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Wolf Haas - Silentium!
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Haas, Wolf:
Silentium!

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(Bücher frei Haus)

Es ist ein merkwürdig Ding um Krimiserien: Man kommt immer wieder darauf zurück, weil‘s beim vorigen Mal ja so schön gewesen war - aber dann ärgert man sich, dass es ewig derselbe alte Käse ist.

Momentan weiß ich noch nicht, ob ich den vierten Krimi aus der Serie um den österreichischen Ex-Polizisten Simon Brenner, trotz seines Renommees, trotz der Verfilmung, tatsächlich am ärgerlichsten finde (von den bisher gelesenen) - oder eher den hierauf folgenden „Wie die Tiere“ (2001).

Eigentlich egal, es ist sowieso wieder alles da. Der etwas unklare Auftrag am Anfang der Erzählung: Was der Brenner überhaupt herausfinden bzw. welchen abgängigen Menschen er wiederfinden soll. Die kleine Runde karikierter Berufsstand-Figuren (hier sind es Priester, in anderen Folgen Gasthofwirte, Galeristen oder Zuhälter), in der man als Leser, hat man begriffen, dass in den Brennerstückchen der Mörder oft dicht dran ist an dem, der den Detektiv „einfliegen lässt“, den Täter nach ein paar Seiten halb erschnüffelt, aber längst nicht versteht, auf welch eine phantastische Weise die - sowieso noch erst zu erzählenden - drei bis fünf Vorgeschichten zum Fall zusammenhängen werden. (Haas kriegt dann aber stets alles in seine Buch-Box hinein gedrückt, was das heiß laufende Kabarettistenhirn sich an grotesken Fabeln ausdenken kann.)

Der Ort ist heuer Salzburg, ein mit viel Geld versehenes katholisches Knabeninternat, in dem der jetzige Topaspirant fürs Bischofsamt dem einen oder anderen Zögling vor Jahren beim Duschen zu nahe getreten sein könnte. Das Lied, das - wie immer - dem Brenner im Kopf herumspukt und die Lösung vorher schon kennt, ist „I’m crazy about girls“ von Doctor Feelgood. Welche aberwitzige Eselsbrücke dieser Text für die Ermittlungen bedeuten kann, verschweigen wir dem Leser.

Eigentlich sollte man, wenn man andere Brenner-Bücher gelesen hat, irgendwie vorhersehen, dass der Brenner es sein wird, dem man am Ende unter der Dusche zu nahe tritt. Nachdem ein halbes Buch lang weder der Leser noch der Brenner irgendetwas kapiert haben, überfällt den Brenner dann ja immer, knapp vor dem Leser, knapp vor dem Showdown, die Ahnung, wie alles zusammenpasst. Anschließend rennt er jedes Mal gleich in die Höhle des Täter-Löwen hinein, käme dort zu Tode, bzw. bekommt sowieso meist was abgeschnitten, einen Finger, ein Stück Nase oder Ohr, dann taucht aber immer der einzige wahre Freund auf, den er sich in der Handlung zusammengesammelt hat, ohne es bis jetzt zu ahnen.

Engagiert von den Kunden wird der Brenner praktisch nie wegen der Mörderei, die sich dann abspielt, sobald er eingetroffen ist, sondern für eine vergleichsweise nebensächliche Angelegenheit, die später keinen interessiert. Also geht’s hier nicht um den Minderjährigenmissbrauch des Bischofanwärters, bzw. ob es ihn je gegeben hat, sondern um einen Mädchenhandel mit Asiatinnen unterm Dach der allein selig machenden Cattolica. Arme Menschen werden vom Mönchsberg herunter durchs offene Dach auf die Probebühne der Salzburger Festspiele gestoßen. Mütter morden, damit die Taten ihrer Verbrechersöhne nicht aufkommen. Und um den sadomasochistisch perversen Opernsänger, um den es zumindest teilweise im gleichnamigen Film ging, geht es aber auch schon überhaupt nicht.

Wie jedes Mal beim Brenner wird das erste halbe Buch lang die Geschichte als eine längst abgeschlossene von einem Zeugen ohne Namen nachträglich erzählt und der befleißigt sich wieder dieses kuriosen Erzählstils („sprich / der Brenner / wenn du heute einen Hut aufhast / weil das dem Buben vielleicht nicht so geschadet, daß man ihn gedingt“) und wieder hängt mit einem Mal die komplette Auflösung vor einem in der frischen Luft, sobald der Brenner den Absprungbalken verlassen hat, aber dieses Mal ist da der Roman längst noch nicht fertig, was irgendwie nicht gut ist.

Jetzt geht’s nämlich eine Weile noch um den Ex-Knacki René und der befindet sich in der Geschichte einer Exekution, deren Opfer zwar ein Schwein ist, aber so lustig wie das sein soll, ist dieses Exekutieren halt nicht. Auf einmal siehst du die Peinlichkeits-Demarkationslinie auf dich zurasen wie vorher die oberbayerische Gemeinde Petting. Wie sonst in Brenner-Romanen aber ja nicht! Da hat er sich vielleicht zu schlampert an die guten künstlerischen Ratschläge des Monsignores Schorn gehalten, der Wolf Haas.

Zitat:

Jetzt hat er sich am Heimweg über den rauschenden Kapuzinerberg steif und fest eingebildet, daß der Monsignore Schorn seine Rede gar nicht für die Partygäste gehalten hat, sondern ausschließlich für den Brenner, sprich letzte Warnung. „Es ist mir eine besondere Freude“, hat der Monsignore Schorn seine Rede begonnen, „daß gerade die größten Künstler der Welt nicht die Ärmsten der Armen vergessen. Niemand weiß so gut und aus so tiefer eigener Erfahrung, daß die größten Werke des Menschen aus dem Verzicht entstehen. Nur der Dilettant greift wollüstig nach allem, was ihm in die Finger kommt. Zur Kunst aber findet ein Werk erst in der Selbstbeschränkung.

Zusatzinformation: Liest man im Internet ein wenig über „Silentium!“ nach, wird man, wegen den Gemeinsamkeiten Salzburg und kirchliches Internat, ständig darüber stolpern, der Krimi wäre „in bester Thomas-Bernhard-Tradition“ verfasst. Dazu eine Warnung: Mit dem historischen Dichter Bernhard, dessen Lebensgeschichte und auch mit dessen literarischem Vorgehen hat „Silentium!“ nichts, aber auch wirklich gar nichts gemein.

[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2015-07-26)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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