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Ullrich Fichtner - Billionenpoker
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Fichtner, Ullrich:
Billionenpoker

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(Bücher frei Haus)

Die Erwartungshaltungen, die die Wirtschaftsredaktion des Spiegels bedienen wollte, hatten sich zwischen dem Entsetzen des Jahres 2009, nach der Finanzkrise, und dem Erscheinungsjahr der Buchausgabe 2012 schon wieder verschoben. Deutschland schwenkte in den Boom ein, die zu bedienenden Ängste hatten sich gewandelt. Es sind drei große Probleme, die Angst machen: Auf groteske Art wird die Bedeutung der globalen Finanzmärkte über jene der Realwirtschaft, also von Produktion und Konsum, gestellt. Im Zeitalter einer gigantischen Staatsverschuldung der USA gegenüber, vor allem, einem China, das sich weigert, seine Währung entsprechend dem realen Wachstum seiner Volkswirtschaft aufzuwerten, im Zeitalter riesiger Kapitalströme, nicht zuletzt von Seiten privater Pensionsfonds (wiederum in den USA), kam es 2007 jenseits des Atlantiks zu einer Blase um marode Immobilienfinanzierungspapiere, die die ganze übrige Wirtschaft ins Taumeln brachte. Seither, Gefahr drei, scheint der europäische Währungsverbund mit dem Euro laufend gefährdet, weil keine Zentralbanksteuerung mehr aufgeht, die sowohl die Interessen der hoch verschuldeten Krisenländer im Süden schützt, wie auch den Belangen der (von der Krise der Schwachen profitierenden) Exportnationen in Zentraleuropa dienlich ist.

Eigentlich sind das Krankheitsbefunde, die gegen die weitere Liberalisierung der Geldmärkte sprechen und für eine globale, transnationale Regulierung und Kontrolle aller Finanzmärkte - einschließlich aller Off-Shore-Steueroasen und Schattenbanken. Es ginge um die Rück-Definition dessen, was „etwas wert“ ist, weg von den digital verschobenen Ziffern, zurück zu den im Leben tatsächlich greifbaren Objekten und Dienstleistungen.

Und es stehen ja auch Sätze mit dieser Stoßrichtung im Buch. Bloß wäre mit diesem Impetus eine Absage an alles zustande gekommen, was bis 2009 die europäische Wirtschaftspolitik bestimmt hatte. Der Bruch auch mit dem Banken-nahen SPD-Finanzminister (und späteren Kanzlerkandidaten) Peer Steinbrück, dem die Spiegel-Mannschaft zuvor die Stange gehalten hatte. Steinbrück heftete sich an die Brust, er habe Deutschland vor dem Wall Street Crash gerettet, in Wahrheit ist belegt, dass er mehrere Monate zögerlich reagierte, sich dann dem in den USA und in England als Rettungsweg erkannten Keynesianismus beigesellt hat. Ob die Schulden, die er dem Steuerzahler mit der Stützung maroder Institute wie Hypo RealEstate, HSH Nordbank, IKB aufhalste, tatsächlich unabwendbar gewesen sind, ist nach wie vor umstritten. Erst da wieder, wo es heißt, noch einmal dürften nicht solche Profite privatisiert, so derbe Verluste sozialisiert werden, sind sich wieder alle einig.

2012, als „Billionenpoker“ fertig wurde, schien der Knacks bereits überwunden, jedenfalls für einen Exportmeister wie Deutschland. Daher kann der Spiegel an den in der Zeit vor 2008 gepflegten neoliberalen Kurs anschließen und sich, dessen ungeachtet, wie ein Rächer der Enterbten aufführen. Die Schuldenmacherei des Staates wäre das Allergefährlichste. In der Tat war das Staatsdefizit seit 2008 kräftig gestiegen.

Spiegel-„Geschichten“ (vier davon machen das Buch aus: Die Kreditblase, Das Geldbeben, Die Eurokrise, Die Wette) werden niemals von nur einem einzigen Investigator erarbeitet. Und von den Herren Cordt Schnibben und Ullrich Fichtner ist dieses Buch nicht wirklich. Sie stehen in der Hierarchie der Redaktion oben, haben mit früheren Publikationen Ehren errungen, Preise gewonnen. In Wahrheit ist „Billionenpoker“ die Puzzlearbeit von einundzwanzig Autoren, deren Namen wir hier nicht aufzählen können.

Die Fertigung einzelner Blöcke wurde auf eine Mannschaft verteilt. Dann sind (oft genug) keineswegs geheime, aber halt selten abgefragte, noch seltener publizierte Quellen benutzt worden. News-Tresore wie Zeitungsarchive oder irgendwelche Begriffscluster in den Internet-Suchmaschinen. Alle haben ihre Scherflein abgeliefert und endlich haben die Dramaturgen das Konvolut zur „Geschichte“ hochgeschrieben. Wer eine „Geschichte“, eine Art Unterhaltungsfilm aus verifizierten Fakten, zusammenbosselt, muss den Gehalt jedes einzelnen Bausteins nicht selbst verstehen. Er ist der Saucier, der den diversen Brocken ein Gesamtaroma beigibt.

Nicht ohne Ironie ist das, wenn Spiegel-Schreiber sich ihren Lesern gegenüber nicht anders verhalten als jene Banker, deren amoralische Trickserei sie ein halbes Buch kritisiert und verdammt haben. Wie Hütchenspieler hüllen alle beide, Finanzpapier-Verkäufer wie Redakteure, den Laien mit einer Überfülle der Scheininformation ein. Gewicht und Belang aller Einzelheiten wird kein Kunde jemals durchschauen. Gut informiert und gut unterhalten soll er sich vorkommen, während er in eine Richtung dirigiert wird. Spiegel-Recherche heißt Fakten, mehr Fakten, noch andere Fakten dahinter! Mehr Fakten, als du irgendwo sonst sehen wirst. (Man kann sich auf spiegel.de den Werbetrailer zu dem Buch (noch) ansehen, sieht, wie man mit Informationen, die im Grunde nichts sagen, beeindruckt wird.)

Immer wieder führen die Arbeitsabläufe in der Textfabrik dazu, dass man auf einer einzigen Seite, von nur zwei Absätzen getrennt, das diametrale Gegenteil des erst noch zu Belegenden lesen könnte, wäre man in der Lage, die Konsequenzen dessen, was dort eben stand, zu ermessen. Die Zuarbeit zum einen Abschnitt wird von einem anderen Mitarbeiter gewesen sein als die zum folgenden. Ein versierter Autor hat am Ende alles geglättet. Jetzt wirkt es wie aus einem Guss.

Im Schlussteil des Buches wird von den Banken, die uns über den Tisch gezogen hatten, der Bogen zum Staat gespannt, der uns ja auch täglich ärmer mache, indem er uns mit viel zu viel Geld überschwemme. (Was da nicht steht: Geld an sich ist überhaupt nichts wert. Es ist ein Indikator, der uns zeigt, wer in einem Gemeinwesen von wem was in Anspruch nehmen darf, wer nicht. Wo immer es Arme gibt, wird es auch Reiche geben, die an ihrer Armut ganz gut verdienen. Darüber könnte man sich unterhalten, tut dieses Buch allerdings nicht.)

Zitat:

Die Gewöhnung an Schulden führte - so der Schuldenexperte Dieter Meyer - zu einem perversen Ergebnis: Zählt man die jährlichen Defizite von 1965 bis 2010 zusammen, in den Kommunen, den Bundesländern und im Bund, kommt man auf die Summe von 1480 Milliarden Euro. Stellt man die Summe der Zinsausgaben dagegen, das sind 1642 Milliarden Euro, dann folgt daraus: Von den aufgenommenen Krediten wurden - mathematisch - keine Schule, kein Schwimmbad, keine Autobahn, kein Theater, kein Flughafen gebaut. Vielmehr wurden 162 Milliarden Euro Steuergelder ausgegeben, um die Schulden machen zu können, mit denen sie finanziert wurden.

Mal davon abgesehen, dass es sich beim 2011 verstorbenen Dieter Meyer, einem Ministerialrat, um den Autor eines einzigen, schon 2003 im wenig bekannten Hannöverschen Verlag für Beamtenrecht erschienenen Werks mit dem Titel „Die Schuldenfalle“ handelt, wohl nicht allererste Crème der Makroökonomie, ist die Dümmlichkeit dieser Milchmädchenrechnung so eklatant, dass sie dem norddeutschen Spitzenbeamten wohl auch eingeleuchtet wäre. Vermutlich hatte auch die Redaktion eines gewissen norddeutschen Nachrichtenmagazins das erfasst. Warum setzt man dergleichen ins Buch? Im Gegensatz zur Mikroökonomie eines einzelnen Unternehmens (es wird von BWL gesprochen) ist beim komplex strukturierten Gebilde eines Staates und seiner Volkswirtschaft (man spricht von VWL) nichts, das irgendwer ausgibt, tatsächlich weg, vorbei und vernichtet.

Der Staat mag Schulden haben, dafür allerdings vielleicht eine Million glücklicher Hartz-IV-Empfänger, die anständige Preise für anständiges Essen bezahlt haben, wodurch andere wiederum in Arbeit und Brot kamen. Jede Investition zieht in einem Gemeinwesen eine gewaltige Kette davon ausgelöster anderer Wirtschaftsvorgänge nach sich. Diese schaffen nicht zuletzt Wohlstand für viele. Sie den Leuten frech als Geldverschwendung anzudrehen, ist unlauter, ganz egal, wie viele neoliberale Politiker und Blätter auf so einem Steckenpferd schon ritten. Seriös wäre es, wenn man die Ausgaben für den Bau einer Autobahn oder Bahnstrecke mit all den Einnahmen aufrechnen würde, die sie in Jahrzehnten dann einfahren werden, die es ohne sie nie gegeben hätte.

Es müssten die gigantischen Ausfälle berechnet werden, die als Kettenreaktion anfallen, wenn, wie 2008 geschehen, bzw. durch beherzte Staatsverschuldung in Amerika gerade noch verhindert, eine Panik aufkommt, unaufhaltsam das Vertrauen in mehr oder weniger alle Finanzmärkte auffrisst, die Banken selbst einander nicht mehr trauen, sich nicht mehr aushelfen. Da fehlt wenig und das Geldsystem des Planeten kracht zusammen, Geld ist dann nichts mehr wert. Fabriken schließen, weil Märkte zusammengebrochen sind, Kredite zurückgefordert werden. Menschen verlieren den Lebensunterhalt, die nicht das Geringste mit den Börsentransaktionen zu tun hatten. Das sind Kosten, die der Spiegel keineswegs so ordentlich recherchiert wie die griechischen Staatsschulden. Griechenland, ein Land mit der Wirtschaftskraft Hessens.

„Billionenpoker“ ist ein Buch, das sich liest wie aus Hollywood. Ach, die packende Parallelmontage zwischen den CDO-Entwicklern, der lutherischen Landeskirche in Oldenburg und jenem Hamburger Rentner, der die Früchte seiner Lebensarbeit verzockte! Aber möchte man sich denn ein Sachbuch leisten, aus dem man wie aus einer Gaunerkomödie mit Leonardo DiCaprio und Jonah Hill herausgeht? Und nicht wie einer, der etwas durchschaut, was er vorher noch nie durchschaut hatte.

[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2017-02-28)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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