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Walter Flex - Der Wanderer zwischen beiden Welten
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Flex, Walter:
Der Wanderer zwischen
beiden Welten

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(Bücher frei Haus)

"Dem Gedächtnis meines lieben Freundes Ernst Wurche" - so leitet Walter Flex (1887-1917) seine "Ein Kriegserlebnis" untertitelte Novelle "Der Wanderer zwischen beiden Welten", ersterschienen im Jahre 1917, ein. Wildgänse sind es, die auf dem schwarzen Buchumschlag in Gold geprägt sind und an Sternen vorbeiziehen, Wildgänse sind es, die der Erzählung ihren Rahmen geben. Eingangs sind sie auf dem Weg nach Norden, am Ende des Buches ziehen sie gen Süden. Währenddessen und dazwischen ist Krieg, der Erste Weltkrieg.

Flexs Schilderungen sind autobiographisch und beschreiben, wie er das Kriegsjahr 1915 erlebt hat. Zum Anfang des Jahres liegt er in Gräben an der französischen Front - bereits 1914 hatte er sich als Freiwilliger gemeldet. Manchmal folgt er noch seiner schriftstellerischen Berufung und notiert auf einen Fetzen Papier ein paar Verse:

Wildgänse rauschen durch die Nacht
Mit schrillem Schrei nach Norden -
Unstäte Fahrt! Habt acht, habt acht!
Die Welt ist voller Morden.


In jener Nacht erfasst ihn eine romantische Schwärmerei, deren Ziel sein 20-jähriger Kamerad Wurche ist: "Wie der schlanke, schöne Mensch in dem abgetragenen Rock wie ein Pilger den Berg hinabzog, die lichten grauen Augen ganz voll Glanz und zielsicherer Sehnsucht, war er wie Zarathustra, der von den Höhen kommt, oder der Goethesche Wanderer. [...] der helle Stein der Bergstraße schien unter seinen Sohlen zu klingen".

Diese Worte sind deutlich bis eindeutig ---. Wurche und Flex werden Freunde, sie teilen ihre Leidenschaft für die Poesie (Wurche hat während seines Kriegseinsatzes rund 70 Goethe-Gedichte memoriert, die er zu jeder Zeit gern vorträgt) und ihr weiteres Schicksal, sie werden gemeinsam von der Westfront abgezogen, zu Offizieren ausgebildet und dann im Osten bei Augustowo (heutiges Nordost-Polen) eingesetzt.

Flex vermeidet es konstant, über den Sinn des Krieges an sich zu reflektieren, dahingehende Fragen stellen sich ihm nicht. Der Krieg ist für ihn eine unumstößliche Wirklichkeit, in die er sich gestürzt hat, um, so muss es dem Leser erscheinen, in ihm seinen Todesästhetizismus auszuleben. Der Jüngling Wurche wird hierbei zum Ideal stilisiert: "Warum ergreift uns alle Schönheit des Lebens, statt dass wir sie ergreifen? Ach, wie der Mensch aus der Erde gemacht ist und wieder zur Erde wird, so ist alle Schönheit aus Sehnsucht gemacht und wird wieder zu Sehnsucht. Wir jagen ihr nach, bis sie zur Sehnsucht wird. ---"

Das Leben ist zu einer Lappalie verkommen. "Ein Sprung und Sturz - tot!". So einfach ist es vorbei. Das ist der Krieg, den Flex liebt, in seinen starren Formen und den Formen der Worte in der Poesie findet er als Mensch seinen Halt. Es ist ihm alles nur eine Wanderung zwischen Leben und Tod - zwischen beiden Welten.

Der Wald ist wie ein Sterbedom,
Der von verwelkten Kränzen träuft,
Die Kompanie ein grauer Strom,
Der müde Wellen rauschend häuft.


Wie bei den Gedichten Trakls, ist im "Wanderer zwischen beiden Welten" beinahe jede poetische Regung auf ein Jenseits ausgerichtet. Trakl bevorzugte die Selbstzerstörung, Flex fand in der nach aussen gerichteten Aggression, die ihm der Krieg ermöglichte, sein Seelenheil oder, wie man besser sagen sollte: Zuflucht und Betäubung. Beide Poeten wurden durch den Weltkrieg vernichtet.

Dörfer werden zerschossen, obdachlose Menschen und Tiere irren umher, brennende Häuser künden den Russen wie Fackeln das Nahen der Deutschen und die eigenen Reihen lichten sich - das alles lässt Flex stumpf und gleichgültig bleiben, als wären es Geschehnisse in einer anderen Welt. Erst, als sein geliebter Jüngling Wurche, mit dem er so manches Bad in den masurischen Seen nahm, fällt, ist er wieder zu menschlichen Regungen fähig:

Es schwillt der Strom und ebbt und schwillt . . . .
Mein Herz ist müd´, mein Herz ist krank
Nach manchem hellen Menschenbild,
Das in dem grauen Strom versank.


Flex begräbt Wurche, schickt ihm ein paar Oden hinterher und kämpft die erweckte Menschlichkeit in sich nieder, um bald selbst wieder als Gesichtsloser im grauen Strom zu versinken. Kaum zwei Jahre später wird auch er Opfer der Kugeln.

[*] Diese Rezension schrieb: Redaktion (2005-03-20)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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