, die nicht inhaltlich, nur thematisch miteinander verbunden sind – alles vor der Kulisse Saigons („Ho-Chi-Minh-Stadt“), das die Kamera in immer neuen Perspektiven einfängt, von der Kathedrale Notre Dame bis zur Mekongbrücke, von den neuen Wolkenkratzern bis zu den abbruchreifen Holzbauten früherer Zeiten. Fast alles dreht sich um den Gelderwerb, beinahe wie bei Balzac. Auffallend oft werden exakte Geldsummen genannt: Wie viel kannst du bezahlen? Ist das genug? Behalten Sie die Kaution …

Die Haupthandlung bevölkern Strichjungen, die, wie es scheint, in Saigon massenhaft auftreten. Das Landei Khoi (Ho Vinh Khoa), eben erst in Saigon angekommen, wird rasch Opfer von Dong (Linh Son) und Lam (Luong Manh Hai), einem Paar aus der Szene. Sie scheinen freundlich und rauben ihn dann aus; woraufhin Dong seinerseits Lam verrät und mit der 37 Millionen Dong-Beute (etwa 1.500 Euro) entschwindet – er heißt bezeichnenderweise wie sein Geld. Lam schafft weiter an, begegnet Khoi wieder, empfindet Reue, geht eine Beziehung zu ihm ein. Aber Khoi kann es nicht akzeptieren, dass Lam sich Tag für Tag in einen professionellen Sexhändler und einen fürsorglichen Freund aufspaltet. Lam treibt seinem Untergang entgegen und Khoi, wieder daheim, so verrät uns der Abspanntext, „lernt momentan für sein Examen“. Ein wahrhaft konfuzianischer Schluss, der nicht allzu glaubwürdig wirkt – der schwule Khoi war nicht ohne Not ins Paradies Saigon aufgebrochen. („Da war kein Platz mehr für mich …“) Ist dieses Detail der Rücksicht auf staatliche Drehgenehmigung geschuldet? Der 1974 geborene Regisseur war schon vor diesem Film recht erfolgreich im Film wie im Fernsehen seines Neunzig-Millionen-Landes.

In der Nebenhandlung, die etwa ein Drittel der Szenen umfasst, geht es um einen stummen geistig Behinderten, der vom Altmaterialsammeln lebt und es schafft, ein Entenei auszubrüten, und um seine Beziehungen zu einer Prostituierten sowie deren Zuhälterpaar, mit ordinär-grausamer Straßenstrichpuffmutter. Hier stehen am Ende sowohl Mord und Totschlag wie auch ein Happyend – man staunt.

Der Film enthält dezente Hinweise auf die Situation des Landes, vielleicht auch Ansätze versteckter Kritik an der Entwicklung. Einmal begegnet der mit seinem Entenei und dem Schrottsammeln beschäftigte Stumme, ohne einen Blick dafür zu haben, einem alten Eisenbahnzug, auf dessen Lok-Stirnseite die Losung DOI MOI („Erneuerung“) prangt – seit 1986 das Programm für die Umwandlung der Planwirtschaft in eine sozialistische Marktwirtschaft. Und am Ende wird ein Text eingeblendet, der uns mitteilt, der Fleischmarkt der Stricher, Ort so vieler Dramen, sei inzwischen abgerissen und einem Einkaufszentrum gewichen. Vietnam zu unseren Lebzeiten - ein Land der Entwicklungssprünge: Vu Ngoc Dang vermittelt uns in „Lost in Paradise“ einen kraftvollen Eindruck davon, was die Menschen dabei mitmachen.

(Notabene: Wundervolle Schauspieler, auch in den Nebenrollen, und eine perfekte Kameraarbeit, wenn auch vielleicht etwas zu konventionell schön, für unsere Begriffe.)

[*] Diese Rezension schrieb: Arno Abendschön (2014-01-10)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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