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Wilhelm Genazino - Istanbul
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Genazino, Wilhelm:
Istanbul

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(Bücher frei Haus)

Geht ein Mann nach Pera…
„Geht ein Mann nach Pera, weiß man, was er dort sucht“, heißt es in einem alten türkischen Sprichwort. Das war aber gar nicht immer so leicht, denn es gab fast 500 Jahre keine Brücke zwischen Pera und Sultanahmet, dem eigentlichen historischen Zentrum Istanbuls. Die Stadt gilt zwar als eine symbolische Brücke zwischen Okzident und Orient, aber eine wirkliche Brücke zwischen West und Ost musste erst gebaut werden, nämlich die Galata-Brücke. Selbst Leonardo habe einst einen Entwurf für die Brücke an den Hof des Sultans gesandt, nur sei dieser nie angekommen. „Wie ich höre, planen Sie, eine Brücke zu bauen, von Istanbul nach Galata“, schreibt der Italiener 1503 an Bayezid leicht spöttisch, „aber Sie kommen nicht weiter, weil Sie niemand mit den nötigen Fähigkeiten finden.“ Statt Leonardo wurde aber Michelangelo Buonarroti eingeladen, doch dieser fürchtete die Exkommunikation. Es sollte noch mehrere Jahrhunderte vergehen, bis die Brücke zwischen Galata und Istanbul tatsächlich gebaut wurde.

Schöner als Versailles
Galata der Name der Gegend um den nordöstlichen Brückenkopf stamme von den Kelten ab, den Galliern, wie Ulli Kulke in seinem Beitrag zu Corsofolios Istanbul weiß. „Pera“ bedeute hingegen „das Gegenüberliegende“. Unter Abdülmecid (1823-1861) wurde das lange gehegte und nie verwirklichte Projekt endlich realisiert, denn von Topkapi, das unterhalb der Hagia Sophia liegt, wollte der junge Sultan auf die „europäische“ Seite umsiedeln und dort einen Palast schöner als Versailles bauen: Dolmabahce. Als Nebenprodukt entstand wohl so die erste Galata-Brücke, so musste der junge Sultan nicht „alle Brücken zu seiner Herkunft abbrechen“, denn die erste Pontonbrücke bestand nur von 1845-1863, wurde aber bald wieder erneuert, da sie einfach nicht mehr wegzudenken war. Die fünfte und bisher letzte Brücke stammt übrigens aus dem Jahre 1992 und wurde vom deutschen Stahlkonzern Thyssen gebaut. Diese Brücke ist nun endlich auch mit festen Pfeilern gebaut worden, wie es Leonardo einst geplant hatte. Denn die Pontons riegelten das Wasser des Goldenen Horns derart ab, dass das Wasser bald umzukippen drohte. Endlich haben also auch die unzähligen Angler auf der Galata-Brücke wieder einen guten Fang!

Man spricht Deutsch
Ein Interview mit dem Bauunternehmer Bülent Eczacibasi gibt viel Aufschlüsse über Traditionsmarken wie Villeroy&Boch, die längst in türkischer Hand sind. „Klischees werden auch von uns Türken gepflegt“, sagt der lebenslustige 60er, und lässt seine beiden Söhne an den Eliteunis in Harvard oder Columbia studieren. Deutsch habe auch sein Großvater schon gesprochen, das sei immer schon die Lingua franca der Naturwissenschaften gewesen. Selbst in Chicago habe er damals den Zulassungstest in Deutsch machen müssen. „Englisch lernst du dann immer noch“, habe sein Großvater gewusst und natürlich damit recht behalten. Über die gespaltene, polarisierte türkische Gesellschaft meint er nur: „Da werden viele Energien verschwendet“, aber Bülent Eczacibasi baut auf Zeit und vertraut auch Erdogan.

Von Ankunft und Vertreibung
Weniger sonnige Seiten Istanbuls zeigt ein Artikel Michael Thumanns über Tarlabasi, wo wie schon zuvor in Sulukule Zigeuner und andere Minderheiten vertrieben werden, um die hungrige Bauindustrie zu befriedigen. Dabei werde viele historisches Kulturgut – etwa griechische und armenische Siedlungen – einfach dem Bagger geopfert. Der ZEIT-Redakteur weiß auch, wem die Bautätigkeit hauptsächlich zu Gute komme. Berührend ist auch die Geschichte von Pinar Selek „Istanbul zu hören“, die auf einem berühmten Gedicht von Orhan Veli Kanik aufbaut: „ Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen/Im Kopf das Rauschen vergangener Feste (…)“, das auch im Buch-Anhang wörtlich zitiert wird. Selek ist eigentlich gelernte Soziologin und lebt derzeit in Berlin, weil sie in der Türkei als Bombenlegerin angeklagt ist. Über Istanbul schreibt sie, was auf so viele Reiseziele der Welt heute leider zutrifft: „Früher war es eine Art touristische Auszeichnung, dass es in Istanbul Dinge gab, die man sonst nirgendwo finden konnte. Heute kommt es jedoch darauf an, dass man in Istanbul alles finden kann, was man überall sonst auch bekommen kann.“

Hüzün und 130 Jahre Kemalismus
Weitere Originalbeiträge stammen von Tilman Spreckelsen, Karl-Markus Gauß, Esmahan Aykol, Özlem Topçu, Pinar Selek, Bedri Baykam, Janet Riedel, Cornelia Tomerius, Ulli Kulke, Mario Rispo, Daniel Steinvorth, Jesco Denzel, Perihan Magden, Rahmi Koç, Joachim Sartorius und dem Bilderbogen von Ara Güler. Natürlich spielt auch Hüzün eine große Rolle in diesem vielseitigen und illustren Stadtporträt Istanbuls. Wenn etwa der Herausgeber oder Gastgeber, Wilhelm Genazino, die Hagia Sophia in seiner Einleitung als „Moschee“ bezeichnet, muss ich ihm dennoch aufs Tiefste widersprochen, um nicht von eben diesem Hüzün erfasst zu werden. Die Hagia Sophia ist nämlich schon seit Atatürk (*1881) keine Moschee mehr, sondern ganz offiziell ein Museum, wie der türkische Ministerrat 1934 öffentlich verkündete. Ohne Kemalist zu sein – wie etwa der international bekannte Künstler Bedri Baykam freimütig in vorliegender Publikation bekennt – kann dies zweifellos als genial bezeichnet werden. „Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen, (…) Ich weiß es von deinem Herzschlag, ich höre Istanbul.“

Wilhelm Genazino
ISTANBUL
Hardcover, Fadenheftung, 160 Seiten, durchgängig 4-farbig und Duotone auf zwei Papieren. Format 22 × 30 cm ISBN 978-3-86260-021-2
EUR 26,95 | EUR(A) 27,80 | sFr. 40,90

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2011-11-02)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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