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Rezensionen


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Jörg Fauser - Rohstoff
Die Substanz vitaler Literatur
Mit 38 Jahren hatte er begonnen, den Roman zu schreiben.
Quasi zu seinem vierzigsten Geburtstag 1984 erschien
Rohstoff, drei Jahre vor seinem unerwarteten, mysteriösen
und viel zu frühen Tod. Jörg Fauser war zum Zeitpunkt der
Erstauflage ein Autor in der damaligen Bundesrepublik, der
es geschafft hatte, aus dem Nichts und ohne protegiert
worden zu sein, sich einen Namen in der Literaturszene zu
machen. Sein Roman Der Schneemann war bereits ein Erfolg,
mit dem Gedichtband Trotzki, Goethe und das Glück hatte er
der Lyrik des Undergrounds in Deutschland einen bleibenden
Impuls gegeben. Mit Rohstoff griff er mit sicherer Hand in
die eigene Asservatenkammer. Fauser enthüllte der
Öffentlichkeit die Mechanismen seiner eigenen Produktion.
Die Handlung des Rohstoff beginnt in Istanbul, genauer
gesagt dem Stadtteil Tophane, wo der Protagonist Harry Gelb
zusammen mit einem schwäbischen Maler in einer Dachkammer
haust und beide ihrer Sucht nachgehen. Istanbul als Mekka
der Junkies der sechziger Jahre wird beschrieben als ein
Panoptikum der Suchenden, die auf ihrem Weg in die Freiheit
auf den Pfad der chemischen Träume gelandet waren. Ob Opium
oder Heroin, der Stoff hatte sie reduziert auf den Rhythmus
der Sucht. Brutal und bedrückend wird das Existenzielle der
Junkies freigelegt und es bleibt nichts von dem platonischen
Traum der Erfüllung. Harry Gelb beginnt, die Reduktion
seiner selbst in einfachen Wachsheften zu verbalisieren und
bemerkt beim Schreiben, dass dieses selbst das Eigentliche
ist, nach dem er sucht. Das Schreiben wird der Weg zur
Emanzipation, doch bis dahin ist es ein langer Weg.
Harry Gelbs Stationen sind eine Kommune in Berlin, eine
Mansarde in Göttingen, erneute Zwischenstationen in Istanbul
und Amsterdam, bis er sich auf Frankfurt einpendelt, woher
er, wie der Autor selbst, auch kommt. Dort beteiligt er sich
bei einer Hausbesetzung, schlägt in der besetzten
Westend-Villa zusammen mit Kommunisten, Anarchisten und
Rockern sein Zelt auf, ist zeitweilig liiert mit einer
Französin aus dem Bildungsbürgertum, befreundet mit einem
griechischen Regisseur, arbeitet als Wachmann für eine
Security-Firma, arbeitet als Packer auf dem Frankfurter
Flughafen, klappert unzählige Verlage mit einem fehlerhaften
Typoskript seines ersten Romans, des Stamboul Blues ab,
säuft mit Rockern und Wahnsinnigen herum, lässt alle
Bindungen an eine bürgerliche Existenz sausen, kommt vom
Stoff los, um sich in den Alkohol zu retten und erlebt den
Abstieg der so genannten Gegenkultur.
Das Fixum, der rettende Schirm im freien Fall bleibt die
Gewissheit, dass das Schreiben das Medium seiner Existenz
ist und sein wird. Rohstoff ist ein erschütterndes
Bekenntnis zur Literatur, das sich nicht deckt mit den
Konstitutionsprinzipien einer bürgerlichen Bildung und
Ästhetik. Sie kommt von unten, von der Straße und der
Erkenntnis, dass das Unten das Normale, das Leben
Bestimmende ist und sein wird. Jörg Fauser würde in der
kommenden Woche 65 Jahre alt. Er ist seit 22 Jahren tot und
wurde nicht nur deshalb zum Mythos. Seine Bücher bleiben
vital und lassen das Blut gerinnen, weil sie aus der
Substanz, dem Rohstoff gewoben sind, der das Leben
dominiert.
[*] Diese Rezension schrieb: Gerhard Mersmann (2009-07-13)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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