Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 


Rezensionen


 
Marko Ferst - Umstellt. Sich umstellen (Gedichte)
Buchinformation
Ferst, Marko - Umstellt. Sich umstellen (Gedichte) bestellen
Ferst, Marko:
Umstellt. Sich umstellen
(Gedichte)

Bei amazon bestellen

(Bücher frei Haus)

Von der Freiheit politisch zu dichten

Gesellschaftskritische und psychologische Gedichte von Marko Ferst

Von Heike Koall

Das politische Gedicht ist selten geworden in den heutigen neoliberalen Zeiten. So wie einst Kurt Tucholsky regelmässig Gedichte in Zeitungen plazierte, das dürfte heute unmöglich sein. Doch Gedichte, geschrieben mit spitzer Feder, ganz auszulöschen sind sie nicht. Marko Ferst hat sich in diesem Medium versucht, bezieht Psyche, Geist und Politik sehr eng aufeinander. Seine Gedichte sind ein Votum gegen Abstumpfung und Entfremdung. Er hinterfragt Selbstverständlichkeiten, geht Ihnen auf den Grund, kommt zu überraschenden Wendungen und Schlüssen. Die Botschaften sind virtuos und sprachgewandt, zudem unverkennbar rot- und grünstichig. Er versucht politische Begebenheiten und die dazugehörige Spurensuche von neuen Seiten ins Licht zu rücken.
Fersts Gedichte sind politisch engagiert, zerstreuen sich aber auch nicht in die je nächste tagespolitische Aktualität, sondern konzentrieren sich auf wesentliche Ein- und Ausblicke. In ihrer klaren, unverwechselbaren Art werden sie wohl auch Leser und Leserinnen ansprechen, die üblicherweise Gedichte meiden. Bei der Lektüre wird man sich gelegentlich an die Dichtung Erich Frieds erinnert fühlen. In Inhalten und Formen sind partiell ähnliche Muster zu finden. In weiten Bereichen hat Ferst jedoch unkonventionelles Vorgehen ausgetestet. Man wird immer wieder kabaretthafte Einschlüsse finden.
Der Autor stellt unbequeme Fragen zum Krieg im Irak: „flügelschwere Bombenhoheit/ Demokratie in schwarzen Streifen“ Er spielt gnadenlos mit dem Wort, hebt sinnstiftende Unterschichten an die Oberfläche. So attestiert er dem us-amerikanischen „Texasgeist“ „demokratiegekreuzte“ Absichten, fragt ob diese „Fieberhand“ ausläuft oder sich fortzeugt. Ganz ähnlich dekodiert er den Kosovokrieg, prüft die hehren Absichten der vorgeblichen Friedensbringer und die verschiedenen Seiten von Menschenrechten bei Bombardements. Im Kontext der New Yorker Anschläge von 2001 fragt er worauf man die Blicke noch richten müsste, in welchem Verhältnis die Kriege und Greueltaten des Pentagon zu diesem Ereignis liegen. Ferst gibt nicht immer Antworten, er stellt auch viele Fragen. Seine Gedichte sind Anleitungen zum eigenständigen Selberdenken.
Aber nicht nur die gesellschaftspolitische Ebene interessiert ihn. Mehrere Liebesgedichte findet man im Band. In „Unvorhergesehen“ skizziert er eine völlig überraschende Begegnung, die sich beide ganz anders vorgestellt hatten. Auch eine gescheiterte Beziehung wird charakterisiert, die menschlichen Schwächen, denen man erlegen sein kann. In „Erotische Streifzüge“ kommt zur Sprache, was üblicherweise unausgesprochen bleibt.
Gedichte über die inneren Landschaften menschlichen Seins nehmen breiten Raum ein. In dem Gedicht „Etwas in uns“ sucht er nach Spuren der eigenen Existenz, die sich in Ruhe und Gelassenheit verorten lassen. „Es lebt von der Hoffnung/ zehrt von der Verzweiflung/verbindet sich mit der Liebe/ und sucht sich einen Weg“. Er schreibt über die Musik Arvo Pärts, fragt nach der spirituellen Freiheit. „Gewebte Töne/ als Vorboten?/ Musikräume als Wegkarte/ von Innen nach Morgen?/ jetzt und hier heilig sein/ ganz irdisch/ und branden/ mit den Wellen“.
Marko Ferst ist eigentlich bekannt als einer der konzeptionellen Ökologen in der Linkspartei. Zusammen mit Franz Alt und Rudolf Bahro brachte er den Band „Wege zur ökologischen Zeitenwende“ heraus. So ist es nicht verwunderlich, dass in dem Band viele Gedichte die Sorge um den Erhalt der irdischen Gleichgewichte thematisieren. Dies tut er auch radikal selbstkritisch, stellt sein eigenes Ungenügen zur Debatte. Er warnt vor neuen totalitären Entwicklungen.
Die Vielfalt der Themen, die er anspricht, ist bemerkenswert. Verhältnisse um die Blutdiamanten in Angola bis hin zu Unrecht im tibetischen Hochland oder die vergebenen Chancen im Zuge der DDR-Herbstwende stehen auf seiner Tagesordnung. Mit der Erzählung „Der Freund und das Fensterkreuz“ schliesst der Band ab. Auf verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen verfolgt er das Schicksal eines Jungen, der durch seine familiären Verhältnisse in eine ausweglose Situation gerät und wie er versucht sich dort herauszuwinden.
Wer bei Ferst ungetrübte Poesie sucht, wird nur bedingt fündig werden. Seine Gedichte haben häufig eine etwas traktathafte Art und einen rauhen Ton. Trotzdem, wer einen gesellschaftskritischen Umgang sucht, dem wird nicht entgehen, dass dort eine linkslastige und rechtslästige Dichterstimme ist, die sich lohnt anzusehen. In diesem Jahr erhielt er einen deutsch-polnischen Literaturpreis für eine Auswahl seiner Gedichte.

Marko Ferst: Umstellt. Sich umstellen. Politische, ökologische und spirituelle Gedichte. Edition Zeitsprung. 160 S., brosch., 11,20 €


[*] Diese Rezension schrieb: Heike Koall (2006-04-22)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



-> weitere Bücher von Marko Ferst ansehen

-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?

[ weitere Rezensionen : Übersicht ]

 



Aus unseren Buchrezensionen


Der siebente BrunnenWander, Fred:
Der siebente Brunnen
Fred Wander ließen die Geschichten seiner Häftlingskameraden, die in den Vernichtungslagern der Hitlerdiktatur ums Leben kamen und keine Möglichkeit mehr hatten, diese in die Freiheit hinauszutragen, nicht mehr los. So erweckte der Autor nach Jahrzehnten (Anfang der 70er Jahre) einige dieser Menschen in seinem Schlüsselroman "Der [...]

-> Rezension lesen


 Wie der Stahl gehärtet wurdeOstrowski, Nikolai:
Wie der Stahl gehärtet wurde
Nikolai Ostrowski (1904-1936) war ein früher Sympathisant der Russischen Revolution und trat bereits im Jahre 1919 dem Komsomol, der kommunistischen Jugendorganisation, bei. Auf der Seite der Roten Armee kämpfend, wurde er 1920 schwer verwundet. In den darauffolgenden Jahren verschlechterte sich sein Gesundheitszustand stetig, so dass [...]

-> Rezension lesen


KnulpHesse, Hermann:
Knulp
Knulp. Welch eigenartiger Name, denkt man sich. Ein wandernder Handwerksgeselle ist der Knulp, ein Bild von einem Mann, der stets ausgeglichen und fröhlich durchs Land zieht. Einem Handwerk aber geht der wandernde Handwerksgeselle nicht nach. Er bringt den Menschen lieber Geselligkeit, Freude, Heiterkeit und Abwechslung in ihr [...]

-> Rezension lesen


 Wilhelm Meisters LehrjahreGoethe, Johann Wolfgang:
Wilhelm Meisters Lehrjahre
Der sich selbst erschaffende Mensch: Bürger der Neuzeit, Wilhelm Meister. Bildung ist ihm mehr als das halbe Leben, der Rest: Streben nach Glück. Die Lehrjahre, von Goethe in übersatter Sprache dargestellt, als Ganzes: der Roman einer Epoche, Napoleon soll ihn mehrfach gelesen haben, Lukács hielt ihm zeit seines Lebens die Treue usw. [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net



005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2017 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.026139 sek.