Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 


Rezensionen


 
Judith Hermann - Sommerhaus, später
Buchinformation
Hermann, Judith - Sommerhaus, später bestellen
Hermann, Judith:
Sommerhaus, später

Bei amazon bestellen

(Bücher frei Haus)

Und jetzt mal was von einer Frau, deren Werke ins Isländische, Norwegische, Schwedische, Dänische, Lettische, Polnische, Tschechische, Ukrainische, Slowenische, Serbokroatische, Türkische, Japanische übersetzt worden sind. Und in noch ein paar andere Sprachen. Reich-Ranicki: „Eine hervorragende Autorin. Ihr Erfolg wird groß sein.“ Karasek: „Der Sound einer neuen Generation.“

Was nicht ganz korrekt ist. Es gab doch mal eine Zeit, da mussten alle guten Storyschreiber der Welt so ähnlich wie Raymond Carver klingen. Das ist der, nach dessen Geschichten der Film „Short Cuts“ gedreht wurde. Er war Alkoholiker und starb am Lungenkrebs mit fünfzig. Er ist sehr gut. Wie man zum Beispiel bei Ingo Schulze nachlesen kann, der auch zu denen gehört, die wie Raymond Carver schreiben mussten. Heute ist das allerdings nicht mehr so in, Carver starb auch schon 1988.

Die Zeit, von der ich spreche, lag ums Jahr 2000 herum, als deutsche Prosaautoren endlich wieder das Weltniveau erstiegen. Man konnte Bücher veröffentlichen, in denen an keiner Stelle Juden, Skinheads, Stasi, Atomkraftwerke, Kriege, gequälte Frauen, vergewaltigte Kinder oder so etwas vorkamen. Es reichte aus, was über ein paar alte Leute zu schreiben - oder die Liebelei auf einer Karibikinsel. Als Deutscher durfte man das jetzt wie alle anderen auf der Welt wieder tun. Eine Bewohnerin in dem amerikanischen Altersheim, das eigentlich ein Billighotel war, hieß Miss Wenders. Nur so als Hommage. Mrs. Carver hätte sie heißen können.

Das Seltsame, wenn man diese Hermann-Storys liest, ist, dass man anfängt über die Besetzung dieser Rollen in der Verfilmung nachzudenken. Man sieht das deutlich vor sich, dies hier ist Moritz Bleibtreu, der dort Daniel Brühl, Johanna Wokalek, August Diehl, Jasmin Tabatabai, Hannah Herzsprung, Andreas Schmidt, Sylvester Groth und so weiter. Man käme nicht auf die Idee, dass man selber in auch nur einer einzigen dieser Storys vorkommen könnte. Man glaubt noch nicht mal, dass Judith Hermann irgendwo da drin ist. Aber diese deutschen Filmschaupieler auf Weltniveau, sie kann man gut erkennen.


Zitat:

Hunter stößt die große Schwingtür mit der flachen Hand auf, die Wärme zieht ihn hinein und nimmt ihm den Atem, auf dem grünen Hotelläufer zeichnen sich schwarze Fußspuren. Er betritt das dämmerige Foyer, dessen mit dunkelroter Seide bespannte Wände, weiche Ledersitzecken und große Kristallleuchter von der Unwiederbringlichkeit der Zeit erzählen, die Seide wellt sich, die Ledersitzecken sind durchgesessen und abgeschabt, in den Leuchtern fehlen die schimmernden, geschliffenen Gläser, und statt zwölf Birnen stecken in jedem nur noch zwei. Das Washington-Jefferson ist kein Hotel mehr. Es ist ein Asyl, ein Armenhaus für alte Leute, eine letzte verrottete Station vor dem Ende, ein Geisterhaus. Es geschieht höchst selten, daß sich ein normaler Hotelgast hierher verirrt.


Bis etwa 2003, schreibt Wikipedia, hätten die Absolventen des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und des Studiengangs „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus„ an der Universität Hildesheim diesem „Sommerhaus, später“ in zahlreichen, allesamt ein bisschen weniger erfolgreichen Storysammlungen nachgeeifert. Schon Judith Hermann hatte es allerdings von jemand anderem abgeschaut. Man verfasse eine im Großen und Ganzen knappe und spartanische Gegenwartsgeschichte. Man scheue unbedingt jeglichen Ansatz einer Erklärung, was es wohl aussagen, bedeuten könnte. Statt dessen platziere man mal hier, mal dort äußerst fein beobachtete Details im Text (Stichwort: Kameraauge).

Gut. Kann man so machen. Aber man wird dann leicht misstrauisch, wenn (ohne Bemerken seitens des Lektors) von einer Sängerin namens „Polly Jane Harvey“ die Rede ist, die in der Wirklichkeit aber Polly Jean Harvey heißt. Man kann den Irrtum verschmerzen, denn diese Dame pflegt ja sowieso immer nur abgekürzt „PJ Harvey“ genannt zu werden, so steht’s sogar auf ihren Platten. Dennoch, dieser Autor, der jede Winzigkeit wahrnehmen kann, hätte der etwas so Offenkundiges denn nicht sehen müssen?

[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2014-10-06)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



-> weitere Bücher von Judith Hermann ansehen

-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?

[ weitere Rezensionen : Übersicht ]

 



Aus unseren Buchrezensionen


JesusMaria. Christentum für Frauenvon Weizsäcker, Beatrice:
JesusMaria. Christentum für Frauen
Die Forschungen und die entsprechenden Bücher von katholischen und protestantischen feministischen Theologinnen der letzten Jahrzehnte haben, wenn man etwa an Dorothee Sölle und Luise Schottroff und deren Arbeiten auf den Kirchentagen denkt, eine breite Wirkung hinein in die einzelnen Gemeinden gehabt. Dennoch fühlen sich vielleicht [...]

-> Rezension lesen


 Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erzählt habeOates, Joyce Carol:
Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erzählt habe
Die Quaker Heights Day School ist eine angesehene Privatschule in der Nähe von New York. Marissa, einer der Hautfiguren des neuen Jugendromans von Joyce Carol Oates zählt zu den besten Schülerinnen dort. Ihre Noten sind hervorragend, die Lehrer schätzen ihre fundierten Kommentare, und so wundert sich niemand, als Marissa schon vor [...]

-> Rezension lesen


Die Geschenke meiner MutterEnger, Cecilie:
Die Geschenke meiner Mutter
Cecilie Enger, Die Geschenke meiner Mutter, DVA 2014, ISBN 978-3-421-04652-9 In Deutschland relativ unbekannt, ist die 1963 geborene Schriftstellerin Cecilie Enger in ihrem Heimatland Norwegen nicht nur eine bekannte Journalistin bei einer der führenden norwegischen Zeitungen, sondern auch eine erfolgreiche und mit vielen Preisen [...]

-> Rezension lesen


 ArztromanMagnusson, Kristof:
Arztroman
Sein Roman „Das war ich nicht“, den er 2010 im Milieu der Finanzwirtschaft ansiedelte, überzeugte damals nicht nur die Kritik, sondern eine große Zahl von Lesern. Schon damals überzeugte Kristof Magnusson, der sich auch als Übersetzer einen Namen gemacht hat durch eine genaue Recherche des Gebiets, in dem er seinen Roman [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net



005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2017 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.017890 sek.