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Friedrich Dürrenmatt - Der Sturz
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Dürrenmatt, Friedrich:
Der Sturz

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(Bücher frei Haus)

Stalin, der noch Anfang der fünfziger Jahre loyale Diener und hochrangige Figuren des sowjetischen Politapparats hatte hinrichten lassen, starb selbst 1953 in der Datscha, im kleinen Kreis der möglichen Nachfolger, welche er am Abend vorher alle noch mal zur Sau gemacht hatte. Angeblich starb Stalin an einer Gehirnblutung, wahrscheinlich sogar wirklich, der Mann war 74 Jahre alt. Nachfolger Nikita Chruschtschow enthüllte drei Jahre später Stalins Verbrechen in seiner Geheimrede vor der Parteiversammlung und leitete eine „Tauwetter“-Periode ein. Als sprunghafter Reformer war Chruschtschow ein Gorbatschow avant la lettre, dessen Schwächen darin lagen, zu viele Leute des Politbüros in ihrer Macht beschnitten zu haben, die marode Landwirtschaft dennoch nie in den Griff gekriegt, die Versorgungslage nicht wirklich verbessert zu haben. Sein Zögling Leonid Breschnew stürzte diesen ungeliebten Chruschtschow im Herbst 1964. Breschnew, inhalts- und visionsleer, stand in der UdSSR für Erstarrung, freundlicher ausgedrückt: friedliche Beständigkeit und Berechenbarkeit. Ihm glückte, bis zum Herztod 1982 (mit knapp 76) seine Spitzenstellung zu behaupten.

1971, als „Der Sturz“ erschien, in dem ein nur mit A benannter Machthaber eines totalitären, sozialistischen Staates während einer Versammlung der fünfzehn mächtigsten Männer von allen anderen gemeinsam gestürzt wird, B bis P, und zwar „versehentlich“, weil das haltlose Gerücht aufgekommen ist, der sich verspätende O wäre in Wahrheit längst von Sicherheitskräften liquidiert, entweder A oder sein Geheimpolizei-Chef C begännen gerade eine „große Säuberung“, da war Dürrenmatts auf Stalin und Chruschtschow abzielende Parabel über die Brüchigkeit jeder Machtsicherung - „ein Stück von gestern“. Vielleicht deswegen wird „Der Sturz“ bis heute nicht als eine seiner größten Leistungen genannt, obwohl er das ist.

Die Idee war schon 1964 geboren worden, als Dürrenmatt Russland mit eigenen Augen gesehen hatte, hatte sich 1967 entwickelt, als er zum Schriftstellerkongress nach Moskau geholt wurde. In den, trotz Vietnamkrieg, einigermaßen beständigen Jahren am Beginn der Siebziger (Nixon, Mao, Brandt) war diese brillant ersonnene, mit (von Dürrenmatt zu erwartenden) giftigen Karikaturen gespickte Erzählung längst nicht mehr heiß, wie sie zu Schweinbucht-Zeiten wohl gewesen wäre. Sympathisierende Rezensenten beeilten sich zu beteuern, im Pentagon oder bei Führungszirkeln der Mafia könne sich jederzeit dasselbe abspielen.

Was so nicht stimmt. Wir haben es auch hier mit einem Damen-Plot zu tun: Einheit der Zeit, des Orts, der Personen, des Interieurs, lange Abfolge gesprochener Worte (zumeist in indirekter Rede, Konjunktiv). In einer Gruppe an sich herrschender Figuren halten alle sich mit ihrer Hausmacht und kriminellen Winkelzügen gegenseitig in Schach. Die Balance kippt weg, als eher Drittrangige, weil sie sich irrtümlich als gegen die Wand gedrückt vorkommen, ihre jeweiligen Differenzen ausblenden und sich spontan gegen den obersten Chef verbinden, um die Existenzen gegen dessen Machtwahn zu schützen. Ein Königsmord. Shakespeare lässt bei Dürrenmatt öfters grüßen. Ob es im Moskauer ZK-Büro 1953 und 1964 „in etwa so ähnlich“ abging, wird man wohl nicht mehr erfahren.

Der Theatralik dieses Texts zuliebe kommt der Autor nicht umhin, real keineswegs unwichtige Punkte zu vernachlässigen: Wer wie schnell eine Parteiversammlung überhaupt einberufen kann. Wer Armee und Polizei kontrolliert. (In der Wirklichkeit lag hier die Basis für Chruschtschows sich über Jahre hinziehendes Hervortreten aus einem vielköpfigen Nachfolger-Team.) Dürrenmatts böses Spiel braucht den schnellen, leisen, gemeinschaftlichen Mord, um als Novelle „rund“ zu sein. Weder bei der Mafia, noch im Pentagon, noch in Managerzirkeln muss man seinen Führungsanspruch so vernünftig erklären und „ausdiskutieren“, bevor man die Macht an sich reißt. Man würde auch nicht mit den eigenen Händen morden. Auf jeden Fall, wie zum Beispiel der Gangster Jimmy Bulger (Johnny Depp) im Film „Black Mass“: „Nicht vor Zeugen, was niemand gesehen hat, ist nicht passiert.“

Zitat:

Das sei auch heute der Fall: indem das Politische Sekretariat alle Macht an sich gerissen habe, sei die Partei bedeutungslos geworden und könne nicht mehr der Träger der Revolution sein, aber auch das Politische Sekretariat sei nicht mehr imstande, diese Aufgabe zu erfüllen, denn es habe nur noch eine Beziehung zur Macht und keine Beziehung mehr zur Revolution. Das Politische Sekretariat sei von der Revolution abgekapselt. Die Erhaltung seiner Macht sei ihm wichtiger als die Veränderung der Welt, weil jede Macht dazu neige, den Staat, den sie beherrsche, und die Partei, die sie kontrolliere, zu stabilisieren. Der Kampf gegen das Politische Sekretariat sei deshalb für den Fortgang der Revolution unumgänglich. Diese Notwendigkeit müsse das Politische Sekretariat einsehen und seine Selbstauflösung beschließen. Ein echter Revolutionär liquidiere sich selbst, schloß er seine Rede.

Friedrich Dürrenmatt hat die frei fantasierte Version eines ungeheuerlichen Ereignisses geschrieben. Tagespolitisch interessant ist sie nicht mehr, obwohl auch das Putin-System heimliche Ermordungen von Mitwissern noch kennt. Geschrieben ist das in einem Wortrausch, der zuerst wie ein struppiges Dickicht wirkt, allmählich aber reißende Fahrt aufnimmt. Ein hinreißendes Buch, die Ausgrabung lohnt.

(Die Anschaffung des Taschenbuchs wird fast unnötig, falls man die schöne und umfangreiche Manesse-Bücherei-Auswahl aus Dürrenmatts Prosa erwerben möchte („In den Verliesen der Wirklichkeit“). „Das Sterben der Pythia“, Dürrenmatts hoch komplexe Ödipus-Mythos-Travestie - als Geschichte aller, die manipuliert werden von allen - sowie „Abu Chanifa und Anan ben David“, das erzählerische Nachspiel zu seinem Israel-Essay „Zusammenhänge“, also „Dürrenmatts Ring-Parabel“, kommen in beiden Ausgaben vor. Daneben hier dann noch „Smithy“ und eben „Der Sturz“.)

[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2016-02-06)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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