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Rezensionen


 
Wassili Grossman - Leben und Schicksal
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Grossman, Wassili:
Leben und Schicksal

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(Bücher frei Haus)

"Das Leben verdorrt dort, wo man mit Gewalt versucht, seine Eigenarten und Besonderheiten auszulöschen" - so steht es auf der ersten Seite des Buches, welches selbst die Gewalt des kommunistischen Staates erleiden musste: Im Februar 1961 wurde Wassili Grossmans Manuskript von Mitarbeitern des KGB beschlagnahmt, nachdem es der Autor im Oktober des Vorjahres dem Verlag Snamja zur Veröffentlichung vorgelegt hatte. Konnte Grossman tatsächlich geglaubt haben, dass sein großer Roman über Stalingrad nur die geringste Chance auf eine Veröffentlichung im sowjetischen Reich des Bösen besäße? Schwerlich, denn Grossmans Buch verteidigt die vom Totalitarismus zerfressenen Rechte des Individuums, macht sich zum Vertreter des menschlichen Strebens nach Freiheit, sucht nach persönlichen Wahrheiten, die es in der von Lenin begründeten Diktatur nicht mehr geben durfte, denn es gab ja nur noch eine Wahrheit, genannt die Leninsche: die des allmächtigen Staates.

Der Kommunismus sowjetischer Prägung hat die Fähigkeit, sich selbst zu reproduzieren, in den letzten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts verloren; er ist wie das Gespenst, das Karl Marx einst heraufbeschworen hat, fast wie über Nacht verschwunden, aber es spukt noch in den Köpfen der Menschen, die mit ihm gelebt und unter ihm gelitten haben, nicht immer direkt, oftmals unbewußt - durch Lebenserfahrung verhärtete Verhaltensmuster, totalitäre Traditionen -, und die Schäden sind nach wie vor präsent: Millionen deformierte Seelen mit einer ebenso verkrüppelten Moral...
Die Gesellschaften Osteuropas werden noch Jahrzehnte brauchen, bis die Wunden der Vergewaltigung des Menschen durch den Kommunismus geheilt sein werden. Und dabei können Bücher wie Grossmans "Leben und Schicksal", die heute für den Sieg des Menschlichen über unmenschliche Systeme stehen, - da sie nun endlich einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht sind - , helfen. Diese Bücher geben dem Leser mit einer Vergangenheit, die im kommunistischen Machtbereich lag, die Möglichkeit, reflektierend Herr über die eigene Geschichte zu werden, da sie diese wieder präsent machen.

Im Zentrum von Grossmans Roman steht rein formal die kriegsentscheidende Schlacht um Stalingrad, der Anfang vom Ende der Vorherrschaft des Hitler-Faschismus über Europa; aber es sind natürlich die Leben und Schicksale der Menschen, welche in ihrer Beschreibung den eigentlichen Inhalt des Buches abgeben. Es sind die tapfer ausharrenden sowjetischen Widerstandskämpfer in einem eingeschlossenen Haus, der nach vielen Erfolgen kapitulierende Paulus, der die Deutschen in die Ukraine zurückdrängende Panzergeneral mit seiner untreuen Geliebten, die Gefangenen in den faschistischen Konzentrationslagern, die Gefangenen im sowjetischen Gulag, die Täter und Opfer zweier totalitärer Systeme.
Grossman hat seinen Roman unwahrscheinlich breit angelegt, über vier Seiten geht schon das Register der handelnden Personen, an einigen Stellen sicherlich zu breit, aber was soll man heute, da dies wie eine zweite Zensur erscheinen würden, noch kürzen - das hätte 1961 geschehen müssen. Und so kann man die wenigen Seiten, die etwas unfertig und überflüssig wirken, weil sie zu weit an der Peripherie der liegen, schnell überfliegen.

Bedeutende Konflikte spielen sich um die Figur des sowjetischen Atomphysikers Strum ab. Strum erringt einen großen wissenschaftlichen Erfolg, der in seiner Umgebung zuerst positiv aufgenommen wird, es geht sogar die Rede davon, dass er für die größte staatliche Auszeichnung - den Stalin-Preis - vorgeschlagen werden soll... Aber die Vorwehen der Kampagne gegen den Kosmopolitismus haben bereits eingesetzt. Strum ist "Kosmopolit", d.h. er ist Jude, auch wenn es ihm bis dahin nicht richtig bewusst gewesen ist. Jetzt merkt er es, weil ihm der staatliche Antisemitismus plötzlich eine Hürde nach der anderen errichtet, bis die Situation eskaliert und Strum seiner Arbeit im Institut nicht mehr nachgehen kann. Erst das Eingreifen der höchsten Hand bringt Strum zurück in sein Kollektiv (Atombombe geht vor Antisemitismus) - dieses Kollektiv, in dem niemand ein echtes Rückgrat bewiesen hat und in dem jeder nur an sein eigenes Überleben, seine Vorteile denkt. Strum ist den Weg von der Koryphäe zum Aussätzigen zur Koryphäe gegangen. Es ist wie mit einem elastischen Stück Plaste: Irgendwann bricht es doch...

Sich die Menschen gefügig zu machen, sie zu brechen, ihnen das Menschliche zu nehmen war das oberste Ziel des praktisch gewordenen Kommunismus. Am deutlichsten wird dies bei Grossman in der Figur des Kommissaren Krymow. Krymow stammt noch aus der Leninschen Garde, den millionenfachen Mord in den 1930er Jahren, die Kollektivierung und die Große Säuberung, hat er mitgetragen, im Zweiten Weltkrieg hält er die ideologische Richtung weisende Vorträge, überwacht das politische Bewusstsein von Soldaten und bringt es wieder auf die einzig wahre Linie - aber das System, dem Krymow dient, wählt sich seine Opfer, wie es will: Es wird ihn in die Ljubjanka werfen und dort foltern lassen. Vielleicht tötet es ihn auch. Einfach so.

Die erste vollständige deutsche Ausgabe von "Leben und Schicksal" erschien 2007. Das ist spät, aber nicht zu spät. Das Papier, auf dem Schriftsteller schreiben, ist manchmal sehr geduldig, und so reiht sich Grossmans Roman dort ein, wo schon andere "späte" Werke wie Andrej Platonows "Tschewengur" oder Boris Schitkows "Wiktor Wawitsch" stehen. Mahnende Zeugen.

[*] Diese Rezension schrieb: Arne-Wigand Baganz (2008-10-05)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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