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Rezensionen


 
Judith Hermann - Nichts als Gespenster
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Hermann, Judith:
Nichts als Gespenster

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(Bücher frei Haus)

Zitat:

Bei Alice Munro gelangt man lesend wie Hand in Hand mit ihr zu der Erkenntnis eines Augenblicks; das ist eine merkwürdige und eher seltene Form von Gemeinsamkeit mit einem Autor.
Judith Hermann in einem Nachwort, das sie für einen Erzählband der kanadischen Nobelpreisträgerin schrieb.

Ob man sich von diesen 50-Seiten-Geschichten mit immerzu Ich-Erzählerinnen, den 20- bis 40-jährigen Protagonisten, den delikat angerichteten Reiseziel-Schauplätzen (stiller Badesee bei Berlin, Hotel in Nevada, Café in Venedig, Aussichtspunkt bei Karlsbad, Kneipe in Prag, eingeschneites Haus in Island, Hafen in Norwegen), den stets mehr als zwei Personen, von denen immer wenigstens zwei männlich sind, damit die Frau mit ihren Gefühlen hin und her schwanken kann, sich annehmbar intelligent gelangweilt oder geradezu genervt und angepisst fühlen wird, bleibt sicher Geschmackssache.

Selten zuvor bin ich durch eine Abfolge von fünf männlichen Bezugspersonen mit fünf verschiedenen Vornamen in größere Verwirrung geraten als hier, wer war denn noch mal Jakob, wer Lukas, keinen hatte ich vorher wirklich plastisch vor Augen gehabt, aber die Protagonistin natürlich und die wusste darum, wer welcher war. Die wusste wenigstens, dass es keiner von denen war, mit denen sie jetzt am Tisch des Lofts saß und etwas trank.

Judith Hermanns Protagonisten gehören einer sozialen Schicht an, die man die stilvoll wenig Tuenden, massig Zeit fürs gesprächsweise Durchkauen ihrer Gefühlen Habenden nennen könnte. Maler, Kameraleute, Stipendiaten. Man arbeitet aber schon auch hart, nur nicht so unablässig, dass man nicht zwischendurch Wodka saufen könnte in den ausländischen Strandhäusern oder Hotelzimmern, wo man sich gerade aufhält. Man ist cool, sonnenbrillig, haarmähnengebändigt, durchtrainiert, aber prollig ist man bei ihr nie. Kommt man nach Prag, denkt man gleich, dass die Eltern einem den Laurenziberg und den Hradschin und Kafkas Grab als Pflichtpensum genannt hatten - und beschließt, das alles mal zu schwänzen.

Einziger Lebensinhalt von Hermanns Personals scheinen die instabilen, sanft schon zerfließenden Beziehungen und Bindungen zu sein. Gleich auch immer dieses Grummeln von hinter dem Horizont herauf. Der Leser, gewieft wie er nun mal ist, sieht kommen, dass sie sich früher oder später das Küchenmesser durch die Kehle stechen werden, einen auf Jack Nicholson in „Shining“ machen. Aber jedes Mal kommt es doch nicht so. Sondern vorzugsweise tauscht sie halt den Mann in ihrem Bett aus.

Und dann, das muss man vorher unbedingt wissen und sich darauf einstellen, wird in keiner der Geschichten die eigentliche Geschichte je erzählt. Sondern immer - supermodern - irgendwie durchblicken gelassen. Man muss sie sich aus zwanzig versteckten Hinweisen selbst zusammenreimen, sonst begreift man die emotionale Magenverschlingung dieser Figuren nicht zur Hälfte. Ich habe möglicherweise in 50 Prozent der Fälle nicht gemerkt, was wirklich Sache gewesen ist. Und darf von daher hier nichts schreiben.

Zumindest braucht man bei Judith Hermann keine Angst zu haben vor stilistisch Auftrumpfendem, Wortgeklingel, opulenter Satzkonstruktion, undurchsichtiger Symbolik. Sondern, was ja zu loben ist, rundherum nur Praktisches, Nüchternes, wörtlich Gesagtes, kurz, klar, karg, informativ. Wir machen mal einen Satz, wie er im Buch vorkommen könnte: „Die Wolke sah wie ein giftiger japanischer Kampffisch aus und stand drei Kilometer über Sinja, während hinten im Bild ein alter Mann über den Strand schlurfte.“ So etwa. Kein Anspruch auf Treffgenauigkeit.

Man wird sich sagen, endlich hat auch eine Schriftstellerin aus Berlin den Augenblick richtig erkannt. Die ist da nicht drüber geflogen oder drunter durch gerobbt wie sonst die deutschen Schreiber alle. Allerdings ist das mit den klar erkannten Augenblicken so eine Sache, wenn das ständig dieselbe Kategorie Augenblick wird. Es ist nicht der Augenblick, wenn du in der Mensa dein Tablett aufs Geschirrwegbringband stellst. Es ist nicht der Augenblick, da du bei Deichmann einer pummeligen Twen in sehr viel Rosa bei ihrem Schuhanprobieren zuhörst. Es ist kein Augenblick, einen Kragen zu bügeln oder den Müll runter zu tragen oder die Bild aufzuschlagen. Es geht nicht etwa darum, dass ein alter Mann seinen Rollator in den Stadtbus wuchtet und ihm ein lauter Pups entfährt. Nein, beim erkannten Augenblick à la Hermann geht es um den Ratlosigkeitsaugenblick in der Partnerbeziehung zweier halbwegs junger Kreativmenschen.

Zitat:

Ich sank bis zur Brust ein und trat und schlug um mich, ich schleuderte Schuhe und Sonnenbrille und Zigaretten ans Inselufer und holte Luft.

Drei Minuten Klarsichttüte für unseren gestressten Kopf. Das war jetzt ein Augenblick im Sommer an einem Märkischen See. Aber es geht hier um den Typ, mit dem sie dorthin gefahren war. Wir Feinfühligen merkten es doch gleich.

Zitat:

Owen sagte „Ich habe I love you zu Sikka gesagt“. Ich schwieg. Ich sagte „Wann denn?“, und er sagte „Als du Ari Oskarsson geküßt hast, im Café Barinn. Ich bin zu ihr rübergegangen und habe I love you gesagt, da und später auch noch mal.“ Ich sagte „Und warum hast du das gesagt?“, und Owen dachte darüber nach und dann sagte er „Nur so aus Spaß. Sie hat auch darüber gelacht“. Wir schweigen eine Weile lang und traten von einem Bein auf das andere. Der Wind war ziemlich kalt und er pfiff um den Leuchtturm herum. Die Fenster der verlassenen zwei Häuser waren mit Brettern vernagelt.


[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2015-04-25)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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