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Rezensionen


 
Hajo Gies - Schimanski
Buchinformation
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Gies, Hajo:
Schimanski

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(Bücher frei Haus)

Alle 14 Filme auf 8 DVDs
Krimiserie

Horst Schimanski (Götz George) ist zum Inbegriff des coolen Bullen geworden und verkörpert wie kein anderer einen sympathischen Machotyp, dem man vielleicht nicht unbedingt seine eigene Tochter, sehr wohl aber die Großmutter anvertrauen würde. Es gibt ihn eigentlich erst seit 1997 und er verkörpert den Einzelkämpfer par excellance, der ebenso wie seine Kontrahenten seine eigenen Moralvorstellungen hat und diese auch in die Tat umsetzt. Das erlaubt ihm vor allem die Tatsache, dass er eigentlich stets a. D., also außer Dienst, steht und sich nicht so streng wie in der „Tatort“-Serie an die Paragraphen des Gesetzes halten muss. Als Schimanski macht er nicht nur „Dienst nach Vorschrift“, sondern ermittelt auf eigene Faust hinter den Kulissen mit seinen ganz eigenen Methoden. Der „Bulle mit Herz“ ist längst zur Kultfigur geworden und selbst die bekannterweise linke Tageszeitung „taz“ schrieb in einer Kritik: „Solche Bullen braucht das Land!“

In der ersten Folge der 14 Filme, die auf vorliegender Gesamtausgabe zu finden sind, mit dem Titel „Die Schwadron“, hat Schimanski die undankbare Aufgabe einen selbsternannten Rächer innerhalb des Polizeicorps das Handwerk zu legen, denn gegen Selbstjustiz sind auch die sympathischsten Polizisten nicht gefeit. Der Kontrahent, ein alter Freund Schimanskis, wird so also zur Reflexionsfläche seiner selbst: wie weit darf man gehen, was darf man gerade noch machen, um nicht selbst zum Verbrecher zu werden. Die Gratwanderung ist gefährlich und es gibt nur eine dünne Linie zwischen Gut und Böse, Liebe und Hass. Sympathisch macht Schimanski auch, dass er sich um die Tochter eines Freundes kümmert, also Elemente von „Leon“ hier genauso verarbeitet werden wie von „Nikita“. Auf das Grab des Freundes bringt er einen kleinen Kaktus oder schließt Autos kurz, spuckt, schlägt und verletzt seine Informanten, aber will sich am Ende auch gegen die Geisel austauschen. Schimanski ist eben nicht nur rau und steckt ebenso Schläge ein wie er austeilt, sondern auch zartbesaitet und bibelfest. Den Jungen wirft er vor, zu förmlich zu sein und legt sich sogleich im Kaffeehaus auf eine Sitzbank, wo er sogleich einschläft. Nicht zuletzt die Tatsache, dass er auf einem Hausboot in irgendeinem belgischen Kanal wohnt und sein Schrank voll mit Schimanski-Schmuddeljacken und sonst nichts ist, macht ihn zu einem integren Sympathieträger. Die Ruhrpott-Atmosphäre wird vom Kameramann durch verschiedene Einstellungen der Bohrtürme ausreichend intensiv vermittelt und man bekommt dadurch auch eine Ahnung davon, warum Schimanski so ruppig geworden ist, wie er nun einmal ist. Seine direkte Sprache, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt und Dinge beim Namen nennt, die einfach Scheiße sind, macht ihn als Projektionsfläche eigener diesbezüglicher Befreiungsversuche umso idealer.

In „Blutsbrüder“ wechseln sich harte Sprüche („Ich klapp` dir die Fingernägel nach links“) mit außergewöhnlichen Verfolgungsjagden und Fluchtwegen (zu Fuß durch die Waschstraße) ab. Schimanski muss einen Kronzeugen, der selbst ein Verbrecher ist, von Belgien nach Deutschland „transportieren“. Der Plot der Geschichte erinnert stark an einen Hollywood-Film, nämlich „Flashback“ mit Kiefer Sutherland (der Polizist) und Dennis Hopper (der Verbrecher), denn was auch im Laufe dieser Geschichte passiert, ist, dass sich die beiden immer sympathischer werden und die Gesetze bald außer Kraft gesetzt werden. Die Musik zu dieser Folge der Schimanski-Serie stammt übrigens von Chris Rea und kreist vor allem um den Song „Blu Cafe“, der mehrmals zitiert wird und am Zenit des Films sogar live in einem Konzertlokal zu hören ist. Horst Schimanski macht sich in dieser Folge wohl besonders bei Punks beliebt, wenn er während einer Zugfahrt mehreren Bierflaschen den Kronkorken abbeißt, bis der dann (genauso übrigens wie in „Flashback“) mit seinem Kronzeugen durch den Zug vor den Verfolgern fliehen muss. Eine Verfolgungsjagd kommt ja in jeder Schimanski-Folge vor, doch musste er wohl die wenigsten halb betrunken und in einem schlankernden Zug absolvieren. Bis es also zur krönenden Abschlussszene kommt haben die beiden „Blutsbrüder“ noch einige Abenteuer zu bestehen.

In „Hart am Limit“ (1997) sind es wieder „Ilse & die beiden Weicheier“ (O-Ton) die Schimanski um Hilfe bitten. Als Belohnung erhofft sich der Horst aber kein Geld, sondern einen neuen Dieselmotor für sein Hausboot. „Mit Komplimenten kommen Sie bei mir nicht weit“, sagt der charmante Ex-Polizist zu seiner Arbeitsbeschafferin. Schimanski nimmt also die geheime Verfolgung einer Terroristengefährtin im Auftrag des BKA an und hat erstmal Probleme mit dem Starten seines geborgten Autos, doch immerhin stellt er so schnell fest, dass er nicht der einzige ist, der die Terroristenbraut verfolgt: drei andere Autos starten vor ihm und nehmen die Verfolgung stattdessen auf. Aber Schimmi wirft so ein kleiner Lapsus nicht aus der Bahn, es ist wohl kein Zufall, dass er in einer der nächsten Szenen, in denen er Ilse über seine bisherigen Ergebnisse Bericht erstattet, sein Auto in den Leergang wirft, sich lässig auf die Motorhaube wirft und so neben seiner joggenden Arbeitgeberin locker dahinrollt, es geht ja schließlich abwärts. Wenn er sich dann wieder lässig und souverän in seine Dienstkarre wirft, weiß der Zuschauer wieder warum Schimanski der charmanteste Polizist seit Peter Falk ist.

Ganz schön politisch wird es dann gegen Ende dieser Folge und seine Worte passen eigentlich ganz gut auch zur aktuellen Terrorismusdiskussion um den neuen Stefan Aust Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Schimanski weiß nämlich auch hier zu punkten: „Habt ihr wirklich dran geglaubt, dass ihr die Welt mit Gewalt verändern könnt? Ihr seid die nützlichen Idioten für die Law & Order Typen, auf Euch haben sie gerade gewartet.“ Auf den Vorwurf der Terroristen die Polizisten würden immer nur die Linken verfolgen und die Rechten nie, antwortet Schimmi ganz politisch korrekt: „Den Schuh zieh` ich mir nicht an. Mir geht`s um die Methoden. Ihr müsst die Bomben in den Köpfen der Leute zünden, versteht ihr? Nicht unter ihren Ärschen...“ Als sich das Terroristenpaar dann endlich in einer V-Wohnung begegnet und die wenigen Stunden für ihre Liebe nützen wollen, erweist sich Schimanski sogar noch als galanter und großzügiger Beschützer des Terroristen-Liebespaares. „Lass` sie leben, lass` sie lieben. Sie haben nur mehr diese eine Nacht.“ Nach getaner Arbeit stimmt Schimanski in der Kneipe sogar noch die „Moorsoldaten“ an und zeigt sein Erbarmen gegenüber den Terroristen auch verbal: „Der Großvater war im Spanischen Bürgerkrieg, die Mutter Kommunistin und der Vater ein Arschloch.“ Was hätte da auch anderes aus dem Mädchen werden können? Harte Zeiten gebären eben harte Methoden. Das kennen wir ja schließlich auch von unserem Schimmi. In dieser Folge spielt übrigens auch Henry Hübchen, der BKA-Beamte Keller, mit und Anica Dobra mimt die vor Liebe blinde Terroristenbraut. In weiteren Rollen sind noch Nina Petri, die ihre Schwester spielt, oder Steffen Wink, der Modeltyp-Polizist, zu sehen.

Die Regie stammt von Hajo Gies, der für Schimanski schon zweimal den Grimme-Filmpreis in Gold sowie den Bayrischen Filmpreis erhielt. Das Bonusmaterial enthält u. a. ein Interview mit Götz George bei Beckmann, die Trailershow „Diamantendetektiv Dick Donald“ (GGs erster Ermittlereinsatz im TV) , eine Diashow und ein umfangreiches Booklet, in dem man ein Interview mit dem Hauptdarsteller, dem Regisseur und kurze Inhaltsangaben der einzelnen Folgen findet. Am 23. Juli d. J. ist Götz George übrigens 70 geworden, da er seine Stunts meist selber drehte, ist er körperlich so gestählt worden, das er auch heute noch – trotz geheimer Herzoperation - in guter Verfassung ist. Wer noch mehr „Schimmi“ haben möchte, dem sei auch „Die Gang“ empfohlen, weitere 690 Minuten (13 Folgen) des sympathischsten Bullen an der Seite von großen internationalen Stars wie Stacy Keach, Moritz Bleibtreu, Uwe Ochsenknecht und Dustin Nguyen, erschienen bei ARD-Video, wo man übrigens noch andere Werke mit Götz George findet.

Das Erste ARD
1300 Minuten Schimanski pur mit vielen Extras
und umfangreichem Booklet
Regie: Hajo Gies
www.ard-video.de

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2008-11-19)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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