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Robert Gernhardt - Kippfigur
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Gernhardt, Robert - Kippfigur bestellen
Gernhardt, Robert:
Kippfigur

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(Bücher frei Haus)

Wenig vergnügliche Ausgrabung aus den achtziger Jahren.
Damals war ich ein großer Anhänger von Robert Gernhardt und habe dieses Buch gleich bei Erscheinen der gebundenen Ausgabe gekauft, obwohl ich ansonsten fast nur Taschenbücher las. Wie ich’s damals wohl fand, ich weiß es heute nicht mehr. Ich konnte mich sowieso an den Inhalt fast keiner der Geschichten mehr als ansatzweise erinnern, merkte ich beim Wiederlesen.

Robert Gernhardt, den alle kannten als komischen Zeichner, als sogenannten „Nonsense-Dichter“, noch aus seiner Zeit beim Magazin „pardon!“ in den Sechzigern, als Mitbgegründer der „Titanic“ Ender der Siebziger, als Ghost- und Filmwriter von Otto in den Achtzigern, besaß dieses abgelegene Sommerhaus in der Toskana seinerzeit, malte den Sommer hindurch stille Interieurs in Öl, ohne Menschen. An der Seite der Kinderbuchillustratorin Almut Gernhardt, seiner Gattin. Auch von klasssicher deutscher Dichtung war der vormalige Stuttgarter Kunst- und Berliner Germanistikstudent keineswegs unbeleckt. Jetzt aber fing er mit seinen größeren, ernsthafteren Werken an, Erzählungen aus dem Beziehungsclinch in der Toskanafraktion.

In allen Geschichten von „Kippfigur“, wenn es nicht um die Eitelkeit von Schriftstellern geht, geht es um das leise Grummeln von Alltagsunzufriedenheit in Paarbeziehungen unter Bohememenschen, die es zu einigem Wohlstand gebracht haben. Immer holt Gernhardt genüsslich ganz weit aus, um die doch ziemlich winzigen Geschehnisse mit keinesfalls ernstgemeintem altmeisterlichem Pathos zu unterfüttern. Partout will er die bildungsbürgerliche Zweierkistenfadheit in den klassischen Stil gießen. Klingt’s nicht wie Mörike und Hoffmann, Eichendorff und Goethe, so klingt es gleich nach Boccaccio, also seneriegemäß.

Zwei Tramperinnen werden von Italienern zum Essen eingeladen und sprechen den Spaghetti schon viel zu reichlich zu, „was auf den Tisch kommt wird gegessen“, da sie nicht wissen, dass die wirklichen piatti noch folgen werden. Dummerweise glauben sie, dass „ancora“ das Wort für „aufhören!“ ist.

Zwei Männer aus der Kulturszene buhlen in einer Gasstätte um die Wertschätzung einer Dame. Als die Sprache auf Alfred Hitchcock, den MacGuffin und was diesen in „Eine Dame verschwindet“ ausmache, kommt, erweist die Holde sich als gleichermaßen ahnungs- wie aber auch interesselos. Ihr jetzt bei ihren nachlässig geplauderten Falschinformationen beizupflichten, die Herren wissen das, gäbe einem den Vorteil im Wettlauf um ihre Gunst. Aber, wie sie erstaunt bemerken, sie sind sich beide ebenbürtig, zwei umfassend gebildete, rücksichtslos dem Wahren verpflichtete Intellektuelle. In welchen zwei Filmen Gregory Peck der Star gewesen ist? Sie wissen so was natürlich. Indem sie die Dame zurechtweisen, geben sie das Signal für deren frühen Aufbruch. Keiner der beiden wird jetzt noch bei ihr übernachten, dafür haben sich zwei Filmkenner von Gnaden getroffen, die noch eine Nachtlang durchquatschen können.

Ein anderer Mann aus dem Bund der Kulturschaffenden (in mittleren Jahren) besucht zusammen mit seiner sehr jungen Freundin den Palio von Siena. Die Spannungen steigen, während man vor dem Rennen stundenlang hingehalten wird. Ein befreundetes Ehepaar ist auch noch dabei und jener Er nutzt die Gelegenheit zu extensiven kulturhistorischen Abschweifunge bezüglich der Geschichte Sienas. Mit der Zeit wächst das Gedränge dermaßen an, dass unser erster Mann die Toilette nicht mehr errreichen kann und sich verstohlen in einer Limonadenflasche erleichtert. Da ist das Rennen vorbei und der sehr jungen Freundin fällt ein, dass sie einen gigantischen Durst hat. Um sich und sie zu retten, schleudert er die Flasche weit hinaus in die Menge. Und shreddert die Beziehung.

Ein anderes Ehepaar tief im sonnigen Süden, beobachtet verzückt einen stillen Waldsee. Elch, Bär und Biber imaginiert er hierhin, Erdmännchen sie. Das passe aber ja gar nicht ins Bild, seine Vision drücke eine Sehnsucht nach dem Norden aus, weist er sie zurecht. Doch für mehr als Gerede ist sie nicht geneigt, dieses zu halten. Am nächsten Morgen wird er Zeuge, wie auf einem Mäuerchen eine fette Kröte einen gigantischen Haufen hinterlässt. Das, was sie immer für „Stachelschweinkot“ hielt. Noch ein Punkt für ihn, mit Tieren kennt er sich eben besser aus. Aber nicht mit Frauen: Sie glaubt jetzt, dass sie einen absoluten Blödmann geheiratet hat.

Es werden im Buch keine bedeutenderen Ereignisse geschildert als solche. Immer im durchaus eindrucksvoll gemeisterten Sound hochklassischen Erzählens. Darin muss wohl der Witz liegen. Ich fange jetzt wieder an zu vergessen, was drinstand, aber vielleicht nicht, dass ich bei der Lektüre nicht ein einziges Mal gelächelt habe.


Zitat:

Welch ein restringierter Code, diese Körpersprache! Da gab es nur wahre oder unwahre Aussagen, eigentlich nur wahre, da die Lügen ja doch immer gleich aufflogen - auf einmal kam ihm das ganze, nun schon fast zwei Jahre dauernde Verhältnis ganz unglaublich und ganz und gar unmöglich vor. Immerzu diese Direktheit der Körper! Ihre unveränderliche, schlichte Botschaft! Alles Aussagesätze: Ich begehre dich. Ich will dich. Wenn es nicht lediglich Befehlssätze der reduziertesten Sorte waren: Ja! Jetzt! Komm! Keinen Konjunktiv vermochten diese Körper zu bilden, zu keinerlei uneigentlichem Sprechen waren sie fähig. War eine ironische Erektion denkbar, ein ironischer Orgasmus gar?


[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2014-10-14)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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