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Leonhard Fuest - Die schwarzen Fahnen von Paris
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Fuest, Leonhard - Die schwarzen Fahnen von Paris bestellen
Fuest, Leonhard:
Die schwarzen Fahnen von
Paris

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(Bücher frei Haus)

„Halten wir inne, um tief Atem zu holen, wir modernen Champollions“, formulierte einst der Surrealist Louis Aragon die Gunst der Stunde, das Tagesprogramm des Pariser Flaneurs, den zu erkunden sich auch Leonhard Fuest in seinen „schwarzen Fahnen“ zur Aufgabe gemacht hat. Jean-Francois Champollions war es gelungen, die Hieroglyphen zu entziffern und wurde so ungewollt zum Symbol einer Bewegung, die ebenfalls die Zeichen entschlüsseln wollte und neu dekonstruieren, was die vorherigen Generationen hinterlassen hatten. „Was will man von den Surrealisten anderes erwarten als Pyramiden aus Textilien und Texturen“, schreibt Fuest und zitiert nicht nur Aragon, sondern auch Andre Breton, den Kopf der Unkonventionellen: „Ich bin in den Wolken jener Mann, der, um zur Geliebten zu gelangen, dazu verurteilt ist, eine ganze Pyramide seiner Wäsche aus dem Weg zu räumen.“

Das deutsche Paris: ein Alptraum der Moderne
Das Paris Leonhard Fuests ist das Paris der Schlenderer und Melancholiker, der Flaneure und Zyniker, aber auch der Besetzung durch die Deutschen, der wohl schwärzesten Stunden dieser kosmologischen Stadt, denn durch sie wurden die wohl schönsten Stimmern der Stadt zum Schweigen gebracht, so etwa wie jene der Hélène Berr, die von Deutschen an ihrem 23. Geburtstag nach Auschwitz deportiert wurde. In ihrem Tagebuch schreibt sie die schönsten Sätze über ein Paris der Liebe mitten in der Besatzungszeit, die man nicht müde wird zu wiederholen: „Die Vögel zwitschern, ein Morgen wie der bei Paul Valery. Auch der erste Tag an dem ich den gelben Stern tragen werde. Das sind die beiden Seiten des gegenwärtigen Lebens: die Frische, die Schönheit, die Anfänge des Lebens, verkörpert an diesem klaren Morgen; die Barbarei und das Böse, dargestellt in diesem gelben Stern.“

Die schwarze Fahne der Melancholie aufpflanzen
In das Haupt gepflanzt wünschte sich ein gewisser Charles Baudelaire die schwarze Fahne, wenn er in seinem Gedicht „Spleen“ schrieb: „(…) sur mon crane incliné plante son drapeau noir“ und Leonhard Fuest lehnte wohl seinen Buchtitel ganz unbescheiden an den Melancholiker schlechthin an, verteidigt die Errungenschaften des Archivs und der Literatur, wenn er selbst schreibt: „Wir wären nichts ohne die Literatur. Wir wüssten nicht zu erzählen und wüssten folglich nicht, wer wir überhaupt sind. Andererseits ist dieser Lobgesang nicht ganz ohne Molltöne zu haben, verhält es sich doch mit der Dichtung wie mit allen Zeichensprachen auch so, dass sie eben nicht ist, wovon sie spricht.“ Man könnte Fuest selbst seine eigenen Worte vorhalten, denn zu Beginn gelingt es ihm partout nicht, sein Vorhaben, zu aneinandergereiht kommen da die Zitate der Zelebritäten und zu wenig Mörtel weiß er zwischen deren Zeilen anzubringen, als dass sein Gemäuer überzeugend wirken könnte.

Per aspera ad astra
Es sind schon sehr viele an ihren zu hohen Ansprüchen gescheitert, haben „Schildkröten an der Leine geführt“, beim Flanieren oder „auf dem Asphalt botanisiert“, wie Fuest Walter Benjamin zitiert. Dieser „Denker der Konstellation“, wie Fuest ihn nennt, da „stella“, der Stern, in dem Wort stecke, sei der „letzte große Deuter des Pariser Gestirns“ gewesen. Paris habe sich unter seiner Feder in einen Kosmos verwandelt, Benjamin sei ein Kosmologe, er selbst habe sich in dieses Firmament eingetragen. „Und mag sein Stern auch geschwärzt sein, untergehen wird er nicht.“ Weitere Lektionen in Etymologie erteilt Fuest auch mit Desaster, in dem er das lateinische Chiffre „de astris“ ausmacht, wieder die Sterne, wieder das Firmament, der unerreichbare Horizont. „Per aspera ad astra“ mag man ihm hinterherrufen, durch das Raue zu den Sternen und tatsächlich wird sein Parforce-Ritt durch den literarischen Pariser Untergrund in dem Kapitel über Roland Barthes doch noch gelingen, denn hier fällt der Satz, wenn auch in Parenthesis: „Alle Melancholie ist politisch“.

Die Neu-Definition der Trauer
Der Professor, Barthes, der bis zu ihrem Tod mit seiner Mutter in derselben Wohnung lebte, trauert nicht nur über seinen Verlust, sondern vor allem über sich selbst und seine verlorene Liebesfähigkeit, die ihm abhanden kam, weil der Mann seiner Vorstellungen dann doch die Frauen bevorzugte: „Es heißt, die Trauer lösche durch ihre allmähliche Arbeit mit der Zeit den Schmerz aus; das konnte und kann ich nicht glauben, denn für mich tilgt die Zeit nur die Empfindung des Verlusts (ich weine nicht), mehr nicht. Ansonsten ist alles unbeweglich geblieben. Denn was ich verloren habe, ist nicht die Gestalt (Mutter), sondern ein Wesen, und nicht nur ein Wesen, sondern eine Qualität (eine Seele): nicht das Unentbehrliche, sondern das Unersetzliche. Ich konnte ohne die Mutter leben (das tun wir alle früher oder später); doch das Leben, das mir noch blieb, würde mit Gewissheit und bis ans Ende unqualifizierbar (ohne Qualität) sein.“

Melancholie zum Fürchten?
Leonhard Fuest, ein Totengräber ja, aber einer der so tief gräbt, dass er nicht nur Wasser, sondern ganze Schätze aus dem Erdreich hebt und dies ohne mit der Wimper zu zucken, ohne zu Blinzeln, „dieser Augenblick der Blindheit, der das Auge atmen lässt“ (Derrida), denn es bedarf großen Mutes, sich an den Großen der Literatur zu versuchen, frischen Wind hineinzublasen in die Segel, denen die schwarzen Fahnen voranwehen. Es hätte weniger Fotos und mehr Text bedurft, um Fuests Entwurf der „schwarzen Fahnen von Paris“ überzeugender zu gestalten, denn vieles wird nur gestreift (Nerval, Lautreamont, Sartre, Cioran, Houellebecq) und nicht wirklich ausgesprochen. Dafür gibt es aber dankenswerterweise ein ausführliches Literaturverzeichnis. Wer sich viel vornimmt, kann zumindest grandios scheitern, das wissen die meisten Melancholiker (griechisch: μελαγχολια , wörtlich: „Schwarzgalligkeit“). Die „Figurationen des Gespenstischen“ dringen jedenfalls auch in diesem Werk von Fuest mehr als nur einmal durch, zum Fürchten ist es aber nicht, keine Sorge.

Leonhard Fuest
Die schwarzen Fahnen von Paris
Die „Stadt der Liebe“ im Licht der Melancholie
CORSO ISBN: 978-3-86260-003-8

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2011-04-16)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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