Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 


Rezensionen


 
David Foenkinos - Charlotte
Buchinformation
Foenkinos, David - Charlotte bestellen
Foenkinos, David:
Charlotte

Bei amazon bestellen

(Bücher frei Haus)

Charlotte Salomon, eine jüdische Künstlerin, die 1943 in Auschwitz vergast worden ist, ist lange von der Kunstwelt und Kunstkritik kaum beachtet worden. Dabei hätte sie neben Paula Modersohn-Becker, Marc Chagall und anderen in einem Atemzug genannt werden und zu einer der bedeutendsten Künstlerinnen de 20. Jahrhunderts gezählt werden können.

Als der Schriftsteller David Foenkinos zum ersten Mal von ihr erfährt und ihre Bilder sieht, treibt die Lebensgeschichte dieser jungen Frau ihn um, sie raubt ihm nachts den Schlaf, wie er berichtet, und sie geistert durch viele seiner letzten und erfolgreichen Romane. „Die Vorstellung, was aus ihr hätte werden können, wäre sie nicht ihrer jüdischen Herkunft wegen von den Nazis ermordet worden, ist zum Verzweifeln.“

Jahrelange Recherchen führen schlussendlich zu einem Roman, mit dem Foenkinos erfolgreich versucht, diesem Leben und dieser Lebensgeschichte gerecht zu werden. Es ist ein Roman geworden, der aus relativ kurzen Sätzen besteht, nach denen er jedes Mal eine neue Zeile beginnt. So entsteht ein sehr dichtes und unter die Haut gehendes Leseerlebnis, das Charlotte Salomon dem Leser ganz nahe kommen lässt.

Charlotte Salomon wird 1917 als Tochter jüdischer Eltern in Berlin geboren und wächst als einziges Kind einer bürgerlichen Familie auf, deren Geschichte vom Dunkel zahlreicher Suizide überschattet ist, die auch Charlotte eine tiefe Traurigkeit eingeprägt haben. Als sie neun Jahre alt nimmt sich die Mutter das Leben und Charlotte wird fortan von wechselnden Kindermädchen betreut, von denen einzig das Fräulein Hase ihr Herz erreicht. Nach der Heirat des Vaters, eines angesehene Chirurgen mit der gefeierten Opernsängerin Paula Lindberg gehen eine Zeitlang berühmte Künstler und Wissenschaftler bei den Salomons ein und aus. Doch die Machtergreifung der Nazis beendet das alles schlagartig. Der Vater verliert die Lehrbefugnis, die Stiefmutter ihre Engagements. Kurz vor dem Abitur muss Charlotte die Schule verlassen. Genau in dieser Zeit entdeckt sie ihre Begeisterung für die Malerei und findet in ihr einen Weg, der düsteren Wirklichkeit zu entfliehen. Foenkinos beschreibt das so:

"Künstler erreichen in ihrem Leben einen bestimmten Punkt.
Einen Punkt, an dem sich eine innere Stimme zu Wort meldet.
Etwas in ihnen breitet sich unaufhaltsam aus, wie Blutstropfen im Wasser."
Als eine der letzten Jüdinnen wird sie 1935 an der Berliner Kunstakademie zugelassen, doch 1939 muss sie zu den Großeltern nach Villefranche in Südfrankreich fliehen. Dort malt sie wie im Rausch einen Zyklus mit über tausend Gouachen expressionistischen Stils, in denen sie ihr ganzes Leben erzählt. „Leben? Oder Theater?“ betitelt sie dieses „Singspiel“, das sie 1942 mit den Worten „Das ist mein ganzes Leben“ einem Vertrauten übergibt.
Das Versteck in Frankreich, wo sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Alfred Nagel lebt, wird bald zum Verhängnis. Als die SS die schwangere Charlotte Salomon am 21. September 1943 abholt, ist sie 26 Jahre alt.

Ihre Bilkder sind heute im „Joods Historisch Museum“ in Amsteramm ausgestellt. Dort hat sie Davoid Foenkino vor vielen Jahren gesehen und hat sie später zur Grundlage seines Romans gemacht, der ihm lange stilistisch Kopfzerbrechen bereitete:
"Ich spürte ständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben muss".
Jede Zeile ein Satz. Es ist ihm damit ein überaus lebendiges Porträt gelungen. In seinem literarischen Andenken meldet sich Foenkinos immer wieder selbst zu Wort und gibt Rechenschaft über seine Arbeit als Autor. Er überwindet Konzeptionen und gängige Normen für eine Biografie und schafft so ein eigenes Kunstwerk, das dem der Charlotte Salomon gerecht wird.
Seine poetisch-reduzierte Sprache, seine hohe Emotionalität, seine Mischung von Tatsachen und Fiktion verschafft dem Leser ein einzigartiges Erlebnis. Die hohen Auflagen in Frankreich und die Auszeichnungen, die das Buch erhalten hat kommen nicht von ungefähr.

Ein ganz außergewöhnliches Buch, der hier in diesem Hörbuch von Devid Stresow dem Buch absolut angemessen in einer sehr einfühlsamen Weise und mit angenehmer Stimme akustisch in Szene gesetzt wird.

David Foenkinos, Charlotte, Der Hörverlag 2015, ISBN 978-3-8445-1920-4

[*] Diese Rezension schrieb: Winfried Stanzick (2015-10-08)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



-> weitere Bücher von David Foenkinos ansehen

-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?

[ weitere Rezensionen : Übersicht ]

 



Aus unseren Buchrezensionen


SkipHacker, Katharina:
Skip
Im Jahr 2006 gewann sie mit ihrem Buch „Die Habenichtse“ den Deutschen Buchpreis. Nun legt Katharina Hacker, die von 1990 bis 1996 in Israel gelebt hat, einen neue Roman vor mit dem Titel „Skip“. Skip ist der Nickname des israelischen Architekten Jonathan Landau, ein Mann mit europäischen Wurzeln in der Mitte seines Lebens. Er, [...]

-> Rezension lesen


 SeptembernovelleBronnen, Arnolt:
Septembernovelle
Genial schräger, kurzer Prosatext, den jeder kennen sollte, der sich für Expressionismus, Knabenliebe, Schelte des weiblichen Geschlechts oder die österreichische Literatur interessiert. - Sowie für: Nazi-Schriftsteller! Arnolt Bronnen, eigentlich ja Arnold Bronner aus Wien, Kriegsverwundeter, Jurastudent, KadeWe-Angestellter in [...]

-> Rezension lesen


Unnützes WienWissenStadtbekannt:
Unnützes WienWissen
Ein Nachschlagewerk der ganz besonderen Art sind die beim Holzbaum Verlag erschienen Taschenbücher mit dem irreführenden Titel „Unnützes Wissen“, denn was sie bieten ist alles andere als unnütz. So lässt das Stichwort „Mariahilferstraße“ aufhorchen, da der unlängst als Fußgängerzone neu eröffnete Boulevard schon viele [...]

-> Rezension lesen


 Go! Geschichte Oberstufe 6Melichar:
Go! Geschichte Oberstufe 6
Ein politisches Statement von Maria Theresia aus dem Jahre 1750, zehn Jahre nach ihrer Thronbesteigung, lässt auch heute noch aufhorchen: „So ist ein Landesfürst schuldig, zur Aufnahme oder Erleichterung seiner Länder und Untertanen wie auch deren Armen, alles anzuwenden, keineswegs aber mit Lustbarkeiten, Hoheiten und Magnifizenz [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net



005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2017 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.023224 sek.