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Mark Gatiss - Sherlock
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Gatiss, Mark:
Sherlock

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(Bücher frei Haus)

Sir Arthur Conan Doyles Figur des Sherlock Holmes faszinierte durch seine Kombinationsgabe und die konsequente Missachtung der Konvention. Die Zeit, in der er agierte, kann als die Blüte des Empire bezeichnet werden. Was im Reich gesetzt wurde, galt in vielen Teilen der Erde und das strahlte zurück auf eine Gesellschaft, die vor Selbstbewusstsein strotzte. Die Toleranz gegenüber unkonventionellen Handlungsweisen resultierte aus dieser Stärke. Der Liberalismus ging aber immer nur so weit, wie das Regelwerk als Ganzes respektiert wurde. Der literarische Sherlock Holmes war, bis auf seine kombinatorische Genialität, ein Vertreter des kauzigen Briten, der im tiefen Kämmerlein des Unbewussten, wie so viele seiner Zeitgenossen, so manches Laster lagerte und zuweilen an die frische Luft ließ. Sein Alter Ego, der bodenständige, intellektuell grundsolide und grenzenlos loyale John Watson sorgte stets dafür, dass die Verkehrsformen gewahrt wurden. Letztendlich gehörten jedoch beide einer Welt an, die in sich konsistent war.

Die hier vorliegende Neuverfilmung der Conan Doyleschen Vorlagen hat kaum noch etwas von dem Geist, der dem Original zugrunde liegt. Die Drehbuchautoren Mark Gatiss, Steven Moffat und Steve Thompson haben einen Coup gestartet, der bis dato einzigartig ist. Sie nehmen die thematischen Muster des Klassikers, um eine spannende Handlung in das digitale Zeitalter zu transferieren. Das, was die bisherigen Zuschauer einhellig als das Gelungene der Verfilmung bezeichnen, sind die schnellen Schnitte, die Nutzung aller heute gängigen digitalen Tools, das Bloggen Watsons und die Entgrenzung der Arbeit.

Sherlock Holmes ist kein Kauz mehr, der sein enzyklopädisches Wissen, das es im 19. Jahrhundert noch gab, anwendet, um seine teilweise irrwitzigen Kombinationen zu tätigen, sondern ein Mensch (?), der operiert wie ein Computer. Wie eine digitale Rechenmaschine scannt er Informationen ein, seine Gedanken erscheinen wie Botschaften auf einem Display, seine Kombinationen werden visualisiert wie Formeln auf Rechnerprogrammen. Bei genauem Hinsehen nähert man sich mehr und mehr der Blaupause, die sich hinter der exzellent von Benedict Cumberbatch gespielten Figur verbirgt. Sie ist keiner Emotion fähig, sie misst, vergleicht und kombiniert wie ein Programm und der Witz besteht darin, dass diese artifizielle Gestalt aussieht wie ein zeitgenössischer Engländer und nicht wie eine Maschine.

Der Clou der Episoden, die aus den literarischen Vorlagen dechiffrierbar bleiben, besteht nicht in der Transponierung derselben in unsere heutige Zeit, sondern im Austausch des Protagonisten aus einer anderen Welt in eine heutige Maschine, die aussieht wie ein Mensch. Ohne das Publikum zu langweilen, wird die Thematik Mensch - Maschine neu inszeniert. Nicht nur, dass diese Dramaturgie im Verhältnissen zu früheren keine Horrorvisionen auslöst. Nein, sie ist auch noch unterhaltsam und dokumentiert uns damit Verhältnisse, die uns so eindringlich gar nicht mehr bewusst sind. Die Digitalisierung unserer Lebenswelt ist schlichtweg dabei, die Machtverhältnisse von Mensch und Maschine umzukehren. Die Nutzung der digitalen Tools hat dazu geführt, dass wir ihre Funktionsweise immer mehr in unser Denken und Handeln adaptieren. Was aussieht wie eine geniale Neuverfilmung historischer, eingestaubter Kriminalfälle, wird zu einem Stück über die Maschinisierung des Menschen, dessen Metamorphose auch noch witzig und genial erscheint.

Den britischen Drehbuchautoren ist es gelungen, einen doppelt dimensionierten Plot zu landen. Der Stoff Conan Doyles erscheint in einer Neuauflage frisch und zeitgemäß. Und hinter den Episoden verbirgt sich so ganz nebenbei eine Kulturkritik, die es in sich hat!

[*] Diese Rezension schrieb: Gerhard Mersmann (2012-05-18)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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