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Astrid Dehe - Kafkas Komische Seiten
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Dehe, Astrid:
Kafkas Komische Seiten

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(Bücher frei Haus)

Eines Morgens, nach einer langen Zugfahrt über Nacht waren Max Brod und Franz Kafka in Paris angekommen. Der kulturhungrige Brod drängte darauf, sich doch gleich ins Zentrum der Seinemetropole zu stürzen, doch Kafka bevorzugte es sich zumindest noch „ein wenig zu waschen“. Brod stand also nach einer angemessenen Frist wieder vor Kafkas Türe, der sich aber immer noch am Waschen war. Der aufgrund der Zeitersparnis ungewaschene Brod musste sich auf das Bett Kafkas setzen und weitere ungenützte Momente auf ihn warten, während draußen Paris wartete. Allein mit der Pflege seiner Haare, hätte er, der Kafka, ganze Nachmittage verbringen können, so Max Brod. Und seine selbstvergessene Körperpflege und die „Freuden des Badezimmers“ waren nur ein paar Marotten, des wohl größten Schriftstellers seiner Zeit. Sein Bestehen auf vegetarischer Kost, seine chronische Unpünktlichkeit, die er damit begründete, dass er „die Schmerzen des Wartens“ nicht fühle sind weitere Zeugnisse, dass auch ein Kafka sich „im Urlaub befinden“ konnte. Es bestehe kein Zweifel, dass Kafka auch andere zum Lachen bringen wollte, schreiben die beiden Herausgeber im Geleitwort, aber das Pariser Missverständnis zwischen Brod und Kafka – letzterer hatte das Waschen lokal aber nicht zeitlich begrenzt – war wohl weniger lustig, sondern eher komisch. Kom-isch. Kafka-esk eben.

Zitronen statt Butter
Mit 24 Jahren hatte Kafka 61 kg und eine Länge von 182 Zentimetern, also so etwas wie eine leptosome Statur. Für eine Sportlerkarriere nicht unbedingt prädestiniert, betätigte sich Kafka aber entgegen aller Erwartungen sehr wohl sportlich, er schwamm, ritt und ruderte, zumindest im Rahmen eines selbst verordneten Sommersportprogramms, was ihn bald zu der Aussage bringen sollte: „Jemand hat einmal gesagt, dass ich wie ein Schwan schwimme“. Aber das sei kein Kompliment gewesen, teilte er gleich darauf seiner Geliebten Milena Jesenska mit. Bald reduzierte er sein „Sportprogramm“ aber wieder auf ausgedehnte Spaziergänge, die er „unter Hochdruck“ absolviert hätte, wie er selbst in einem anderen Brief an eine andere Geliebte, Felice Bauer, 1912 schrieb. Da Franz Kafka bei der Arbeiter-Unfallversicherung (AUV) nur von 8-14 Uhr zu arbeiten hatte, nahm er alle seine Mahlzeiten mit seinen Eltern ein, doch weigerte er sich, die tschechische Hausmannskost aus Fleisch und anderem Deftigen zu sich zu nehmen und instruierte die Köchin der Familie, für ihn mehr Gemüse und Obst auf den Speiseplan zu setzen. Kafka war aber kein ideologischer Vegetarier, er hatte den Vegetarianismus für sich selbst eher durch Probieren und Experimentieren entdeckt. Wenn auch nicht ideologisch, so konnte er dennoch radikal darin sein, andere Menschen für ihre Eßgewohnheiten zu kritisieren: „Wie können Sie nur das ganze Fett hinunterschlingen, das beste Nahrungsmittel ist eine Zitrone“, soll er einmal zu einem Kollegen bei der AUV gesagt haben, als dieser dabei war ein Butterbrot zu essen.

Spendables Magenauspumpen
Geradezu rührend schreibt er in einer Ansichtskarte aus Kratzau an Ottla, dass er einen Kalbsbraten mit Kartoffeln und Preiselbeeren gegessen habe, wenn er auch das Fleisch „teilweise an eine Katze gefüttert, teilweise nur den Boden verschweinert“ habe. An Felice Bauer schreibt er einmal sogar einen ganzen Speisezettel, wohl auch, um diese zu beruhigen, dass er ob seines Vegetarianismus noch lange nicht „vom Fleisch fallen“ würde, wie man so schön sagt. Das Ziel seiner kulinarischen Eskapaden - in denen er wohl auch seinen Vater imitierte -, war natürlich zuzunehmen, denn für seine Größe war er eindeutig zu schlank, dünn oder eben fast leptosom. 1910 schrieb er in einem Brief an Max Brod selbstironisierend ob seiner lüsternen kulinarischen Fantasien: „Morgen spendiere ich mir ein Magenauspumpen, meinem Gefühl nach werden ekelhafte Sachen herauskommen. Dein Franz.“

"Hilfe kommt aus Bregenz“
"Hilfe kommt aus Bregenz“, schreibt Kafka in einem fiktiven Dialog zwischen Arzt und Patient. „Bregenz in Vorarlberg“ fügt der Arzt hinzu und der Kranke antwortet: „Das ist weit“. Bregenz ist weit weg, aber natürlich ist die Frage, die sich an diese kurze Episode in Kafkas Erzählung anschließt, von wo aus Bregenz weit weg ist. Die Autorinnen haben recherchiert, dass Kafka auf seiner oben schon angesprochenen Bahnreise mit Max Brod Ende August 1911, die über die Schweiz nach Italien nach Paris führte, durch Bregenz gefahren sei, ein anderer Bezug im Werke Kafkas zur Stadt am Ostufer des Bodensees ist aber nicht bekannt. Aus der Assoziationskette Kafkas Kranker-Hilfe-Arzt-Bregenz machen die beiden Autoren einen Aufenthalt in Marienbad, den Kafka mit Felice Bauer dort verbracht habe, ohne sich dort wirklich glücklich mit ihr gefühlt zu haben: „Unmöglichkeit mit F. zu leben. Unerträglichkeit des Zusammenlebens mit irgendjemandem. Nicht Bedauern dessen, Bedauern der Unmöglichkeit allein zu sein. Weiter aber: Unsinnigkeit des Bedauerns, sich Fügen und endlich Verstehn.“ Die Schablone des eigenen biographischen Lebens des Autors auf die Erzählung zu legen, ist nur eine Variante dem Werk eines Schriftstellers gerecht zu werden. Hilfe war zwar gekommen, aber nicht aus Bregenz. In Marienbad verlobte er sich das zweite Mal mit Felice und „es regnete selbst für diese Regenzeit außerordentlich stark“. Vielleicht liegt zwischen dem Schreiben und Handeln mehr als nur eine Welt.

Was macht ein Kafka in Italien?
„Ich lerne Italienisch, denn zuerst komme ich wohl nach Triest“. Kafka habe die Anstellung bei der Assicurazione Generali, bei der er vor der AUVA arbeitete, eigentlich nur angenommen, weil er aus Prag raus wollte. In nicht allzu ferner Zukunft werde er „auf den Sesseln sehr entfernter Länder“ sitzen und „aus Bureaufenstern auf Zuckerrohrfelder oder mohammedanische Friedhöfe“ schauen. Prag sollte nur der Ausgangspunkt sein, schreibne die Autoren, Triest, der Hauptsitz des Unternehmens nur eine Zwischenstation. Bald fand er sich aber mit der Halbtagsstelle von 8-14 Uhr bei der AUVA ab, das ermöglichte ihm zwar keine Reisen, aber doch konnte er nebenher als Schriftsteller ein Doppelleben führen. Er aß mittags bei seinen Eltern, legte sich nachmittags hin und begann abends bis frühmorgens mit seinem zweiten, seinem „eigentlichen“ Leben. Hatte Kafka gar nur zu schreiben begonnen, weil er seine gesehnten Reisen so wenigstens im Kopf machen konnte? Immerhin besuchte er auch Italien, machte Badeurlaub in Triest bei den Bagni della Madonnina und sah sich die Flugschau in Brescia an, beschrieben in „Aeroplane in Brescia“. Italiener ist er aber keiner geworden und er schämt sich sogar, weil sie mit einem Fuhrwerkler zu feilschen begonnen hatte, weil die zuerst so weit beschriebene Adresse dann doch so nah war, wollten die drei Freunde dem Kutscher weniger bezahlen. Zumindest für Kafka sei die Komik der Situation einen Moment lang in Unbehagen umgeschlagen, schreiben die Autoren. „So darf man in Italien nicht auftreten“, schreibt Kafka.

Hunde- oder Miezenfreund?
In „Einwände gegen Hunde“, der Titel eines weiteren Kapitels aus „Kafkas komische Seiten“ wird zunächst das Verhältnis des Schriftstellers zu Hunden durch eine von ihm verfasste Geschichte untersucht. Kafka sieht vor allem die Zeit heraufdäuen, in der einen „das eigene Alter aus den tränenden Hundeaugen anschaut“ und später werde man von einem solchen alten Hund „belästigt, der noch lauter seufzend“ als der Besitzer selbst „sich neben ihm von Stufe zu Stufe hinaufschleppt“. Nachdem Kafka sich mit Felice Bauer verlobt hatte sollte eigentlich eine Heirat folgen, doch sie selbst hatte ihm geschrieben: „Wir würden beide durch eine Heirat viel aufzugeben haben, wir wollen es nicht gegenseitig abwägen, wo ein Mehrgewicht entstehen könnte.“ Aber genau das tut Franz Kafka, der eine genaue Liste aufstellt, was für und was gegen die Heirat spricht. So wie er auch in der eingangs zitierten Hundegeschichte, nur das Ergebnis sieht, nicht aber den Prozeß selbst als etwas Wertvolles anerkennt.

Kafkas Geheimnis des Erfolges
„Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins.“, schreibt Kafka. Und was ihn am Heiraten am meisten stört, ist auch, dass nur das Junggesellendasein es ihm ermöglicht, seine ungeliebte Arbeit jederzeit kündigen zu können. In dem Kapitel „Gepfählter Ehemann“, das sich auch auf eine Geschichte Kafkas bezieht, schreibt derselbe über die Ehe: „Das entscheidende Gegenargument bildet indessen „die Angst vor der Verbindung, dem Hinüberfließen“. „Alles Recht, das mir die Sitte aus der Tatsache des Verlobtseins gibt, ist für mich widerlich und völlig unbrauchbar“, schreibt Kafka in einem Brief vom 14.4.1914 an Felice Bauer. „Möglichst asketisch leben, asketischer als ein Junggeselle, das ist die einzige Möglichkeit für mich, die Ehe zu ertragen.“ Besonders delikat mag dieses Zitat im Kontext mit einer von den Autoren ausgegrabenen Episode aus Kafkas Kindheit erscheinen. Unter dem Titel „Liebeserlebnisse aus meiner Jugend“ erinnert er sich, beim Vorlesen von Tolstois „Kreutzersonate“ durch seine Gouvernante, eine Erektion bekommen zu haben. Die Ehe sei ein „Kontrakt zur Preisgabe des Körpers, zur Öffnung der Grenzen nach dem Muster eines `gewaltsamen Stromschlusses´“, schreibt Kafka in einem Brief an Max Brod. Die Prolepsen (Vorausdeutungen) des fleischlichen Dramas, das die Ehe für Kafka bedeutet hätte, als „Märtyrerphantasien“ bezeichnen die Autoren gar Kafkas Ängste. Nach drei Entlobungen und der gescheiterten Beziehung zu Milena Jesenska schreibt er schließlich (1921) an Max Brod: Eine Frau lieben und unangefochten von Angst sein oder wenigstens der Angst gewachsen und überdies diese Frau als Ehefrau zu haben, ist ein mir derart unmögliches Glück, dass ich es – klassenkämpferisch – hasse.“

Astrid Dehe – Achim Engstler
Kafkas Komische Seiten
Steidl Verlag 2012

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2012-04-17)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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