Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 


Rezensionen


 
Hans Fallada - Kleiner Mann - was nun?
Buchinformation
Fallada, Hans - Kleiner Mann - was nun? bestellen
Fallada, Hans:
Kleiner Mann - was nun?

Bei amazon bestellen

(Bücher frei Haus)

Weimarer Republik, Weltwirtschaftskrise: Da ist man nun, ein kleiner Angestellter in einer kleinen Stadt und kann sich seines Jobs noch einigermaßen sicher sein, weil man als potentieller Heiratskandidat für die schlurige Tochter des Chefs in Frage käme. Doch ein sonniger Sonntagnachmittag, ein Spaziergang am Strand, und schon – bums fallera – ist das Malheur passiert. Und man(n) hat ein „Lämmchen“ geschwängert, aber weil man kein Schafsbock ist, wird ordentlich geheiratet und damit die Karriere vermasselt.

„Pinneberg müßte nach Haus. Es wäre gut, wenn er rasch nach Hause ginge, sicher wartet Lämmchen. Aber er bleibt hier stehen unter den Arbeitslosen, er macht ein paar Schritte und dann bleibt er wieder stehen. Äußerlich gehört Pinneberg nicht zu ihnen, ist fein in Schale. Er hat den rotbraunen Winterulster an, den hat ihm Bergmann noch für achtundreißig Mark gelassen. Und den steifen schwarzen Hut, auch von Bergmann, er war nicht mehr ganz modern, die Krempe zu breit, sagen wir drei zwanzig, Pinneberg.
Also äußerlich gehört Pinneberg nicht zu den Arbeitslosen, aber innerlich…“

Doch der Herr Pinneberg ist kein vollkommener Hans im Pech, sondern hat Glück im Unglück: Denn schließlich (so schreibe ich in Fallada-Manier) hat man sich doch ganz arg lieb. Und zudem ist eben das „Lämmchen“ eine ganz Patente, die das Heft in dieser Ehe in die Hand nimmt und den ziemlich tapsigen Ehegespons durch die kommenden Miseren manövriert.

Schlechte Zeiten für junge Paare

Und diese Miseren kommen zahlreich – denn die Zeiten, sie sind schlecht, vor allem wenn Nachwuchs erwartet wird. Man zieht nach Berlin, zur ungeliebten Pinneberg-Mutter, die das junge Paar aufnimmt. Doch Kost und Logis sind teuer zu bezahlen – die alternde Halb- und Unterweltdame liebt nur gegen Bares. Unter die Arme greift und mit Vitamin B hilft der halbseidene Geliebte und Kompagnon der Frau Mama, Typ Ganove mit Herz. So findet Pinneberg eine neue Anstellung als Verkäufer in einem Warenhaus. Und der Leser findet dadurch weitere Typen vor: Der väterliche ältere Kollege, der den Jungspund vom Lande in die Welt der Freikörperkultur einführen will, die intriganten Mitangestellten, jeder für sich um seine Stellung kämpfend, insbesondere als diese durch den Typ „Controller“ geprüft werden, die Kunden auf der Jagd nach Schnäppchen oder auch nach Streit – der kleine Angestellte als Blitzableiter für frustrierte Ehefrauen und divenhafte Schauspieler.

„Heute ist alles zerschlagen, Berge trüben Schutts und dazwischen einmal ein strahlender Brocken. Und wieder Schutt. Und wieder ein bißchen Strahlen. Sie sind noch jung, sie lieben sich noch, ach, vielleicht lieben sie sich noch viel mehr, sie haben sich aneinander gewöhnt – aber es ist dunkel überhängt, darf unsereins lachen? Wie kann man lachen, richtig lachen, in solcher Welt mit sanierten Wirtschaftsführern, die tausend Fehler gemacht haben, und kleinen, entwürdigten, zertretenen Leuten, die stets ihr Bestes taten?“

Hans Fallada (1893-1947) zeichnet in seinem Roman ein Bild vom Angestelltendasein, das durch Anbiederung an den Kunden einerseits, durch den Einsatz von Ellbogen gegenüber den Kollegen andererseits geprägt ist – eine Welt, in der nur die Stärkeren Bestand haben. Darüber hinaus werden detailliert die täglichen Lebensumstände, das Rechnen mit jedem Pfennig, die Kämpfe mit der Bürokratie und den Versicherungen, das Jonglieren von Lämmchen mit dem knappen Haushaltsbudget beschrieben. Der gnadenloser Verdrängungskampf im Kaufhaus angesichts der Massenarbeitslosigkeit draußen, die tägliche Furcht vor der Ausstellung: Das Buch, 1932 erschienen und sofort ein Bestseller, erscheint heute (wieder) von erschreckender Aktualität. Auch in seinen Schilderungen von den Äußerungen einer überkochenden „Volksseele“, die sich, selbst in ihrer Existenz bedroht, ihre eigenen Feinde sucht:

„Wissen Sie“, sagt sie behutsam, „ich bin nämlich jüdisch, haben Sie es gemerkt?“
„Nein…nicht sehr“, sagt Pinneberg verlegen.
„Sehen Sie“, sagt sie, „man merkt es doch. Ich sage immer zu Max, man merkt es. Und da finde ich doch, die Leute, die Antisemiten sind, sollten so ein Schild an ihre Tür machen, daß man sie gar nicht erst belästigt. So kommt es immer wieder aus heiterem Himmel. – Hauen Sie ab mit Ihrem unsittlichen Zeug, Sie olle Judensau – hat gestern einer zu mir gesagt.“
„So ein Schwein“, sagt Pinneberg wütend.

Mit diesem Buch traf Fallada in die Herzen der Massen und errang die Anerkennung anderer Schriftsteller: Ein „Volksmärchen“ nannte es Jakob Wassermann, Fallada wurde zum Volksschriftsteller – vom Verkauf, der auch nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten weiter in die Hunderttausende ging, konnte der gebeutelte Fallada, der sein Leben lang unter Drogen- und Alkoholsucht litt, endlich seine Existenz als freier Autor bewerkstelligen.

Vom Leben der kleinen Leute

Dass „Kleiner Mann – was nun?“ auch nach 1933 erscheinen konnte, liegt an dieser Eigenart des Buches, das in seiner simplen, direkten Sprache jeden Leser seinerzeit wohl anrührte und aus dem Herzen sprach: Es erzählt von den Verhältnissen und den täglichen Überlebenskämpfen der kleinen Leute – nicht zuletzt eben auch von jenen der kleinen Leute, die später massenhaft Hitler & Konsorten feierten. Zwar kommt im Roman auch der Typ des braunen Schlägers vor, den Pinneberg mit leicht gerümpfter Nase und aus Distanz betrachtet – doch jene Passagen wurden nach 1933 „entpolitisiert“, aus dem Nazi wurde ein Fußballer. Die Bücher des Volksschriftstellers waren für jeden vereinnahmbar, selbst „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“ (1934) wurde von den Nazis als Kritik an der Weimarer Republik geduldet. Fallada selbst versuchte durch diese Zeit als reiner Unterhaltungsschriftsteller durch zu kommen. Sein letztes Buch, „Jeder stirbt für sich allein“, 1947 kurz vor seinem Tod in einem Monat in der Nervenklinik geschrieben, ist ein Dokument des leisen Widerstands der kleinen Leute.

„Kleiner Mann – was nun?“: Stilistisch ist mir Fallada manches Mal zu larmoyant, zu nah am Kitsch und Klischee. Und doch entwickelt die Geschichte vom Pinneberg und seinem Lämmchen (samt „Murkel“, so der Kosename des Nachwuchses) einen liebenswerten Charme, dem man sich nicht ganz entziehen kann.

[*] Diese Rezension schrieb: Claudio Miller (2015-06-11)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



-> weitere Bücher von Hans Fallada ansehen

-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?

[ weitere Rezensionen : Übersicht ]

 



Aus unseren Buchrezensionen


Im schönen Monat Maide Turckheim, Émilie:
Im schönen Monat Mai
Für die Taschenbuch-Reihe im Wagenbach-Verlag war das ein idealer Fund: ein nur gut hundert Seiten starkes, nett und spannend zu lesendes Büchlein von einer neuen Autorin aus Frankreich. Es sind eine Reihe Jahre vergangen seit Wagenbachs vormaligen Lieblingsthemen „Italien“ und die „Befreiungsbewegungen in aller Welt“, [...]

-> Rezension lesen


 Eva talks, Adam walksMuderlak, Kristina:
Eva talks, Adam walks
Dieses Buch ist die richtige und zudem wissenschaftlich fundierte Antwort auf alle radikalen Ansätze des Gendermainstreamings. Cristina Muderlak beschreibt mit zahlreichen Beispielen aus ihrer reichen Beratungspraxis, „wie unsere Unterschiedlichkeit das Miteinander der Geschlechter stärkt“. Nicht nur in der Arbeitswelt, aber gerade [...]

-> Rezension lesen


Die Zukunft des WaldesMeister, Georg:
Die Zukunft des Waldes
Sechs Jahrzehnte hat der Autor dieses empfehlenswerten Buches, Dr. Georg Meister, als Förster gearbeitet. Er wurde dafür mit vielen Natur- und Umweltschutzpreisen ausgezeichnet und sehr oft aus Krisen der Jägerschaft hart kritisiert. Der Begriff des Lernens am und durch den Wald ist für ihn zentral. Lernen, wie ein naturbelassener [...]

-> Rezension lesen


 The Virgin WayBranson, Richard:
The Virgin Way
Seit 40 Jahren ist Richard Branson als Unternehmer erfolgreich. Seine ungewöhnlichen Ideen und seine besondere Form des Umgangs mit seinen Mitarbeitern, die Unternehmenskulturen, die er entwickelt und gepflegt hat, haben ihm dem Ruf eine „unkonventionellen Denkers“ eingebracht. Er selbst ist der Meinung, dass „man nicht [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net



005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2017 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.018308 sek.