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Rezensionen


 
Wolf Haas - Der Brenner und der liebe Gott
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Haas, Wolf:
Der Brenner und der
liebe Gott

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(Bücher frei Haus)

Ach ja, du, der Brenner und die Manier vom Eine-Geschichte-nicht-Erzählen!

Sagen wir so: Dieses Mal sind wir zerrissen, denn er ist - als ehemaliger Polizist - von einer umstrittenen Wiener Abtreibungsärztin als Fahrer für ihr kleines Mädchen eingestellt worden. Das Buch ist also halb in Wien und halb nicht in München, da ist nur der getrennt lebende Vater ansässig, der hat aber ein Berghaus mit riesiger Sickergrube oberhalb von Kitzbühel und darum fahren wir jetzt hin und her. Weil, man will doch immer gleich wissen, wo ein Brenner spielt.

Und der ist aber der Riesenbaulöwe nur in Wien, wo sie ein Stück vom Prater mit einer Betonlandschaft zuspachteln wollen. Und, kannst dir schon denken, da gehören auch die Freunde und Berghüttenmitbenutzer dazu, also mit Après und Strip und alles. Also der korrupte Politiker von den Konservativen, der sich am Roten Wien rächen möcht, der Bankier und noch ein Oberbauingenieur oder so in der Art. Jetzt wunderst dich schon, dass es sonst immer gleich kurz, Schlag auf Schlag, an die zehn Kabarett-Figuren sind bei den Brenner-Geschichten, damit, bevor du dir nur einen davon plastisch vorstellen und auseinanderhalten kannst, reihenweises Morden und Sterben angeht und du musst trotzdem ja genug behalten, damit zum Schluss mehr als einer über ist, weil der Brenner hinterm Falschen her ist und in die Falle vom Richtigen hinein.

Jetzt, wie du gemerkt hast, es sind ja jedes Mal mehrere Geschichten ineinander geschoben. Darum wundert dich ja auch, dass es nur diese eine Tochter von der Ärztin ist, die dem Brenner beim Schokoladeaussuchen im Tankstellenshop auskommt und weg vom Erdboden. Und der ding, nein, halt, ding hat der Haas jetzt nicht mehr, das hat er mit seiner Verwechslung von ding und Dings am Ende von „Das ewige Leben“ (2003) ein für alle Mal abgestellt ... der Knoll also.

Dessen Abtreibungsgegnerbewegung will ihr ihre Praxis zusperren, da haben die gleich das Haus gekauft und drin die Überwachungsanlage, wo irgendwas auf dem Band zu sehen sein könnte. Und der Knoll ist der auch, der einen Schrebergarten am Prater gekauft hat, damit er das Riesenbauprojekt von ihm, also dem derzeitigen Brenner-Chef („noch“, kennst es ja), stoppen darf. Dann hat der Knoll außerdem noch ein Interesse, diese minderjährige Zwölfjährige zu finden, von der er weiß, dass sie, die derzeitige Brenner-Chefin, bei dem Mädel illegal einen Abbruch gemacht hat, sprich, wer der Vater war. Diese Zwölfjährige ist verschwunden und vielleicht auch schon entführt, nämlich Jugo-Gangster kommen vor. Und einer von den drei Kitzbühel-Hütten-Baulöwen-Bergkameraden, auf die du, gib’s zu, wieder zu wenig aufgepasst hast, obwohl es doch sehr auffallend wenige gewesen sind, drei, ist jetzt der Vater oder der von dieser Kleinen, weißt schon. Und die Mutter natürlich noch, die Mutter muss es ja wohl schon auch noch wissen, wer der Vater ist.

Das wirst du unübersichtlich, aber drollig erzählt nennen, ein typisches Brenner-Abenteuer. Mich wirst du kennen, ich, die Hauptattraktion von jedem Brenner-Buch, die Stimme, die - wenn möglich - dir jedes Kapitel 100% hindurch nicht (!) erzählt, was du Neues dort drinnen mitkriegen solltest, sondern dafür die jetzt nicht zu übergescheiten „Blödeleien“, weil Geschmackssache. Was in Wirklichkeit grad geschehen ist, kriegst du hinterher in zehn Zeilen dann immer dranpappt, weil, Krimi heutzutage, es will doch keiner lesen, frag nicht.

Aber was ich dir dieses Mal vorher sagen muss: Der Brenner trifft wieder so eine Frau. Eine Südtirolerin, eine Wiener Südtirolerin. Darum sagt sie: „Das hab ich gleich gemerkt, dass du nicht der Schnellste bischt.“ Weil Liebe, aber nicht zugeben, weil alte Leute. Sie kauft sich dann am Ende einen VW-Bus, sie hat aber keinen Führerschein. Also, hast du gemerkt, gleiches Ende wie bei „Das ewige Leben“, Graz, andere Frau, mehr Geld. Wenn sie es nachher verfilmen mit dem Josef Hader (was ich mir wirklich wünsche, die waren immer spaßig und kürzer wie die Haas-Bücher), wird sich der Haas bis dorthin noch eine richtige Handlung mit noch einmal halb so viele sonstige Personen und Geschichten ausdenken, die er da dazuschreibt. Da wirst dich nicht mehr wundern, dass er bis Seite 90 von seinem 220-seitigen Buch dir keinen einzigen Toten vorgezeigt hat (sprich nur immer tut: am Ende fünf Tote aber). Man noch nicht mal weiß, ist die Kleine jetzt überhaupt gekidnappt oder shoppen, weil der Brenner mit dieser Schokolade so lang braucht. (Schokoladentafel gleich Titelbild, jetzt weißt das auch gleich.)

Weil pausenlos ich nämlich spreche, sprich Mysteriöser-Erzähler-Stimme, so blödele und du weißt ja, ich verrate dir nix Relevantes, sprich rein Danebenes.

Zitat:

Aus Erfahrung hat er gewusst, man muss sich in so einer Situation einfach möglichst weit aus dem Fenster lehnen, sich in eine Gefahrensituation bringen, dann schwimmt auf dem Adrenalin schon ein guter Spruch daher. Und darum hat er einfach einmal, während die Frau schon am Chipsregal vorbei Richtung Zeitungsregal und am Zeitungsregal vorbei Richtung Zubehörregal und am Zubehörregal vorbei Richtung Tür geflogen ist, auf so eine Art, als würde er nur murmeln, aber doch eindeutig und unüberhörbar zu ihr „Südtirol“ herübergerufen.
Und der Spruch wird schon hinterherkommen. Das war die Kalkulation, mit dem Essen kommt der Appetit, mit dem Reden kommen die Leute zusammen, und mit dem Stänkern wird der charmante Spruch schon hinterherkommen. Sprich Fehlkalkulation. Weil leider kein Spruch weit und breit. Der Einwortspruch ist durch den Tankstellenshop gehallt, dass dem Brenner ganz übel geworden ist. Südtirol!

Oder pass auf: Das muss ein schwacher Jahrgang 2009 gewesen sein, wenn über einen, na, wie soll ich das nennen, „verlängerten“ Kriminalroman die FAZ-Kritikerin befindet: „gibt der deutschen Gegenwartsliteratur die Lust am Text zurück“. Scheint’s, hat’s schreiben wollen die Lust am Fritz Eckhardt, Ossy Kolmann und Otto Jaggberg, das war dem Redakteur dann zu kryptisch für die jüngere Generation, für den Brenner aber keineswegs. Oder der Martin Halter, Rheinische Post: „Der siebte Brenner-Roman ist der beste.“ Ha ja, wenn du immer Angst hast, es kommt gar keiner mehr nach. Oder Peter Körte wieder für die FAZ, ihr Sonntagsblattl dieses Mal: „Jeder Satz ein Sprengsatz.“ Wo „Jeder Satz ein Sickergrubendeckbalken“ es zutreffender ausgedrückt hätte. Oder eine Christine Westermann für den WDR: „Dieses Buch sollte man gar nicht beschreiben. Man muss es lesen.“
Na jaaa! Ist jetzt leider doch passiert, da kann man’s auch lassen.

[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2016-04-19)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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