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Martin Gülich - Septemberleuchten
Buchinformation
Gülich, Martin - Septemberleuchten bestellen
Gülich, Martin:
Septemberleuchten

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(Bücher frei Haus)

Warum muss der Literaturbetrieb eigentlich alles, was sich verkaufen soll, als Roman bezeichnen? Martin Gülichs "Septemberleuchten", im Herbst 2009 bei Nagel & Kimche veröffentlicht, ist eher eine längere Erzählung, rund 120 Seiten kurz. Weniger noch, ein Protokoll, durchgehend im Konjunktiv abgefaßt, wie die Wiedergabe eines Polizeiberichtes, freilich von unaufdringlicher sprachlicher Eleganz, fast ein wenig altmodisch. Das Thema, das dabei behandelt wird, ist stets aktuell und wird es bleiben, solange es menschliche Gesellschaften gibt, die den Namen verdienen: es geht um Zivilcourage. Im Fall von "Septemberleuchten" steht die Relativierung eines Verbrechens bis hin zu seiner Rechtfertigung im Zentrum. Die Geschichte ist im Grunde schnell zusammengefasst: bei einem Grillabend an einem einsamen See demütigen drei Männer einen Vierten zunächst psychisch, dann physisch und töten ihn schließlich. Das Beziehungsgeflecht zwischen den Männern wird im Grunde nur angerissen, über die Hintergründe und tatsächlichen Abhängigkeitsverhältnisse der Täter untereinander und ihre Beziehung zum Opfer erfährt der Leser so gut wie nichts. Trotzdem, oder besser: gerade deswegen ist das Buch ungemein spannend. Aus der Sicht von Kron, einem der Mittäter, der durch seine anfängliche Passivität den Zeitpunkt der offenen Parteinahme für das Opfer, stark entpersonalisiert nur "der Mann" genannt, verpasst und in der Folge immer mehr zum Komplizen von Gerland und Vanek, den beiden anderen Peinigern wird, spult sich das Geschehen vor dem Hintergrund einer imaginären Vernehmung noch einmal ab. Kron findet im Nachhinein Entschuldigung über Entschuldigung für sein Verhalten, gesteht bis zum Schluß seine Mitschuld nicht ein. Als Alphamann tritt Gerland auf, psychisch wie physisch offenbar der stärkste der vier handelnden Personen. Vanek und Kron lassen sich von ihm gegen "den Mann" aufstacheln, übernehmen zeitweise sogar die Initiative, sind schon schnell mehr als reine Mitläufer. Die wechselnden Fronten, die sich im Verlauf des Abends und der Nacht ergeben, sind ein Lehrstück in Sachen Gruppendynamik. Es steht zu vermuten, dass keiner der drei allein das Verbrechen begangen hätte. Keiner, auch Gerland nicht, kann sich zu jeder Zeit sicher sein, nicht vielleicht selbst plötzlich zum Opfer der anderen zu werden. Rudimentäres männliches Machtstreben und ebenso rudimentäre menschliche Angst werden zu Triebfedern des Handelns. Der Protokollstil, den Gülich nutzt, meißelt diese Thematik schlaglichtartig aus der Handlung heraus und erzeugt eine fast schon perfide Sogwirkung: angeekelt, aber fasziniert wird man das Buch nicht vor dem Ende aus der Hand legen können. Am Schluss bleibt ein ratloser Leser zurück, der sich fragen muss, wie er sich wohl in einer vergleichbaren Situation verhalten hätte.

[*] Diese Rezension schrieb: Marcus Neuert (2010-06-02)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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