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Michail Gorbatschow - Alles zu seiner Zeit. Mein Leben
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Gorbatschow, Michail  - Alles zu seiner Zeit. Mein Leben bestellen
Gorbatschow, Michail :
Alles zu seiner Zeit.
Mein Leben

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(Bücher frei Haus)

Hat der „Drachentöter“ Michail Sergejewitsch Gorbatschow etwa aus Liebe das Urviech besiegt? Kann man seine nunmehr zum vierten Mal vorgelegte Biographie als bloßen großen Liebesroman lesen und ihn unter diesem Stichwort in die Literatur des 20./21. Jahrhundert ablegen? Ist seine Biographie tatsächlich „nichts weiter“ als Literatur? Gorbatschow als Siegfried, denn für wen sonst hatte jener den Drachen getötet, um an die Liebe seiner Angebeteten zu kommen? Aber der Kampf mit dem Drachen dauerte etwas zu lange und so hatte er kaum noch Zeit sich seiner Raissa zu widmen, der er diese Ausgabe seiner Biographie widmet. Seine „Erinnerungen“ waren erstmals 1995 erschienen und beliefen sich auf ganze 1200 Seiten, darin war mehr von der deutschen Wiedervereinigung und der sowjetischen Außenpolitik die Rede. In der nunmehr auf zwei Drittel gekürzten Version seiner Biographie widmet der wohl größte Politiker des 20. Jahrhunderts, der politische Mensch schlechthin, seine ganz persönlichen Erinnerungen vor allem einer Person, seiner Frau Raissa, die 1999 einem Krebsleiden erlag. Gorbatschow gibt sich dafür schon auf den ersten Seiten seiner Biographie die Schuld, nicht aber, dass er ein ganzes System in den Abgrund riss und beinahe die Hälfte der Welt damit ins Chaos stürzte. Wie konnte ein Mann aus der Provinz, Stawropol, erst die Sowjet und dann die ganze Welt so radikal verändern? Der Bauernbub aus Priwolnoje, einem Dorf in der nordkaukasischen Steppe, ist sich sehr wohl seiner persönlichen, nicht aber seiner politischen Schuld bewusst, denn er hat sein persönliches Glück einer schweren Bürde geopfert: ein Mann hu sein, in der sich die Geschichte der Menschheit verdichtet (Jacob Burckhardt), und dem daraufhin, die ganze Welt gehorchte.
Vater und Sohn
Als sein totgeglaubter Vater aus dem Krieg zurückkehrte und den verarmten, verwahrlosten, „dünnen und abgerissenen“ kleinen Michail zum ersten Mal wiedersieht, ruft er „Und dafür sollen wir gekämpft haben?“ Tatsächlich war die Situation der Familie des Mähdreschermechanikers so wie die vieler anderer Russen auch nach dem Krieg noch lange Zeit verhehrend, trotzdem die Sowjet den Krieg ja gewonnen hatte. Michail und sein Vater waren wie Freunde, schreibt der Sohn des Mähdreschenmechanikers in seiner Biographie, und sie arbeiteten oft gemeinsam 14 bis 20 Stunden täglich bis zur totalen Erschöpfung. „Schwierigkeiten dieser Art prüfen den Menschen auf seine Festigkeit. Denn das wahre Wesen des Menschen offenbart sich nicht an den Tagen der Siege und Erfolge, sondern an den Tagen der Prüfungen“, so Gorbatschow. Die Sowjet hatte eine Auge auf solche fleißigen Bürger wie die Gorbatschows und verlieh dem Vater bald den Leninorden und dem Sohn den Orden des Roten Banners. Das neue Russland sollte einmal nur Spott und Hohn über haben, für den Mann, dem es eigentlich alles zu verdanken hatte. Aber diese Geschichte wird erst am Ende des Buches in aller Knappheit erzählt, denn der Aufstieg Michail Sergejewitsch Gorbatschows war keineswegs so einfach.
Lehr- und Herrenjahre
Seine erste Fahrt an die Moskauer Universität, wo er Jurisprudenz studieren wollte, begann schon mit einem Abenteuer. Bei der Verabschiedung von Vater und Sohn am Bahnsteig, vergaß ersterer ihm die Fahrkarte zu geben und so fuhr der Sohn schwarz in die Hauptstadt. In der Stadt selbst legte er jeden Tag sieben Kilometer mit U-Bahn, Straßenbahn und zu Fuß zurück, um zur Universität zu gelangen, da er in Sokolniki wohnte. Und obwohl Michail seine Raissa schon früh heiratete, durften sie im Studentenheim nicht im selben Zimmer übernachten, da Mädchen und Jungen nach Geschlecht in verschiedenen Wohntürmen untergebracht waren. Auch damals waren sie schon sehr arm und gaben ihr letztes Geld lieber fürs Kino als fürs Essen aus. Die Universität schloss er schließlich mit Auszeichnung ab und bekam sogleich das Rote Diplom, mit dem er sogleich voller Tatendrang in seien Heimat zurückkehrte. Über seine Studienjahre schreibt Gorbatschow zusammenfassend: „Das Bildungssystem unternahm alles, um ein kritisches Denken zu verhindern. Trotz dieses Systems aber führte die Masse des angehäuften Wissens etwa im dritten Studienjahr zu einem Punkt, da wir über das, was wir eigentlich schon gelernt und uns angeeignet hatte, in ernstens Nachdenken gerieten.“
Perestrojka und Glasnost
Gorbatschow verwehrt sich vehement gegen die Falsifikationen seiner „Jünger“, die ihm unterstellen, dass er das kommunistische System und die Partei schon von Anfang an von innen sprengen gewollt habe. Ganz im Gegenteil. Er wuchs als strammer Kommunist in die Nomenklatura des Systems hinein und zwar von ganz unten, da er eben ein Arbeiter- resp. Bauernsohn war, erfüllte er die Quote und konnte es so ganz nach oben schaffen. Er war schon in der Studentenzeit „ein idealer Kandidat für die `Optimierung´ der sozialen Zusammensetzung“, schreibt Gorbatschow und das sollte er auch später in der Partei und im ZK bleiben, aber dennoch hatte er eine entscheidende Qualität, die ihn unter allen anderen auszeichnete und hervorhob: er war stets der Jüngste. Die sowjetische „Gerontokratie“ war spätestens mit Breschnew ein unleugbarer Systemfaktor, der alle Reformen verunmöglichte und hemmte. Als letzterer 1983 endlich starb, folgten ihm 1984 Anow und 1985 Tschernenko. „Das System selbst lag im Sterben, es war vergreist und hatte keine Lebenskraft mehr“, schreibt Gorbatschow und so erfand er die „Perestrojka“, um vom System das zu retten, was noch zu retten war. Aber aus Boris Jelzin erwuchs ihm bald ein ebenso ebenbürtiger Gegner, wie es die sowjetische Nomenklatura noch beim Putschversuch im August 1991 für ihn gewesen war. Schließlich war Jelzin, dieser zuerst von Gorbatschow sogar protegierte junge Kommunist, der Sargnagel des Systems.
Das Duell
Aber Gorbatschow urteilt selbst seinem größten Gegner gegenüber milde. Der Mann, der ihn verleumdet und verschmäht hatte, sein ganzes politisches Werk zum Einsturz gebracht hat, erscheint in „Alles zu seiner Zeit“ eher als bemitleidenswerte Figur. Jelzin habe sogar einen Selbstmordversuch mit Schere inszeniert, nur um sich für eine Blamage im Politbüro reinzuwaschen, dann aber wieder heimtückisch die Zertrümmerung des Amtes des spräsidenten mit der Wahl zum russischen Präsidenten hintertrieben. Jelzins russischer Nationalismus war es schließlich auch, der der Sowjet das Genick brach und zu ihrer Selbstauflösung führte. Immerhin ohne Blutvergießen, wie Gorbatschow betont, mit Ausnahme der Beschießung des russischen Parlaments 1993 bei der 37 Menschen starben, wofür er Jelzin verantwortlich macht. Der bekennende Vodkatrinker Boris Jelzin sei wohl auch vom CIA unterstützt worden, deutet Gorbatschow an, denn dieser habe stets dem Raubtierkapitalismus gefrönt und wollte keinen sozialistischen Umbau (Perestrojka) der sowjetischen Gesellschaft, sondern dessen bedingungslose Zerstörung. Wen wundert es also, dass Jelzin das Duell gewann?

From Russia with Love
Auch wenn beim Duell Gorbatschow-Jelzin der Bessere verlor, haben sich die Ideen der Perestrojka dennoch verbreitet und einen weltweiten Siegeszug angetreten. Ihr war die atomare Abrüstung zu verdanken, eine blutlose Transformation des Systems und vor allem auch das Ende des Kalten Krieges. Gorbatschow wurde zwar auch auf demokratischem Wege abgewählt (1996 bekam er nur mehr 0,52% der Stimmen), aber genau das sei ja auch eine demokratische Errungenschaft, meint er am Schluss seines Buches. Undank ist der Welten Lohn? Gorbatschow wurde zu einer historischen Figur und seine wahren Verdienste werden wohl von zukünftigen Generationen – wahrscheinlich erst posthum - richtig gewürdigt werden. Um sein politisches Schicksal braucht man sich weit weniger Gedanken zu machen als um sein privates: Was nützte es einem Mensch, wenn er die ganze Welt gewänne und dennoch Schaden an seiner Seele nehme?

Michail Gorbatschow
Alles zu seiner Zeit
Mein Leben.
Aus dem Russischen von Birgit Veit
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2013
ISBN 9783455502763
Gebunden, 546 Seiten, 24,99 EUR

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2013-08-13)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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