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Mark Greif - Hipster - Eine transatlantische Diskussion
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Greif, Mark - Hipster - Eine transatlantische Diskussion  bestellen
Greif, Mark:
Hipster - Eine
transatlantische
Diskussion

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(Bücher frei Haus)

Als „hip“ wurde schon in den zwanziger Jahren in der Jazz-Szene die angesagteste Musik bezeichnet, auch das Adjektiv „hep“ oder „hop“ (Slang für Opiumpfeife) fand dabei seinen Anklang. „Hipi“ wiederum bedeute im Westafrikanischen „jemandem die Augen öffnen“, der erste der aber Hipster als Begriff verwendete, sei Boogie-Pianist Harry „The Hipster“ Gibson gewesen, der für sein 1944 erschienenes Album sogar einen „Hipster Blues“ geschrieben hatte. Allgemein anerkannt gilt auch die These des „White Negro“ als Grundstein für den Hipster. Norman Mailer hatte in den Fünfzigern ein Buch über Jugendliche der 20er (!) geschrieben, der sich die „existentialistischen Litaneien des Negers zu eigen gemacht habe“. Für Mailer war er ständig „ambivalent und dynamisch“, die Gegenwart, der Augenblick sei für ihn wichtiger gewesen, als die Zukunft. Andy Warhol könnte durchaus als Hipster durchgehen, da er Dingen neue Bedeutungen verlieh, während es ja die anderen waren, die die Rohmaterialien für seine Kunst produzierten. Auf dem Gebiet des Jazz könnte man vielleicht auch Thelonious Monk nennen. Allen gemeinsam sei jedenfalls, dass sie einen exklusiven Zugang zu irgendeinem Wissen hätten. In Ralph Ellisons stilbildendem Roman „Invisible Man“ (1952) wurde der Hipster als weißer Angehöriger einer Subkultur oder Boheme beschrieben, der sich vom Weißen an und für sich lösen wollte und das coole Wissen und die exotische Energie, die Lust und die Gewalt der Afroamerikaner erlangen wolle, so zitiert ihn zumindest Mark Greif in seinem Vorwort zur vorliegenden „transatlantischen Diskussion“ über den Hipster.

Inflation des Hipsters

Das „Transatlantische“ an der Diskussion über den Begriff „Hipster“ war u.a. die Tatsache, dass die beteiligten Diskutanten/innen immerhin an der renommierten New School in New York ihre Beiträge vorstellten und danach auch einen Band mit dem Titel „What Was the Hipster?“ nachreichten. Denn die in zahlreichen Statements beschworene Hipster-Ära ist eigentlich schon wieder vorbei und bezieht sich auf die Jahre 1999 bis 2011, wie im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe bemerkt wird. Aber ob deswegen auch der Hipster gleich tot gesagt werden kann, darüber scheiden sich noch die Geister, klar ist jedenfalls dass eine Uminterpretation des ursprünglich durchaus positiven Begriffes stattgefunden hat. Denn in der Debatte um den Hipster gäbe es viele Stimmen, die sich nach einer Zeit zurücksehnten, in der es angeblich substanzielle Unterschiede zwischen Underground und Mainstream gegeben habe, schreibt Jace Clayton in „Vampire von Lima“. Die Kritik am Hipster sei oft verbunden mit der Debatte um Gentrifizierung und urbanen Wandel, so Clayton, und moniert werde auch eine Rückeroberung der Innenstädte durch den weißen Mann, der ab den Neunzigern die dort angesiedelten Minderheiten wieder zurück in die Vorstädte vertrieben habe.

”Tight-pants-wearing-ass-niggas”

„Was uns in der weißen Vorstadt wirklich fehlte, war Kultur“, beschreibt Maureen Moe Tkacik ihre eigene Situation in der in der Publikation abgedruckten Podiumsdiskussion. Eine gewisse Sehnsucht und Nostalgie nach einer vermeintlich besseren Zeit in der Kindheit (70er) brachte wohl auch die Vintage-Ästhetik hervor und machte die Hipster zu den Bewahrern der gerade erst vergangenen Vergangenheit, so Manoah Finston. Jennifer Baumgardener wiederum bemängelt in „Williamsburg, Jahr null“ besonders die „magere Arschlosigkeit der Männer“, ob das aber repräsentativ für das ganze New Yorker Hipster Viertel Williamsburg ist, sei mit einem Fragezeichen versehen. „I’m a tight-pants-wearing-ass-nigga“ würden die Blipster (black Hipsters) tragenden Ninjasonik darauf wohl antworten. Hipster sein, sei vor allem eine „ästhetische Geste“, mehr nicht. „Ich bin ein schwarzer Junge“, schreibt Patric Evans im vorliegenden Band, „der weiße Jungs beobachtet. Das Hipstertum scheint mir die Reaktion einer Generation weißer Jugendlicher zu sein, die sich zwar der Machtkonstellation und der Ungleichheit bewusst seien, die sich aber auch sagen: `Nun, was sollen wir dagegen machen?´.“ „Well, what can a poor boy do?/Except to sing for a rock 'n' roll band/'Cause in sleepy London town/There's no place for a street fighting man“, war schon die Ausrede für Mick Jagger in den Sechzigern.

Protect me from what I want

„Man erkennt sie, wenn man sie sieht“, heißt ein weiterer Beitrag zur „transatlantischen Diskussion“, der mir vor allem deswegen als bemerkenswert erscheint, weil er von einer Frau stammt und diese in Bewegungen ja gerne untergebuttert – schönsprech: marginalisiert – werden. Dayna Tortorici, Redakteurin bei „n+1“, definiert die Hipster-Innen weniger über ihre körperlicher Erscheinung, als vielmehr über die Präsentation ihres Erscheinungsbildes und den Medien, die sie zur Selbstdarstellung nutzen. Interessant ist ihr Beitrag auch deswegen, weil für sie der Niedergang der Polaroid Corporation (2001) mit der Geburt des Hipsters quasi zusammenfällt. Denn obwohl mit dem Ende der SX-70 auch das Ende einer Ära eingeleitet wurde, wurde die Ästhetik der Digitalfotographie wesentlich von Polaroid beeinflusst. Wer hatte Polaroids denn vor allem verwendet? Im Model-Business für Karteikarten, in der Amateur-porno-graphie, der Polizeiarbeit: …genau diese Mischung zwischen „Ironie und Nostalgie“ sprach auch den Hipster an. „Das Beste an dem Ganzen war allerdings, dass es zwei paradoxe Ansprüche auf einmal erfüllte: den Wunsch nach einer gewissen Lo-Fi-Rohheit und zugleich nach der Möglichkeit, ein bestimmtes Selbst zu konstruieren. Erstmals konnte man Spontanität konstruieren, indem man das Foto wieder löschte und sich erneut inszenierte.“

I don`t want, what I haven`t got

Der „Ressource Mobilisation Approach“, der von Dayna Tortorici indirekt angesprochen wird, geht davon aus, dass die zur Verfügung stehenden Medien oder Ressourcen und Produktionsmittel wesentlich auch an der Ästhetik einer Bewegung beteiligt sind, vergleiche dazu etwa den Rank Xerox-Kopierer und die Ästhetik des Punk. Bei den Hipstern könnte es sich ähnlich verhalten haben. Selbstfotografie wurde zu einer etablierten kulturellen Praxis, die für die (Selbst-)Konstruktion einer Online-Persönlichkeit so wesentlich war, wie eine Liste von Lieblingsfilmen oder –büchern. Für Mark Greif, der in diesem Band sogar einen Nachruf auf den Hipster verfasst hat, haben die Hipster vor allem eines gemeinsam: sie wurden alle in den 70ern geboren oder haben zumindest einen Großteil ihrer Kindheit in diesem Jahrzehnt verbracht. Sie würden keine Kunstwerke produzieren, sondern Produkte „machen“. Die Secondhand-Klamotten, die sie trügen, wären teurer als neue Hemden und ihr Lebensstil würde insgesamt mit Kreditkartenschulden finanziert. Alles würde von ihnen in Transgression verwandelt, obwohl es eigentlich nur Konsumismus sei. Für Mark Greif war der Hipster nur so etwas wie ein Mittelsmann zwischen der Straße und den Marketing-Abteilungen der Konsumgüterindustrie. In „Gegenwärtigkeit als Phantasma. Über den Hass auf den Hipster“ schreibt Jens-Christian Rabe jedoch, dass neben der Substanzlosigkeit und der vermeintlich extremen Konsumaffinität dieser Existenzen noch ein wesentliches anderes Element die Hipster auszeichnen würde. Laut Harper’s sei er „der einzige radikale Nonkonformist seiner Generation, (…) ein Rebell, der sich im Hintergrund halte und sich mit seiner magischen Ausstrahlung begnüge.“ Hipster zu sein sei eine Haltung, Genialität hingegen eine überragende Fähigkeit. Es sei gut möglich ein Genie zu sein, aber kein Hipster. Und umgekehrt.

Zukunft = Zumutung

Heute würde die unmittelbare Verfügbarkeit alles Alten und die Gleichzeitigkeit alles Neuen, also der absolute Überfluss, herrschen, schreibt Rabe in dem meines Erachtens besten Beitrag zum Thema. Der Medientheoretiker Marshall McLuhan habe schon 1967 vorweggenommen, was Rabe als das eigentliche Problem betrachtet: „Man muss immer teilhaben an allem, was gleichzeitig passiert. Und das ist kein Standpunkt.“ Erstmals seit langem sei die Zukunft kein Versprechen mehr - so Rabe - sondern für die eigene Geistesgegenwart und Aufmerksamkeitsökonomie eine echte Zumutung. Wie kein anderer verkörpere der Hipster die Grundbedingung des Daseins im Angesicht der digitalen Revolution: die Notwendigkeit permanenter persönlicher Veränderung bei der Synchronisation mit den Zeitläufen, die immer stärker und schneller das Internet prägt. Einen darüber hinausweisenden normativen Kern des Konzepts gibt und gab es nicht, aber gerade das macht seine nicht enden wollende Aktualität aus.“ Die Zukunft ist und bleibt also eine Zumutung, ob mit oder ohne Hipsters. „You don`t need a weatherman, to know which way the wind blows“ (Bob Dylan: „Subterranean Homesick Blues“, 1965) war das nicht schon eine sehr frühe Absage an Hohepriester und andere Leute, die behaupten würden, zu wissen, wo es lang ginge? Eben!

Hg.: Mark Greif
Hipster - Eine transatlantische Diskussion
Erschienen: 23.01.2012
Broschur, 208 Seiten
ISBN: 978-3-518-06173-2

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2012-06-17)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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