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Rezensionen


 
Umberto Eco - Der Friedhof von Prag
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Eco, Umberto:
Der Friedhof von Prag

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(Bücher frei Haus)

Um es gleich vorweg zu sagen: Umberto Eco hat bereits bessere Bücher geschrieben. Vor allem hinsichtlich der Erzählperspektive als auch der inneren Dramaturgie präsentiert sich der jüngste Roman, Der Friedhof von Prag, eher als eine schleppende Angelegenheit. In Bezug auf seine Stilsicherheit, seine syntaktische Kompetenz und sein fulminantes Vokabular hat der Grande kulturhistorischer Politthriller nichts an seiner Qualität eingebüßt. Das Kuriose an dem vorliegenden Roman ist dennoch eine Art Überdruss, der bei der Lektüre entsteht und der nicht alleine aus dem unappetitlichen, grausamen und widerlichen Sujet anti-semitistischer Propaganda abzuleiten ist.

Eco erzählt anhand einer gespaltenen Persönlichkeit, der Adresse nach aus dem schizoiden Blickwinkel des in Paris lebenden Italieners Simonini, zahlreiche Episoden aus der Geschichte der europäischen Geheimdiplomatie des 19. Jahrhunderts. Diese selbst, auch ohne das Kernstück der antisemitischen Propaganda, gehört wohl zu den größten anti-zivilisatorischen Reflexen der Neuzeit. Von Karl Marx bis Henry Kissinger haben sich Beobachter der europäischen Diplomatie dazu geäußert und fast alle Begutachter dieses Kapitels sind sich darin einig, dass es kaum etwas Verlogeneres, Korrupteres, Niederträchtigeres und Zynischeres gegeben hat in der Weltgeschichte der Diplomatie.

Eco nimmt nicht umsonst die mediokre Figur des Simonini, eines Urkundenfälschers und Intriganten, um minutiös zu schildern, wie banal, trivial und profan die antisemitischen Propagandaschriften des 19. Jahrhunderts entstanden und in Umlauf gebracht wurden. Simonini, der zunächst in einer analogen Auftragslage gegen die Jesuiten zum ersten mal einen nächtlichen Geheimkonvent selbiger in einem entlegenen Wald konstruiert, und den Teilnehmern entsprechende Sätze in den Mund legt, die ihre Intentionen diskreditieren können, nutzt dieses Muster später, um ein fingiertes Geheimtreffen von Juden auf einem Friedhof in Prag zu ähnlichem Zweck zu inszenieren. Je nach Auftragslage, beginnt er nun, modular den einzelnen Teilnehmern Zitate in den Mund zu legen, die von den beauftragenden Geheimdiensten zur Verdächtigung bestimmter Bevölkerungsgruppen in ihren Ländern als Agenten der jüdischen Weltverschwörung genutzt werden können. Das Schale an dieser Schilderung ist das Wissen um den Erfolg einer derartig durchschaubaren und plumpen Methode.

Das Aktuelle und in hohem Maße Verstörende an Ecos Buch ist nicht die Schilderung der Grauen des Antisemitismus, sondern es sind die Methoden der antisemitischen Propaganda, die nämlich erstaunliche Analogien aufweisen zu den positivistisch gedachten Vorgehensweisen heutiger Werbe- und Marketingagenturen, die Quantität als Qualitätsmerkmal unterstellen, die von modularem Wording reden und die Welt überschütten mit kontextuellen Versatzstücken. Neben der furchtbaren historischen Wahrheit steht ein ganz schales Glas der Erkenntnis, nämlich dass die Methode der Denunziation auch heute noch wunderbar funktioniert.

Der Autor, immer noch ein literarischer Koloss, wäre gut beraten gewesen, sich kürzer zu fassen und ab und zu die Erzählperspektive zu wechseln!

[*] Diese Rezension schrieb: Gerhard Mersmann (2012-05-31)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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