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Rezensionen


 
F. Scott Fitzgerald - Diesseits vom Paradies
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Fitzgerald, F. Scott:
Diesseits vom Paradies

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(Bücher frei Haus)

„Diesseits vom Paradies“ ist ein Entwicklungsroman in doppeltem Sinne. Der erstmals 1920 erschienene Roman, der den erst 23-jährigen Autor über Nacht berühmt gemacht haben soll, ist eigentlich gar kein Roman im herkömmlichen Sinne. Fitzgerald musste die Rohfassung des Romans zweimal für den Verlag umarbeiten, allerdings hatte man ihm die Veröffentlichung unter dieser Bedingung auch schon zugesichert. Das Bemerkenswerte aber ist, dass man trotzdem noch merkt, wie unfertig der junge Autor ist und wie er Seite für Seite besser wird. So lesen sich die ersten 100 Seiten noch als typischer College-Roman in dem sowohl Prosa als auch Lyriktexte zu Wort kommen, danach übernimmt Fitzgerald einen Dramentext in seinen Roman, um schließlich wieder zu Prosa zu wechseln. „Diesseits vom Paradies“ wurde trotz oder gerade wegen seiner konzeptuellen Schwäche zum erfolgreichsten Roman Fitzgeralds, er bescherte dem jungen Autor Reichtum und Glück, denn nicht zuletzt durch seinen schriftstellerischen Erfolg gewann er – anders als der Held und alter ego Amory Blaine im Buch – seine geliebte Zelda für sich: die Veröffentlichung des Romans und die Hochzeit fielen praktisch zusammen mit dem Beginn der Roaring Twenties zu dessen Impersonifikation der Autor selbst bald werden sollte. Und auf der Tagesordnung dieser Ära standen Petting, Prohibition und allgemeine Dekadenz und ganz zum Schluss erst der Börsenkater.

Der Createur des Jugendkults: die Princeton-Slickers

Der „Propagandist der Ära“, wie ihn Manfred Papst in dem sehr aufschlussreichen Nachwort nennt, schrieb einen Roman, der von seinen zeitgenössischen Kritikern als „avantgardistisch, revolutionär und formal gewagt“ bezeichnet wurde, er zitiere darin mehr als 64 Buchtitel und 98 andere Schriftsteller, wohl auch um zu zeigen, dass er als so junger Autor ein gutes Fundament besäße. Als „Schöpfer des Jugendkults“, „Chronist des Jazz-Age“, aber auch als Createur eines ziemlich „waghalsigen Konglomerats“, das vom Behaupten und Scheitern jugendlicher Ideale in einer materialistischen, ja zynischen Welt handle bezeichnet Manfred Papst den Autor und grundsätzlich hat der Roman wohl tatsächlich mehr Schwächen als Stärken, was ihn sehr schwer lesbar macht, ist aber dennoch zum Kultroman seiner Generation geworden. Wohl auch wegen seiner eleganten Definition des Princeton-Slickers: „Der Slicker sah gut aus oder zumindest adrett; er hatte Talent – das hieß gesellschaftliches Talent, und bediente sich auf dem breiten Pfad der Tugend aller Mittel, um vorwärtszukommen, beliebt und bewundert zu sein und niemals in Schwierigkeiten zu geraten. Er war gut gekleidet, legte besonderen Wert auf eine makellose Erscheinung.“ Abgesehen von den amourösen Abenteuern in die sich der junge Amory Hals über Kopf stürzt, geht es aber in dem ersten Roman von Fitzgerald noch um viel mehr als nur die Liebe. Unvermutet spielt auch die Politik eine große Rolle.

A New Generation ? My Generation!
Das eigentliche Thema des Romans ist nämlich die Politik und der Erste Weltkrieg, obwohl dieser selbst wohlgemeint ausgespart wird, resp. lediglich die beiden wesentlichen Teile des Romans in Jugend und Adoleszenz trennt. Autobiographische Züge trägt der Roman quasi in jeder Zeile. Z. B. hatte sich auch Fitzgerald als Freiwilliger für den Ersten Weltkrieg gemeldet und kam dann aber niemals am Schauplatz Europa zum Einsatz. Wohl deswegen fehlen auch die Kriegserlebnisse im Roman, die so bezeichnend für seine resp. Amorys Generation sein sollten. „Hier war eine neue Generation“, schreibt er, „und sie stieß die alten Rufe aus, lernte die alten Überzeugungen, durchträumte lange Tage und Nächte und war schließlich dazu bestimmt, in diesen schmutzigen grauen Wirbel hinauszugehen, um dem zu folgen, was Liebe oder Stolz ihnen eingaben; eine neue Generation, die sich mehr noch als die letzte der Furcht vor Armut und der Heilung des Erfolgs hingab; (…)“. Auch Fitzgerald war unglücklich verliebt und nicht nur sein Protagonist ersäufte seinen Kummer in Alkohol, wie die Annalen zu berichten wissen. Wie schreibt er selbst im letzten Kapitel von „Diesseits vom Paradies“ so treffend: „dass alle Götter tot waren, alle Kriege ausgefochten, alle Überzeugungen im Menschen erschüttert“. Das eigentliche Ergebnis des Krieges war eine innere Revolution, die sich durch die zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch durch die Gesellschaft zog. Auch wenn Amerika als stärkste Nation aus dem Krieg hervorging, musste es doch bald mit einer grundsätzlichen Krise fertig werden, dem black Friday von 1929 und dem Ende einges ganzen Wirtschaftssystems. Bis dahin „roarte“ es aber noch kräftig und genau dafür wurde Fitzgerald zum Inbegriff: die Aufbruchstimmung eines neuen Jahrzehnts, der Zwanziger, der roaring twenties.

F. Scott Fitzgerald – ein Radikaler?

Überraschen werden den Leser die politischen Ansichten, die der Protagonist Amory Blaine im letzten Kapitel „Der Egoist wird zum Charakter“ vertritt. Dieser fordert nicht nur die gleichen Ausgangsbedingungen für jedermann, also quasi einen sanften Sozialismus, sonder sogar eine Verstaatlichung der Industrie. Über die russische Revolution sagt Amory, das alter ego Fitzgeralds, folgendes: „Natürlich artet es aus, genau wie die Französische Revolution damals, aber für mich besteht kein Zweifel, dass es tatsächlich ein großartiges Experiment und wohl der Mühe wert ist.“ Für sich selbst findet er die Worte: „Ich stelle lediglich fest, dass ich das Produkt eines wandlungsfähigen Geistes in einer rastlosen Generation bin – und allen Grund habe, Hirn und Feder in den Dienst der Radikalen zu stellen.“ Fitzgerald scheut als Amory Blaine nicht einmal vor dem Wort „Klasse“ zurück, das so süffisant von dem Intellektuellen Gore Vidal als „four-lettered word“ (das sind im Englischen Raum normal die Schimpfworte, die meisten haben nämlich vier Buchstaben) bezeichnet wurde, obwohl es auch im Englischen fünf Buchstaben hat. Selbst das amerikanische Un-Wort schlechthin, nämlich Sozialismus, kommt immerhin drei Mal im Roman vor, ja Amory selbst bezeichnet sich an einer Stelle sogar als Sozialist oder zumindest Radikalen. „Ihre Klasse“, sagt Amory zum personifizierten Kapitalisten während einer Autofahrt durch New York, „die Klasse, zu der ich bis vor kurzem selbst gehört habe; diejenigen, die durch Erbe oder Fleiß oder Verstand oder Unehrlichkeit zur vermögenden Klasse geworden sind“. Diese Klasse sei es, aus denen man etwas rausquetschen müsse und sich nicht mehr alles gefallen lassen dürfe. Sozialismus sei vielleicht nicht unbedingt Fortschritt, sagt Amory, aber „die Drohung mit der roten Flagge ist mit Sicherheit ein kräftiger Ansporn für jede Reform“.
Plädoyer des Ledigen
Diese verheirateten Konservativen der vermögenden Klassen, die Kapitalisten, hätten nur das Interesse, zu sichern und zu bewahren und nur wenige Männer würden diesem Zugriff, dem Zugriff des Verheiratetseins entkommen. Damit beginne nämlich die eigentliche Tretmühle, glaubt Amory, und die Reichen würden so zu den Verwaltern des intellektuellen Gewissens und wollten ihr Geld, das sie für ihre Familien verdienten, nicht mehr aufs Spiel setzen. Der verheiratete Mann würde die menschliche Natur so nehmen wie sie sei und bediene sich ihrer Ängste und Schwächen, der Ledige hingegen habe eine ganz andere Denkweise. Der „geistige Ledige, der beständig nach neuen Systemen sucht, mit denen er die menschliche Natur lenken und bekämpfen kann“, schreibt er, sei der wahre Kreative: „Sein Problem ist schwieriger. Nicht das Leben ist kompliziert, sondern der Kampf es zu lenken und zu kontrollieren. Das ist sein Kampf. Er hat teil am Fortschritt – der geistig verheiratete Mann dagegen nicht.“ Vielleicht schrieb Fitzgerald diese Zeilen als es für ihn und Zelda genauso traurig aussah wie für Rosalind und Amory, aber die Tatsache, dass Fitzgerald durch seinen Erfolg als Schriftsteller denn doch noch von seiner Zelda erhört wurde und dadurch in seinen weiteren Romanen alles andere als zu einem Radikalen wurde (vielmehr zum Alkoholiker), wie man es von seinem ersten Buch her erwarten hätte können, spricht doch wohl sehr für seine eigene Theorie: verheirateten Männern fehlt einfach der Biss! Oder liegt es vielleicht doch am Alkohol?

F. Scott Fitzgerald
Diesseits vom Paradies
Aus dem Amerikanischen von Martina Tichy und Bettina Blumenberg
Mit einem Nachwort von Manfred Papst
Roman

2006
Diogenes
Hardcover Leinen, 432 Seiten
ISBN 978-3-257-06517-6
€ (D) 24.90 / sFr 43.90* / € (A) 25.60

[*] Diese Rezension schrieb: jürgen weber (2010-03-30)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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