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Jean Echenoz - Ravel
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Echenoz, Jean:
Ravel

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(Bücher frei Haus)

Richtig erfolgreich ist der seit Anfang der achtziger Jahre publizierende Jean Echenoz in Deutschland erst 2014 geworden, als - pünktlich zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs - sein „14“ erschien. In Frankreich, wo man ihn schon viel länger hoch schätzt, war der kleine Roman zwei Jahre vorher herausgekommen. Er habe die magische Gabe, packende Romane, gut recherchierte und lehrreiche Bücher, für die andere mehr als 500 Seiten bräuchten, auf elegant knappen 100 unterzubringen, sagt man.

Der lange erste Teil dieses Kurzromans spielt im Jahr 1928, Ravel ist also längst ein allseits bewunderter Musikgigant, und erzählt von der Amerikareise des Komponisten. Längere Zeit hat man sogar den Eindruck, das Buch werde von nichts anderem sprechen und fragt sich, was Echenoz damit bezweckt: Ein Dandy in mittleren Jahren, überall stürmisch gefeiert, in einer eigenartig aufgeräumten wie auch leeren Existenz, wirkliche Freundschaft scheint es darin so wenig zu geben wie Liebe, wie Sexualität, wie Familienleben, wie Hobbys - allerdings, welcher große Künstler hätte jemals eines gehabt? Und gleich erfährt man, dass er danach noch zehn Jahre gelebt hat! Was soll denn da passieren? Warum sich mit seinen gewagten Krawattenfarben, den leidigen Kapitänsdinners und den halbstündigen Ovationen der amerikanischen Konzertbesucher ein Viertelbuch lang beschäftigen?

Erst spät geht einem auf, dass für Echenoz dieses der Schlüssel ist zu Ravel, bzw. - da teilweise mit dessen Biografie frei umgegangen wird - für den Protagonisten seines Künstlerromans. Einer, der wie ein ins eigene perfektionistische Spielen verliebtes altes Kind durch die Welt, ja durch sein eigenes Sein schwebt. Alles wird mit Anstand und Höflichkeit absolviert, damit der Rolle genüge getan ist, nichts aber ist tatsächlich von Belang, auch das eigene Schaffen nicht. Alles ein Spiel zum Zeittotschlagen.

In der Tat scheint es annähernd ja so gewesen zu sein: Ravel lebte bis zu ihrem Tod, da war er ungefähr vierzig, mit seiner Mutter zusammen, anschließend noch fünf Jahre bei seinem Bruder, dann, als im Alltag zu viele Reibeflächen entstanden waren, in einer hübschen Villa außerhalb von Paris. Ein sogenanntes „ruhiges Leben“, bei dem menschlicher Kontakt meist auf die Freundlichkeit gegenüber den im Haus lebenden Domestiken beschränkt blieb. Aber nicht die Frage nach einem geheimen Leben - und sei es auch ein unterdrücktes in des Komponisten nie geäußertem Begehren - ist das Rätsel für Ravels Leben, sondern sein inneres Weggehen in den letzten fünf Jahren.

Spekuliert wird bis heute über eine Art von Demenz, über Hirnkrebs, über eine seltene Krankheit. Im Jahr 1932 hatte Ravel einen Autounfall, bei dem der Kopf schwere Verletzungen erlitt. Echenoz macht das zum Wendepunkt seines Buches. Allerdings so, als ob das Sich-Trennen von allem, was man kann, weiß und will im Unfall nur den Durchbruch erfahren hat, eigentlich seit je das Wesen von Ravels Persönlichkeit ausgemacht hatte.

Ravel absolviert gesellschaftliche Verpflichtungen, ist dann unfähig, seinen Namen auf ein Notenblatt zu schreiben. Ravel erkennt auf Anhieb den Wert einer musikalischen Arbeit, weiß aber nicht mehr, dass es seine eigene ist. Ravel regt sich über die eitlen Verzierungen auf, die der amputierte Wiener Pianist Wittgenstein dem Konzert für die linke Hand hat angedeihen lassen, dann aber interessiert es ihn auf einmal nicht mehr. Am Ende hat man ihm die Hirnschale aufgeschnitten, um einen Tumor zu entfernen, hat keinen finden können, hat eine Rückbildung gewisser Hirnsektoren festgestellt, zu deren Unterstützung Flüssigkeit injiziert und wieder zugemacht. Ravel ist kurz zu Bewusstsein gekommen und in der nächsten Woche gestorben.

Es ist ein wenig schwer, die von Echenoz‘ Anhängern behauptete Meisterschaft des Autors an so einem biografischen Buch zu erkennen. (Bei seinem Zatopek-Porträt „Laufen“ wird das nicht anders.) Ähnlich seinem Protagonisten wirkt alles höchst präzise, sparsam und effizient greifen die Teile ineinander, angenehm perlt der Ton. Aber auch kühl und distanziert, distanziert sowohl von Ravel wie von uns, den Lesern, die eine unerhörte Geschichte lesen wollten. „Ravel“ erweckt oft den Eindruck eines nicht eben kompliziert, durchaus informativ geschriebenen Wikipedia-Artikels, eines Sachbuchtextes also. Wo ist nun der Schriftsteller? Wo da der Roman? Jeder möge es selbst herausfinden

Zitat:

Auch ist im Haus nichts mehr aufzuräumen, keine Einkäufe sind zu erledigen: Madame Révelot hat in Vorbereitung der Rückkehr des Hausherren gründlichst geputzt, die Heizung wieder angestellt und in der Küche etwas zu essen bereitgestellt. Natürlich wären da all die vielen Artikel, die in den vergangenen Monaten in amerikanischen Zeitungen über ihn erschienen sind, man hat sie für ihn ausgeschnitten, er hat sie gesammelt, ohne dass er ganz verstünde, was darin erzählt wird, er verstaut sie bunt durcheinander in einem Album, aber nun, das ist schnell getan.


[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2015-03-17)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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