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Andrea Grill - Tränenlachen
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Grill, Andrea:
Tränenlachen

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(Bücher frei Haus)

„Du redest wie Schnee, hast du manchmal zu mir gesagt, wenn dir unklar ist was ich meinte, oder wenn es wieder einmal ganz unfriedlich gewesen ist zwischen uns. Zum Glück machst du ab und zu einen Schneeball daraus.“ Andrea Grill schreibt in „Tränenlachen“ einige Brief an ihren albanischen Freund, einmal aus Genova, ein andermal aus Uppsala. Am Ende steht einer aus Tirana. Von Galip. „Une jam shqiptar“ (Ich bin ein Albaner) habe dieser einmal gegenüber der Grenzpolizei gesagt und damit ein Europa angesprochen, an das man heute gar nicht mehr zu denken wagt, denn die Grenzen existieren noch, auch wenn sie sich stündlich verschieben. Zwischen den Menschen gibt es diese Grenzen auch, aber es sind keine geographischen, politischen oder religiösen Grenzen, sondern die Grenzen zwischen Mann und Frau, egal welcher Nation oder Kultur man angehört. Die unterschiedliche Wahrnehmung der Geschlechter in der Liebe von der Liebe. Auf die Schmetterlinge im Bauch folgt das Magengrimmen, auf den Rausch der Kater. Auch wenn es dann nur eine grüne Katze wird. Auf Albanisch zumindest.

„Wenn man etwas lange und häufig sieht, verliert es an Konsistenz, wird unsichtbar. Anhaltende Anwesenheit lässt verschwinden.“ Ist es das, was Fernbeziehungen so angenehm romantisch und leidenschaftlich macht? Die ständige Abwesenheit des anderen erschafft einen Heiligen, einen Altar auf dem man seine eigenen Unzulänglichkeiten opfert und zu einem besseren Menschen wird, als der, der man eigentlich ist. In Anwesenheit des anderen dann nur die besten Seiten zeigen, bis alles wieder verschwimmt, man sich ineinander auflöst, die Konturen verwischen und es wieder eine Woche braucht, bis man sich in der Abwesenheit des anderen wieder selbst findet, um wieder aufs Neue vor dem Altar des Allerheiligsten zu knien. Der abgöttisch verehrten Fernbeziehung. Dem Hang zu einem besseren Selbst. Auch das ist kein Leben. Weder das Leben in Fernbeziehungen, noch das in Beziehungen.

„Ich liebe dich, hast du mir immer abzwingen wollen, am Telefon, besonders wenn andere in der Nähe standen. Jetzt sag`s schon, sag es einfach hast du gedrängt. Ich hab es nie gesagt. Nicht einmal wenn keine anderen dabei waren. Völlig unzureichend ist es mir vorgekommen, als hätte ich es irgendwo kopiert. Künstlich wie ein Blumenstrauß aus Plastik. Den hätte ich dir auch nie gekauft. Te dua hingegen hat genau gepasst.“ Aus dem Briefe schreiben wird bald ein Buch und daraus ein Dialog mit dem anderen, der unerreichbar scheint, jetzt wo die Grenzen wieder intakt sind, sowohl die geographischen als auch die zwischenmenschlichen, die politischen wie die emotionalen. Eine Trennung kann dazu führen, Dinge aussprechen zu wollen, die man vorher selbst noch gar nicht wusste. Aber plötzlich ist alles ganz klar. Es hatte sich ja schon so angekündigt. Mehr oder weniger kennt man den Schluss schon von Anfang an. So wie es begann, hört es auf.

„Macja eshte jeshile“, die Katze ist grün, war der erste Satz, den die Autorin in der Fremdsprache lernte und sie wirft ihn aus, wie einen Anker für sich selbst, denn das ist es doch was die Leser von einem erwarten, einen Anker in den stürmischen Zeiten, den heroischen Zeiten, vor denen uns die Chinesen schützen wollten und stetig warnen. „Wer nichts zu verlieren hat“, schreibt sie, „der lässt das Herz offen wie eine Tür, wirft den Schlüssel weg. Den braucht er gar nicht. Wer viel zu verlieren hat, sperrt sich ein“. Man könne den andern ja eine gute Weile klopfen lassen und dann, mit Sicherheitskette einen schmalen Spalt der Türe öffnen. Aber so wird man nie des andern gewahr. Und „Tränenlachen“? „Ich weine nur, wenn kein Anlass dazu besteht. (...) Das ist keine Absicht, die Tränen springen einfach aus mir heraus. Besonders wenn ich lache. Das hat dich immer amüsiert.“

„Mos qaj, mos qaj, kokoshe“ heißt es im Albanischen, „Wer wird denn weinen, my darling?“ Und bald lache man ein Lachen, das keinen Spaß mehr verstehe. „Ti je djeli qe ndryqon ne boten time“: Du bist die Sonne, die in meiner Welt scheint! Aber dann wieder das Gefühl, wir vergeudeten unser Leben an Grenzpfosten, schreibt Andrea Grill. „Die Welt bricht auseinander, wenn wir uns trennen, hast du gesagt.“ Am Ende steht ein Brief aus Tirana. „Die Liebe ist nur eine Frage der Disziplin, in meinem Alter zumindest“, schreibt er, Galip. Kastanienkinder seien sie gewesen, die stachelige Schale abgeworfen und doch darunter? Taschenschmeichler? Glücksbringer für den bevorstehenden Winter, in dem wieder Schnee fallen wird, der alles unter sich begräbt, all die schönen Erinnerungen des Sommers, des Herbstes. Andrea Grill hat Albanien nicht nur bereist, sie hat auch dort gelebt, die Sprache gelernt und ihren ersten Granatapfel dort erhalten. Es war nämlich gar kein Paradeiser, damals im Paradies. Ein Roman über die Liebe und die Schmerzen einer Trennung, die Grenzen im Kopf und die zwischen Ländern und Kulturen. Das Land der Skipetaren als Projektionsfläche der eigenen Empfindungen und Wünsche nach einer besseren Welt. Die Liebe in Zeiten des Blätter fallenden Herbstes. „Mir ist oft vorgekommen, als hätten wir zwei miteinander immer im Herbst gelebt.“

Andrea Grill
Tränenlachen
Roman

Otto Müller Verlag
www.omvs.at
208 Seiten
ISBN: 978-3-7013-1153-8
19.00.-

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2010-02-24)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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