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Michela De Giorgio - Sardinien. Eine literarische Einladung
Buchinformation
De Giorgio, Michela - Sardinien. Eine literarische Einladung bestellen
De Giorgio, Michela:
Sardinien. Eine
literarische Einladung

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(Bücher frei Haus)

Sardinien ist nicht nur ein beliebtes Urlaubsziel, sondern auch eine literarische Hochburg. Nuoro zum Beispiel ist die Heimat der Nobelpreisträgerin Grazia Deledda, die ihre Protagonisten inmitten der Dilemma zwischen moderner Individualität und kollektiver archaischer Sitten versetzt. In der Oberstadt von Cagliari, der sardinischen Hauptstadt, wurde auch der bekannte linke Intellektuelle, Journalist und dissidente Kommunist Luigi Pintor in eine ganz und gar passende Umgebung hineingeboren, denn in Castello (Oberstadt) residiert ausschließlich der Hochadel. Michela Murgia schreibt in „Scherben“ über ihre Heimat: „Und so grenzt meine Nation an nichts als an Wasser, und auch die Geographie nützt nichts mehr, weil die Grenzen nicht ausreichen, um zu definieren, wer man ist, wenn man dazu ein fest verankertes Anderswo neben sich braucht“. Vom Meer kämen Murgia zufolge nicht nur die Fische, sondern auch die Trauer, die Diebe und manchmal auch Madonnenfiguren in Holzkisten. Die Suche nach Identität ist aber sicherlich kein ausschließliches Kriterium von Inselbewohnern.

Entführung in den Supramonte
„Der Rebell, der sich der Reinigung und Bekehrung widersetzt, dient der Sache des Glaubens und des Vaterlandes als Toter mehr denn als Lebender“, schreibt Emilio Lussu über die faschistische Praxis der Rizinusölstrafe und erzählt in bewegenden Worten, wie die Tränen der Töchter des Verurteilten das bewirken, was die Knüppel der Faschisten nie vermocht hätten. So wird der Vater dennoch zum Helden, denn er denkt nicht an sein Heldentum, sondern an sein Fleisch und Blut. Aber auch wenn die Faschisten die Insel eroberten, gehörte sie doch ihren Bewohnern und die waren gegen die Besetzer, auch wenn es immer und überall Kolloborateure gab und gibt. „Hotel Supramonte“ heitß ein Lied von Fabrizio de André, des bekannten italienischen Liedermachers, der auf Sardinien von Banditen entführt worden war und in diesem Lied, das in der vorliegenden Publikation leider nur auf Deutsch abgedruckt ist, singt er: „ Aber wo, aber wo ist deine Liebe?“ und vielleicht besingt er damit auch die verlorenen vier Monate seiner Entführung, in der er mit den Banditen unter freiem Himmel schlief.

Liebe mehr als einen Moment lang
Alberto Capitta, der Regisseur, Theaterschauspieler und Schriftsteller aus Sassari, schreibt in „Argentiera“ die bewegenden Worte: „Und während er aß und lauschte, begriff Piero, dass jeder Löffel Suppe nichts anderes war, als ein Ruderschlug“, aber was nützen dem Schiffbrüchigen die Ruder, was das Meer, wenn die Hoffnung schwindet, sinkt auch die Flaschenpost auf den Grund der Ozeane, ertrinkt in den Gezeiten der Frustrationen und Depressionen auf dem Weg in die unergründlichen Tiefen des schlechten Bewußtseins der eigenen Ohnmacht. „Ich kann es nicht leiden, den Sonnenaufgang zu sehen, bevor ich schlafen gehe“, schreibt der erst 39-jährige Autor Flavio Soriga und beschreibt damit ein ganz unerwartetes Lebensgefühlt seiner Jugend. Und wieviel Lebenserfahrung und Weisheit liegt in den Worten Marcello Fois: „Die Liebe dauert exakt einen vollkommenen Moment, der Rest besteht daraus, diesen Moment immer wieder von Neuem wachzurufen.“ Dasselbe könnte auch auch mit dieser Lektüre passieren, die man immer wieder gerne in die Hände nimmt, um sein Fernweh zu stillen. Weitere Auszüge stammen aus Büchern von Gavino Ledda und Grazia Deledda, Maria Giacobbe, Virgilio Lilli und Emilio Lussu, Salvatore Niffoi, Giorgio Todde, Sergio Atzeni, Marcello Fois und Milena Agus.

Michela De Giorgio (Hrsg.), Otto Kallscheuer (Hrsg.)
Sardinien
Eine literarische Einladung
Mit Photographien von Stefan Melchior
SALTO. 2011
144 Seiten. Rotes Leinen. Fadengeheftet
15,90 €
ISBN 978-3-8031-1277-4

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2014-10-26)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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